Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Honk (34)

Sommerzeit ist Honkenzeit. Einer löst den anderen ab. Staffelstabparade. Ist der eine weg, kommt bestimmt der nächste. Es ist die Temperatur. Der Luftdruck. Feuchtigkeit. Da drehen sie frei. Da kommt es zur Kurzschlüssen in den Synapsen. Totalausfällen im gesellschaftlich adäquaten Auftreten. Hemmungsloses Sich-Gehen-Lassen. Die Dämme brechen. Nur noch wenige haben sich im Griff. Hier in der Hauptstadt sowieso. Die Hitze, die Hitze, der schmelzende Asphalt schmelzt jede Geduld gleich mit, von der sie hier sowieso nicht viel haben.

Was ist denn jetzt los? Da steht ein Honk vor einem kaputten Aufzug. Kaputt im Sinn von: Der geht nicht. Das kommt immer mal wieder vor in Berlin. Meine Stadt ist das Epizentrum der Infrastrukturapokalypse. Rolltreppen, Aufzüge, S-Bahn, Verwaltung, hier geht nix. Ich habe manchmal das Gefühl, Podgorica kommt dem Ziel einer funktionierenden europäischen Hauptstadt näher als mein versumpftes verfilztes Groschengrab von Metropole dieses so konträr dazu arroganten europäischen Hegemons.

An dem Aufzug klebt ein Zettel, dass er nicht funktioniert und dass ein Reparaturdienst beauftragt wurde, der sich unverzüglich an die Arbeit machen wird. Unverzüglich, nach mein Kenntnis gilt das sofort, unverzüglich. Günther Schabowskis Sätze zur Maueröffnung waren das Letzte, das in dieser Stadt als unverzüglich angekündigt und dann auch wirklich unverzüglich geschah. Ansonsten gilt hier: Unverzüglich heißt irgendwann. Ungefähr dann, wenn der mit Salzlake bestrichene Auftragsbogen im Hängeregal gut durchgezogen ist und die Salzkristalle flocken. Dann kann man ihn anschneiden und auf eine Pizza legen. Zusammen mit dem Rucola vom Balkon. Unverzüglich. Haha. Unverzüglich richtet sich hier nach dem sinnlosen Fahrplan der S-Bahn, der Laune der pubertierenden Tochter von Wirt Stulle aus Wedding. Oder dem Mondkalender. Abnehmender Mond ist erst wieder in zwei Wochen, ich bin untröstlich. Bis dahin können Sie ja Treppen laufen. Oder Kuchen essen. Unverzüglich. Hoho. Unverzüglich kann sich auch nach der Menstruation der Frau vom Aufzugsreparaturmeister richten. Oh. Heute nicht. Morgen auch nicht. Der Apache ist da, da machen wir alles, nur diesen Aufzug nicht. Sorry, Regel ist Regel, hahaha, Wortspielficker.

Während ich über die vergammelten Auswüchse meiner vernachlässigten Stadt sinniere, steht der Honk immer noch da und beginnt damit, den Zettel anzupöbeln:

„Die schreibn’n ick soll Vaständnis ham. Vaständnis! Hab ick nich. Hab keen Vaständnis. Un’n wat machense jetze, wenn ick keen Vaständnis hab? Bringt och nüschte, iss dann imma noch nich repariert un’n ick muss Treppn’n loof’n. Eene vadammte Scheiße is dette, ick hab keen Vaständnis für den Drecksaufzug. Dit Ding is …“

Ich habe derweil keine Ahnung, ob er mit mir redet und was er sich von der Tirade verspricht, doch ich halte es auch heute wie mit allen einsamen Pöblern in Berlins öffentlichem Raum – ich gehe auf Abstand, konkret: Ich gehe die Treppe hoch und frage mich, ob seine Geduld mit dem unveränderlichen Status Quo der Stadt einfach nur vor lauter Niedergang liebgewonnener Dinge wundgescheuert ist oder was ihn dazu gebracht haben könnte, ausgerechnet heute hier an dieser Stelle der Neurose freien Lauf zu lassen und sein Elend einem Zettel an einem Aufzug zu klagen, der doch nur die Illusion darüber schaffen soll, dass die Verantwortlichen die Lage im Griff haben und sich kümmern. Die Hitze, es wird die Hitze sein. Was sonst? Hitze, Regen, Schnee, Westwind, außergewöhnliche Wettersituationen schlagen sich hier schnell auf das Gemüt der Menschen nieder. Das ist hier so. Und wenn es wieder so ist, dann leiden sie. Dann geht es ihnen schlecht. Öffentlich. Plakativ. Damit alle was davon haben.

Inzwischen angekommen in Etage 3 höre ich ihn immer noch den Zettel anmaulen: „Vaständnis. Hab ick nich, hab keen Vaständnis, hab ick nich…“

Die Sonne scheint. Mir ist warm. Und da unten steht El Honko und der Zettel vor ihm markiert den Trigger der Verdammnis. Glückwunsch.


Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Honk (33)