So ein Europäer will ich gar nicht sein

Diplomaten bestätigen: Schäuble erwägt Grexit auf Zeit

Mit mir haben sie das gemacht, was sie in meiner Schule mit allen Jugendlichen gemacht haben. Sie haben versucht, mich zum Europäer zu erziehen. Reisefreiheit. Menschenrechte. Europäische Familie. Nie wieder Krieg. Das habe ich aufgesogen. Das kommt mir entgegen. Einmal am Balaton Urlaub gemacht und auf 900 km drei Staatsgrenzen überquert. Und immer die Ausweise vorgezeigt. Und irgendein Arsch glotzt in den Kofferraum. Was soll der Scheiß? Ich brauche das nicht, weder zur Identifikation meiner selbst noch zum Schutz vor irgendwem. Ich bin ein interkultureller Bastard aus einer in jeder Hinsicht zerrissenen Familie und Reinrassige waren mir immer suspekt. Was kann jemandem wie mir besseres passieren als Europa?

Worauf das hier hinausläuft, dürfte den Meisten schon mit dem zweiten Satz klar gewesen sein und genau aus diesem Grund lasse ich weitere Stilmittel wie eine sich bis ins Überdrehte steigernde Einleitung einfach mal weg, in der stehen würde wie ich zum ersten Mal mit InterRail durch Europa gefahren, mit den ersten Menschen aus einem anderen Land in Kneipe, Küche und Bett gelandet oder in Limerick whiskyweinend an irischen Schultern gelehnt bin. Ich schenke mir das alles und reduziere die Dinge auf die Kernaussage, die mir wichtig ist: Mein Europa war Pathos. Leidenschaft. Viele Menschen von Portugal bis Polen, von Finnland bis Sizilien. Für diese Idee, die sie mir vermittelt haben, habe ich gebrannt, wenn ich auch sonst für nichts, was sie von mir wollten, gebrannt habe. Europa. Ich fand, das war eine gute Idee.

Auch als sie den Euro als Bargeld eingeführt haben, war ich ganz vorne mit dabei. Zur Jahreswende 2002 war das und ich war gerade in Amsterdam. Den Spliff im alten Jahr habe ich noch mit Gulden bezahlt. Am Neujahrsmorgen hatte ich meinen ersten Euro in der Hand. Auf der Rückseite war da diese komische Königin drauf, mit der ich auch in Berlin würde bezahlen können. Ziemlich gutes Gefühl. Und so praktisch. Ich muss ab sofort nie wieder für Amsterdam, meinen ewigen Fluchtpunkt, Geld wechseln und mich dabei von Wichsern übers Ohr hauen lassen, nur weil ich nicht gut rechnen kann. In DM bezahlen, in Gulden zu wenig zurück bekommen und es nicht raffen. Dumme Wechselkurse von vorgestern, die so schlecht sind, dass ich sie garantiert bezahle. Und nicht zu vergessen die völlig willkürlichen Aufschläge, Gebühren, erfundenen Steuern für Dödel. Vorbei. Wir machen jetzt Europa und da läuft das nicht mehr.

Ich versuche es noch einmal auf einen griffigen, wenn auch abgedroschenen Satz zu bringen: Ich war wirklich mit dem Herzen dabei. Mir konnte es gar nicht schnell genug gehen mit der Einigung. Grenzenlos bis zur russischen Steppe. Ein Land, eine Währung. Klar. Warum geht das denn eigentlich nicht schneller mit der ganzen Integration? Was ist daran so schwer? An ein paar begriffsstutzigen Honks ohne Blick für das Ganze, dafür mit NPD-Ausweis, kann das doch wohl nicht liegen.

Und jetzt bringe ich den Cut, die kalte Dusche, den Schlenker, die Kehrtwende, die auch schon seit dem zweiten Satz klar ist: Mit dem Bild, das Europa seit einigen Jahren, jedoch im Speziellen in den letzten Monaten abgibt, kann ich mich nicht mehr gemein machen. So ein Europäer will ich gar nicht sein. Wenn das Europa sein soll, dann will ich das nicht, dann könnt Ihr euch eure ganzen Fähnchen, teuren Werbebüros, Unterrichtseinheiten und Werbeclips sparen, dann zieht das nicht.

Denn Ihr habt es geschafft, dass Europa mich anekelt. Ich finde den Umgang mit Anderen, mit Schwächeren, mit Minderheiten, anderslautenden Meinungen widerwärtig, es macht die Idee kaputt und führt sogar dazu, dass ich es schade finde, dass Helmut Kohl nicht mehr regiert. Sogar der hätte es besser gemacht. Jetzt noch würde er es besser machen.

Das Bild ist erbärmlich. In den Schaltzentralen sitzen die Technokraten. Das Sagen haben Technokraten. Die Mehrheit stellen Technokraten. Ihren Willen setzen durch: Technokraten. Die Presse jubelt hoch: Die Technokraten. Es geht um Exceltabellen, Nachkommastellen, Prozentsätze, mit denen sie die Armen be- und die Reichen entlasten wollen. Doch. Ja. Bitte. Nehmen Sie zur Kenntnis, was seit 2008 faktisch und nachweislich passiert und gehen Sie mir weg mit Ihrem anachronistischen Abwehrreflex. Denn mit Kommunismus hat so eine simple Feststellung nichts zu tun. Europa rettet seit 2008 kontinuierlich die Spekulanten (und ich weigere mich, dieses Kroppzeug verbrämend Finanzindustrie zu nennen, es sind Spekulanten, denen sie finanzielle Massenvernichtungswaffen in die Hand gegeben haben). Und wenn die sich verspekulieren, dann retten sie die. Eine Heuschrecke nach der anderen. Und sie hören nicht mal damit auf, wenn das, was sie da tun, in den letzten kritischen Nischen des Öffentlich-Rechtlichen Fernsehens für jeden einsehbar dokumentiert wird. Sie machen einfach weiter.

Und die logische Folge dieser Umverteilung von unten nach oben sind Jugendarbeitslosigkeitszahlen aus dem Horrorkabinett, die in Spanien und Griechenland schon längst die 50% gerissen haben. Und Italien kratzt auch schon dran. Portugal kriegt das auch noch hin. Was noch? Zweieinhalb Millionen Menschen in Griechenland haben keine Krankenversicherung. Fahren Sie doch mal hin. Oder meinetwegen auch nach Portugal, wenn Sie vor lauter Bild-Zeitungsgetöse Angst vor Griechenland bekommen haben. Die Leute stehen wieder Schlange vor den Armenküchen. Sehen Sie das nicht? Nein? Ach so, man fährt Sie im klimatisierten Bus vom Flughafen direkt ins Resort. Auf der Autobahn. Nein, dort gibt es keine Armenküchen, da haben Sie Recht. Gehen Sie mal raus aus den Resorts. Oder besser gar nicht erst rein. Mischen Sie sich unters Volk. Atmen Sie ein wenig Realität. Reden Sie mit Menschen, die nicht dafür bezahlt werden, Ihnen freundlich lächelnd neue Klopapierrollen aufs Scheißhaus zu bringen. Schauen Sie dem Kontinent aufs Maul. Es geht ihm nicht gut. Vielen Menschen geht es nicht gut. Es herrscht Krise und die, denen es nicht gut geht, haben sie zwar nicht verursacht, baden sie aber aus. Noch ein Häppchen vom Buffet? Die Krebsschwänze sind raffiniert. Die machen da Estragon ran.

In der Krise zeigt sich der Charakter der Menschen, sagte meine Oma selig. Wer in der Scheiße zu dir steht, ist ein guter Mensch. Sage ich.

Die Charaktermerkmale derer, die die Deutschen vertreten, bestehen mitten in der Krise aus Arroganz, Häme und unfassbarer menschlicher Kälte. Der Nationalismus ist wieder da, seine hässliche Fresse koddert ganz offen von den schmierigen Seiten des Boulevards und inzwischen immer weniger verschleiert von den piekfeinen Blättchen der bürgerlichen Presse. Die Griechen. Pleite-Griechen. Verkauft doch eure Inseln. Hausaufgaben. Machen. Am Ende habe ich ein Video verlinkt. Schauen Sie das. Ich will das nicht alles zitieren müssen.

Empathie bedeutet, sich zumindest vorstellen wenn nicht gar fühlen zu können, was Worte und Taten in der Seele eines anderen Menschen bewirken. Doch Empathie hat hier keiner mehr, der in den einflussreichen Blättern dieses Landes Meinungsmache betreibt während ich nur hoffe, dass sie uns das irgendwann, wenn alles vielleicht doch mal überstanden ist, verzeihen werden, diese Hetze, diese Morallosigkeit, diese Unmenschlichkeit, diese kompromisslose Kälte. Ich stecke doch mit drin. Ich wohne doch hier. Noch dazu in ihrer Hauptstadt. Ich muss mir das doch ankreiden lassen. Denn ich halte die, die das alles zu verantworten haben, in ihrem Ungeist nicht auf.

Das Europa 2015 ringt mir keinen Pathos mehr ab. Es steht nur noch für die Herrschaft der Buchhalter, für die Ablehnung demokratischer Instrumente wie Abstimmungen, für das Mobben legitimer Regierungen, das Europa 2015 steht für tausende ersoffene Flüchtlinge im Mittelmeer, Überwachung, Militarisierung, Freihandel zugunsten der globalisierten Konzerne, und ganz sicher steht es für furchtbar unsympathisches Personal, dem hoffentlich keiner von uns auch nur fünf Minuten seine Kinder anvertrauen würde.

Und es steht für Plünderung. Sie plündern Ihre Rentenkassen. Ihre Infrastruktur. Ihre Sozialkassen. Ihre Lebensversicherungen. Ihre Zukunft. Das, was sie damals in der Schule unser Gemeinwesen genannt haben. Das bauen sie ab. Das privatisieren sie. Das sourcen sie aus. Das wollen sie haben und verscheuern. Und davon sehen die Griechen, gegen die die Nebelkerzen geworfen werden, im Übrigen gar nichts. Das geht zu den Spekulanten, die inzwischen überall euphemistisch Geldgeber genannt werden als würde das etwas an dem ändern, was sie tun.

So ein Europäer will ich gar nicht sein. Sie haben mich angelogen. Es geht gar nicht um Menschenrechte. Europäische Familie. Nie wieder Krieg. Es geht um Profite. Und Disziplinierung. Dominanz. Und schon wieder sind es die Deutschen. Kann den Scheißjob nicht mal jemand anderes machen? Müssen immer wieder die Deutschen so bereitwillig die Rolle dessen einnehmen, den alle hassen weil er sich wie ein Arschloch aufführt? Muss das sein?

Und da ist es inzwischen auch egal wie die ganze Sache letztlich ausgeht. Das Säbelgerassel, das traurige Geschacher, die miesen Machtspielchen haben alles beschädigt, was sie den armen Irren, die dem Marketing geglaubt haben, jahrelang als Idee verkauft haben. Europa in der Form ist tot. Wurde totgemacht. Von Totschlägern, die sich Technokraten nennen.

Rumoren. Rumoren. Der Stammtisch heult bis zu mir ins Hinterhaus. Meh. Wir armen Deutschen. Wir sind so toll, doch alle zecken an uns, lutschen uns aus, wollen uns aussaugen anstatt einfach einzuräumen, dass wir so toll sind. Alle undankbar. Wir gegen alle. Alle gegen uns. Wir Armen. Und ich frage mich, ob diese Haltung jenen, die sie geil finden, jemals in der Geschichte nachhaltig etwas einbrachte. 1871 vielleicht. Hielt nicht mal 50 Jahre. Seitdem führte das zu nichts mehr. Immer kam schnell einer, der stärker war und dafür gesorgt hat, dass sich das Arschloch wieder für eine Weile benimmt. Und nein, ich glaube nicht, dass es ratsam ist, so bereitwillig und mit diesem vollen Vorsatz das Arschloch in Europa zu sein, vorausgesetzt man erwartet mehr vom Leben als jeden Morgen auf sein Spiegelbild im Schlafzimmer zu ejakulieren, weil man sich als Einziger ganz besonders toll findet.

Jetzt mal was ganz Revolutionäres, auf das bestimmt noch niemand kam: Wie wäre es denn einmal ausnahmsweise mit der Rolle des freundlichen Hegemons? Einer, der integriert. Moderiert. Den Laden zusammenhält. Gelassen führt. Teilt, wenn er damit Ärmere satt macht. Damit dieser Kontinent so zusammenwächst wie sie es uns in der Schule beigebracht haben. So wie es die Amerikaner früher mal gemacht haben. Zumindest haben sie mir auch das in der Schule erzählt. Marshall-Plan. Schokolade für die Kinder. Schulen. Bibliotheken. Der freundliche Hegemon.

Stattdessen Schäuble.

Ich habe zum ersten Mal Sorge, wenn ich in Europa unterwegs bin. Das hatte ich noch nie. Das ist neu. Und es gefällt mir nicht. „Die macht mir mein Europa kaputt“, soll Helmut Kohl über seine Nachfolgerin gesagt haben. Meines auch, sage ich. Meines auch.


Wer sagt eigentlich, dass man als Comedian keine Haltung haben darf?