Der Fanboy von Frau Sass

Katrin Sass tritt auf. In der „Bar jeder Vernunft“. Und ich mag schon wieder nicht mehr. Diese Wortspiele machen mich fertig. Ruinieren mich. Bringen mich um. Ich dachte, damit wären wir durch. Wortspiele mit den Namen von Lokalen sind nicht einmal mehr Nullerjahre, Wortspiele mit den Namen von Lokalen sind 90er und spielen in einer Liga mit Dr. Alban, Heike Makatsch und Büchern aus Papier. Und dann schon wieder Bar, ja klar, Bar drängt sich für Wortspiele geradezu auf, deshalb gibt es immer noch an jeder Ecke eins. Ach was soll’s, ich mach‘ noch einmal mit und fordere eine Bar Busig auf dem Osteuropastrich in der Kurfürstenstraße, eine Bar Mizwa in Marzahn-Hellersdorf, um die Nazis zu ärgern, eine Bar Celona auf der Spaniersammelstelle, die andere Schlesische Straße nennen, und schließlich eine Bar Acke am S-Bahnhof Friedrichsfelde-Ost, direkt neben dieser verkeimten Currybutze mit dem Wellblechdach. UnsichtBar, WunderBar, Bar Acke, Bar Mizwa, Bar Busig, Bar Tender, haha wie witzig. Oh mein Hirn.

Ich freue mich dennoch sehr auf diesen Abend. Katrin Sass ist eine der wenigen Frauen, die mich beeindrucken. Dieses Charisma. Diese Rotzigkeit. Diese Schnauze. Ich mag das. Das ist Reibeisen. Schleifpapier. Hilti- statt Tchibobohrmaschine. Eine Urgewalt von Frau.

Dafür gehört mein Kellner zu den wenigen Männern, die mich beeindrucken. Er ist ein tuntiger Araber, so schwul wie es das Klischee hergibt ohne lächerlich zu wirken. Lipgloss. Dezent wackelnde Hüften. Glitzerjackett. Bombenfigur. Er sieht so unverschämt gut aus, dass ich überlege, etwas zu essen zum Drink zu bestellen ohne hungrig zu sein. Damit er ein weiteres Mal an den Tisch kommen muss.

Hinter mir sitzen Schwaben (ich kann auch nix dafür, ich wünschte, es wären Hessen oder Franken, aber das sind sie leider nicht). Schwaben. Na klar sitzen die da. Wo auch sonst? Wahrscheinlich rieche ich zu sehr nach Dinkelkeks vom Bioladen in der Prenzlauer, an dem ich vorhin vorbeigelaufen bin, und das bringt sie dazu, unter allen freien Plätzen diejenigen hinter mir zu nehmen.

Es ist ein Pärchen. Und sie fotografieren den Raum ab. Beide abwechselnd. Mit Blitz. Und zwar mit diesem Smartphoneblitz, der mehrere Sekunden sein fieses Neonlookalikelicht in den Saal ejakuliert bevor er endlich ein Foto klarmacht. Immer wieder. Sie machen es immer wieder. Dabei braucht man hier gar keinen Blitz, mit dem man doch nur unnötig seine Mitmenschen quält. Ich hasse sie. Sie benehmen sich daneben. Und sie sitzen natürlich hinter mir. Warum, Gott? Welche Sünde kann so eine Strafe nach sich ziehen? Ist es der viele Alkohol? Das Kiffen? Der Junkfraß? Das Ficken ohne Kondom? Der Besuch von Böhse Onkelz-Konzerten? Was ist es? Was?

Sie fressen als gäbe es kein Morgen. Jeder einen Ofenkäse zur Vorspeise, Rouladen hinterher und zuletzt einen Käseteller mit Trauben und Walnüssen obendrauf. Für jeden. Und weil das nicht reicht eine Runde Erdnüsse zum Mümmeln während des Konzerts. Was ist los? Habe ich den Kriegsausbruch verpasst? Müssen wir uns Reserven anfressen? Ist es soweit? Ist Putin da und führt ab morgen die Mangelwirtschaft ein? Meine Güte, dieser Appetit. Und die Schnepfe von dem Sack schlürft ihren Weißwein so lautmalerisch wie mein Kind seinen Kakao während er nach jedem dritten Bissen aufstößt und eine Wolke Giftgas mit Magensäurearoma an meinen Hinterkopf pustet. Ich möchte ihnen so gerne auf die Teller kotzen. Darf ich das? Darf ich?

Der Araber kommt zu mir und sagt: „Wollen Sie noch was bestellen? Während der Vorstellung gibt’s nix mehr.“ Ja. Will ich. Und zwar dich. Nackt. Mit Sprühsahne auf deinem Waschbrettbauch vor mir liegend. Plopp. Stattdessen bestelle ich Afri Cola. Light. Sie nennen es White. Afri White. Dürfen die das denn? Was wohl Twitter dazu sagt? Und gibt es da schon eine Petition zu? Wo bleiben die hysterischen Soziologiestudenten und ihre Hashtags?

Sexy-mini-super-flower-pop-op-cola. Frau Sass kommt auf die Bühne und die Schwaben hinter mir drehen vollkommen durch und brüllen enthusiastisch „Königskinder! Königskinder!“ Aha, sie kennen also den Namen der Konzertreihe. Dass das Grundgesetz Folter verbietet, halte ich in diesem Augenblick für einen Konstruktionsfehler.

Als sie zu singen beginnt, bekomme ich Gänsehaut. Ich kenne das schon. Die Stimme dieser Frau macht mir immer Gänsehaut bis runter in die Kimme. Es tut gut. Ich spüre Ansätze von guter Laune, gepaart mit einem Spritzer Melancholie.

Die gute Laune hält jedoch nur so lange an bis die Schwaben hinter mir den Inhalt der Songs diskutieren. Je lauter Frau Sass singt desto lauter reden sie. Des Lied isch ausm Oschda. Noi, ischs net. Freilich ischs des. Man sollte ihnen den Mund mit Seifenlauge auswaschen. Immerhin sind es keine Sachsen, wobei sie von der Intensität des Pochens in meinem Innenohr her nah dran sind. Wo sind eigentlich die Folterknechte aus den mobilen CIA-Knästen hin, die nicht unter das Grundgesetz fallen? Ich hätte da Bedarf.

Vorne an der Bühne ist die Situation nicht besser. Dort sitzt eine Runde vollgefressener und zugesoffener Matronen und nervt die Künstlerin mit aufgedrängten Zwiegesprächen, dümmlichen Zwischenrufen und rhythmischem Klatschen als wäre das hier der Musikantenstadl oder ein Helene Fischer-Konzert. Ich hasse Menschen. Ich hasse sie wirklich. Alle Menschen. Sack. Knüppel. Problem erledigt. Was ist das mit dieser ständigen Mitklatscherei in diesem Land? Was hat es damit auf sich? Was wollen sie damit erreichen? Und wem nützt das?

Wenigstens ist der Klaviermann von Frau Sass witzig. Er himmelt sie an wie ein Fanboy und ich erwische mich dabei wie ich es auch tue. Was für eine Frau. Eine Emotionsbombe. Charismaschleuder. Diese Wucht. Und sie gibt so eine feine Auswahl ihres Könnens: Die Lieder aus der Serie „Weissensee“, einiges von ihrem Album, fein Komponiertes aus der DDR und diverse Covers. Als sie Reinhard Meys „Über den Wolken“ interpretiert, stimmen die Schwaben hinter mir ein. Klar. Das kennen sie. Erst brummt der Sausack von Kerl, dann legt die Schnepfe mit hohem Summen los und zuletzt singen sie den ganzen restlichen verdammten Song mit. Ich möchte sie mit einer Klaviersaite erdrosseln, doch stattdessen drehe ich mich um und frage sie, was ihnen eigentlich fehlt und ob ich einen Arzt rufen soll. Doch sie verstehen mich nicht und glotzen nur wie Kühe.

Katrin Sass ist großartig. Ein streitbarer Geist. Kontrovers. Mit Sicherheit schwierig. Und nicht immer teile ich ihren Standpunkt. Aber sie ist notwendig. Sehr. Denn ich frage mich manchmal, was werden soll, wenn diese alten unbequemen Ostzonencharakterschädel irgendwann nicht mehr da sind und statt ihrer nur noch diese aalglatten megakorrekt optimierten Grinser ohne Biographiebrüche, die nie anecken, das Karma dieses Landes verpesten. Die Gesellschaft hat schon jetzt einen Mangel: Charakterköpfe gibt es zu Zeiten dieser bleiernen, nach zehn Jahren Merkel das Land wie einen Schimmelteppich bedeckenden Konsenssucht immer weniger, dabei hätte ich gerne mehr Zornige. Mitreißer. Mehr Leute, die auch mal beißen können. In den Clinch gehen. Und dabei vor Charisma fast platzen. Die will ich sehen. Die will ich hören. Die sollen sprechen. Denn ich kann diese ewige Watte nicht mehr ertragen, in die sich die blassen Langweiler hüllen, die den Diskurs beherrschen, diese Gestalten, diese Technokraten, diese Wortklauber, Rosinenscheißer, diese verdammten Puritaner, die mit 20 schon daherkommen wie Oberlehrer Lämpel bei Wilhelm Busch (und oft auch so aussehen) und die alles sind, nur nicht mitreißend.

Vielleicht wird aber auch alles gut. Vielleicht kann man erst im Alter so wie Frau Sass werden. Wenn man nichts mehr werden muss. Das Gröbste hinter sich hat. Wenn sie keinen Vorwand mehr haben, einen frühzeitig auszusortieren. Wenn man Narrenfreiheit hat. Frei von Zwängen ist. Vielleicht. Ja, vielleicht kommen welche nach, wenn Frau Sass mal nicht mehr ist. Vielleicht. Oder besser hoffentlich.