Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Honk (33)

Es ist ein Fluch. Wo ich bin, sind sie auch: Die Honks. Sie verfolgen mich. Ich kann hingehen wo ich will. Will ich aus der S-Bahn aussteigen, steht ein Honk mitten im Weg und drängelt sich an mir vorbei bevor ich aussteige. Oder die vor mir Aussteigenden stehen noch einen Moment vor der Tür auf dem Bahnsteig herum und atmen die Magie des Ortes ein, so dass ich mich an ihnen vorbeizwängen muss.

Gerne sitzt der Honk aber auch während der Fahrt neben mir und schreit sein trauriges Privatleben in sein Handy oder zieht sich den neuen Bushido-„Isch fick dein Kopf durch deine Arschelöscher“-Track mit Videoclip – dafür ohne Kopfhörer – rein.

Stehe ich mit dem Kinderwagen am Fahrstuhl, drängelt sich garantiert ein Fahrradhonk vorbei, was dazu führt, dass ich nicht mehr mit reinpasse und auf die nächste Fahrt warten muss. Oder es drängelt eine Horde Omahonks. Touristenhonks. Andere Elternhonks, gerne mit Doppelkinderwagen.

Auch sehr beliebt: Der Kollegenhonk in diesem Borgwürfel von Arbeitsplatz, der kurz vor Feierabend eines dieser quälend zähen Meetings ansetzt, auf denen stundenlang ohne greifbares Ergebnis Belanglosigkeiten ausgetauscht werden und die Selbstdarsteller von Führungskräften ihren Urin im Käfig verspritzen. Oder wie wäre es gleich mit dem besoffenen Honk, der mir nachts in meinen Hauseingang pisst, nachdem er dort schon eine halbe Stunde lang die Welt angeklagt hat.

Honks begleiten mich mein ganzes Leben schon. In der Schule sitzt der Honk vor mir und ich muss die ganze Zeit in sein haariges Bauarbeiter-Dekolleté schauen, weil er zu blöd ist, wenigstens seine Unterhose unter seiner viel zu kleinen Jeans hochzuziehen. Oder es ist ein Honk mit einem Gesicht wie Harry Potter, der fingerschnipsend in die Rosette der desillusionierten Trauerfigur von Sozialkundelehrer kriecht.

Will ich im Kino einen Film schauen, kann ich mir sicher sein, dass ein Pulk Honks hinter mir sitzt und gegen meinen Sitz tritt während neben meinem Schuhkarton von Wohnung ein ADHS-Nachbarhonkenkind seine Umwelt terrorisiert und Bauklötze gegen meine Schlafzimmerwand schmeißt. Nachts. Wann sonst …? Ach ja, und die Honkenmutter vom Dachgeschoss hat ihrem Kind jetzt ein Schlagzeug geschenkt. Na klar. Das Ding blechert durch das gesamte Haus, manchmal unterlegt vom Technogestampfe der Honkenschlampe über mir. Es ist ein Elend.

Und die schlimmsten Honks warten im Supermarkt an der Kasse und quälen mich durch stetige Wiederholung ihrer Rabattscheiße, auf dass ich irgendwann vor Entnervung einknicke: „Haben Sie einen Paybackkarte? Sammeln Sie Treuepunkte? Treueherzen? Treuekrebsgeschwüre? Treuehirntod gefällig? Treuehaumichweg? Warum schauen Sie so angestrengt? Stecken Sie die Pistole wieder ein, Sie machen sich ja unglücklich!“

Im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, dem schönsten Platz dieser Stadt, wird heute Carmina Burana gegeben. Carmina Burana kann man sich immer dann reinziehen, wenn man Kulturbeflissenheit vortäuschen aber sich nicht über Gebühr langweilen will. Weil es gibt da diese Pauke am Anfang, in der Mitte und am Schluss und diesen aus Funk und Fernsehen bekannten Chor, der Sie jedes Mal wieder wach macht, bevor Sie in den Tiefschlaf und damit ins Schnarchen verfallen.

Der unvermeidliche Honk sitzt heute neben mir. Wo sonst? Sie sitzen immer neben mir. Er hat ein iPhone. Das Licht wird gedimmt und das iPhone leuchtet weiter. Er hat die Tastentöne an und zwar genau in der Lautstärke, dass nur ich und seine debile und so wie sie aussieht von Russisch Escort bestellte Frau neben ihm sie hören können. Er tippert was. Das Konzert geht los. Es leuchtet von links. Er tippert immer noch. Nach dem Auftakt-Chor wird das Stück sehr ruhig. Dann klingelt sein iPhone. Es klingelt tatsächlich. Das gibt’s doch nicht. Okay, das war jetzt nicht ganz so laut wie die anderen Honks in der S-Bahn, zugegeben, aber jetzt steht er auf, hechtet nach draußen und tritt mir dabei auf den Fuß.

Russisch Escort, die aussieht als wäre jeder Körperkontakt mit ihr aus Altersgründen strafbar, grinst ein gruseliges totoperiertes Charles Manson-Grinsen und schaut bewundernd von hinten auf den, der so wichtig ist, dass er in so einem Moment plappernd raus muss.

In der Pause lehne ich mich zurück, freue mich, dass ich nicht wichtig bin, schaue nach oben auf das sensationelle Panorama des Saals und lasse wirken. Jetzt kann ich das. Denn der Honk kommt nicht wieder. Russisch Escort bleibt allein.

Ach …

Weg ist er und kommt auch nicht wieder, weg ist der Honk, weg ist der Stress, die Musik wirkt, der Saal wirkt. Was ganz besonderes haben wir hier. Und das in Berlin. Ich komme runter. Atme Entspannung, so lange ich kann, denn der nächste Honk kommt bestimmt. In der U-Bahn später. Oder schon früher auf dem Weg dahin. So viel ist sicher. Wir sind ja hier in Berlin.


Es ist ein alter Text, den ich vor ein paar Jahren auf der Bewertungsplattform Qype geschrieben und bebildert habe. Der erste über Honks. Damit fing es an. Die Ursuppe quasi. Ausnahmsweise bekam dieser Beitrag, den ich zum Konzerthaus am Gendarmenmarkt geschrieben habe, keine Beschwerden und blieb genau so stehen ohne dass sie ihn mich umschreiben ließen, weil sich wieder jemand diskriminiert gefühlt hat.


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