Der böse Onkel vom Dixiklo

Gestern war heute noch morgen. Es ist der Hockenheimring. Für ein Konzert, das nicht so ist wie andere Konzerte. Überdimensioniert. Krass. Anders.

Sie sind wieder da.

Dicke Titten. Kartoffelsalat. Fette Möpse. Pommes mit Mayo. Meine Güte.

Und hier eine Burschenschaft. Mit ’nem Peter Pan. Oder einer Elfe. Oder was das sein soll.

Was macht die denn da?

Ah. Die strippt.

Die auch. Und dann noch eine. Eine nach der anderen zieht blank. Ein Ritual. Es ist wie es ist. Der Kameramann richtet sein Ding auf irgendwelche Frauen und die ziehen sich aus. Okay. Dürfen sie natürlich, wenn sie mögen. Doch ist vielleicht auch etwas für die Freunde männlicher Körper dabei?

Sehr schön.

Ja doch.

Was? Nackte Oberkörper abfilmen und auf der Leinwand zeigen? Undenkbar anderwo? Kein Niveau? Natürlich. Niveau ist hier nicht, aber Niveau ist sonst schon überall und Niveau ist in seiner durchgesetzten und gesellschaftlich akzeptablen Form auf Dauer so furchtbar langweilig. Hier kennen sie das nicht. So sind sie. Und das ist ihr Leben. Hier feiern die, die um ganze Universen anders sind als die anderen und ich ziehe mir das rein. Ich ziehe mir immer die Dinge rein, um zu schauen, zu wissen, was dort geht, auf dass ich nicht die Dinge glauben muss, die andere berichten, die sowieso immer eine Agenda verfolgen und am Ende vielleicht sogar berichten ohne dort gewesen zu sein. Außerdem mag ich die Musik.

Wir sind stinkefaul und arbeitsscheu! – brüllt es von der Seite. Es sind ein paar Dicke mit Pilsette am Hals. Einer von denen kann nicht mehr stehen und lehnt an einem Baum. Er versucht zu kotzen, doch das klappt nicht. Finger in den Hals. Komm schon. Finger in den Hals. Rufen die, die es gut mit ihm meinen. Er macht das, doch es hilft nicht. Er ist rotzedicht und fährt Karussell, kann aber nicht kotzen. So stelle ich mir die Hölle vor.

Ihr seid Hosenfans Schalala Lala! – hallt die Kampfansage von vor mir. Hässlich, brutal und gewalttätig sehen sie aus, sind sie aber nicht. Männerrituale. Das sehen Sie heute kaum noch irgendwo in dieser Ausprägung außerhalb von Fußballstadien. Vergleichsweise archaisch. Ungehobelt. Roh. Dumpf auf jeden Fall. Gesellschaftlich verpönt. Und irgendwer wird immer gedisst. Könige für einen Tag. Die Adressaten da vorne links sehen aus wie eine Horde Harry Potters aus der Montessorischule und ich frage mich fast selber, was sie hier wollen und ob sie sich nicht verirrt haben. Sie sehen aus wie Ärzte. Tocotronic. Fettes Brot. Die Guten. Die, deren Helden sie im Radio spielen. Mehrheitsmusik. Nicht so wie die Assis hier, die keiner will.

Die Hosenfans Schalala Lala-Tröter sind natürlich dick. Und glatzköpfig. Suchen aber erkennbar keinen Streit, was die Harry Potters aber nicht wissen und die Beine in die Hand nehmen und in den Wald rennen. Ich nehme noch einen Schluck Glenlivet aus der Plastikflasche. Denn heute trinken wir richtig. Und Angst ist sowieso nie ein guter Begleiter. Respekt schon. Respekt sollte man immer haben. Angst nie.

Zu essen gibt es hier nur Junk. Pizza. Bratwürste. Döner. Pommes. Fieses Zeug. Weitab des sonst schon üblichen niedrigen Niveaus. Nicht nur weitab, sondern weit drunter. Hier sind hunderttausend Leute. Wozu Mühe geben. Sie verticken Rotze für teuer Geld. Eine üble Bratwurst aus dem Eimer, die nicht ganz durch und sowieso fieseste Massenware ist, kostet 4,50 €. Und alle zahlen es. Außer mir. Ich fotografiere nur die, die den Scheiß essen. Weil sie so blöd sind und nicht vorher im Campingwagen vom Eingekauften vorfressen. Anfänger.

In Extremo heißt die Vorband. Die schon wieder. Minnesangartiges Mittelaltergedudel mit Zimbel und Dudelsack. Dudel. Sack. Auf den. Immer noch. Es ist furchtbar. Ein uncharismatischer alter Mann als Frontsau einer ewigen Vorband, die keiner leiden kann. Wer In Extremo hört, der spielt auch Rollenspiele. Zutzelt mit Strohhalm an der Club Mate-Flasche. Oder programmiert am Ende noch seine eigene Blogsoftware.

Hunderttausend Menschen sind hier. Der Hockenheimring ist ausverkauft. Und die Böhsen Onkelz haben das Ding vollgemacht. Tock. Tock. Hallo Mehrheitsgesellschaft, merkst du was? Das ewige Ausgrenzen, das beharrliche An-den-Rand-drängen, das verdammte tendenziöse Berichten bar jeder Realität, dieses immerblöde Übertreiben, Überzeichnen, dämliche Skandalisieren, das sie alle nicht lassen können, hat genau dazu geführt – zu einem ausverkauften Hockenheimring. Sowas kommt von sowas. Dass Nazikeulen Märtyrer machen, liegt eigentlich auf der Hand. Und jetzt ist es so wie es ist. Da vorne stehen sie. Die Helden. Da vorne steht der Weidner mit seinem Charisma, von dem ich froh bin, dass er es zur Mäßigung nutzt. Würde er heute vor diesen Hunderttausend den Marsch aufs Kanzleramt oder – ein wenig niedrigschwelliger – aufs nächste Flüchtlingsheim proklamieren und sich gleich an die Spitze setzen, dürfte ihm ziemlich sicher mehr als die Hälfte folgen. Natürlich ist die Vorstellung absurd, doch genau das wird das große Problem sein, sobald sich im tatsächlich rechten Lager einer findet, der das Charisma für so etwas hat und seine Außendarstellung besser managt als wir das kennen. Wir Mehrheitsgesellschaft haben nämlich niemanden mehr, der in Sachen Charisma auch nur an eine Biopastinake heranreicht, um dem Auftauchen eines Anführers von der anderen Seite irgendetwas entgegen zu setzen. Wir sind einfach nur satt, wir sind faul, ritualisiert, routiniert, korrupt in weiten Teilen, wundgetwittert sowieso und so verdammt humorbefreit. Die hier können mit uns nix anfangen. Wir sind für sie die anderen. Mit ihrem Leben haben wir nichts zu tun. Wir können nur noch Keulen schwingen. Erkennen Sie die Melodie?

1980 waren die vier auf der Bühne noch Nazis, wenn man das in dem Alter überhaupt so nennen kann. Da waren sie 17. Als Erwachsene haben sie viel versucht, um die üble Vergangenheit vergessen zu machen, die bösen alten Männer aus Frankfurt. Auf Rock gegen Rechts-Festivals gespielt, sich in unbeholfenen Liedern eindeutig positioniert und dann immer wieder diese Ansagen des Frontmanns Stephan Weidner zwischen den Songs, die in ihrer Deutlichkeit keinen Zweifel offen lassen – außer bei denen, die in jedem Nazi immer einen Nazi sehen, auch wenn er schon seit weit über drei Jahrzehnten keiner mehr ist. Nach dieser Logik kann nie jemand aussteigen, sich weiterentwickeln, denn es bleibt immer ein Makel, ein Fleck, eine Bleikugel am Fußgelenk der Reputation, Resozialisierung am Arsch. Jeder Vergewaltiger bekommt mehr zweite Chancen. Denen räumen wir nicht mal eine ein.

Und dann kommt sowas von sowas. Die Stigmatisierten sammeln andere Stigmatisierte um sich. So lange, bis der Hockenheimring voll ist.

Ich kann mir nicht helfen. Ich finde wie immer auf diesen Konzerten keine rechten Symbole, ich höre keine einschlägigen Parolen, sehe kein Thor Steinar-Shirt, nicht mal Lonsdale, Consdaple, solche Dinge. Nichts. Glatzen. Ja, die schon. Brandenburger Heinrich Himmler-Kante (auch Uwe-Böhnhardt-Gedächtnisfrise genannt) für Vollidioten mit eigenem Langhaarrasierer auch, klar. Aber das zeugt nur von schlechtem Geschmack, nicht gleich von schlechter Gesinnung.

Hier sitzt doch eigentlich nur der Rand, hier sitzt eine Form der Opposition, die über die Jahre groß geworden ist und die in kein Raster mehr passt. Die, die hier ihre Ausgegrenztheit feiern, interessieren sich gar nicht für Politik, die sind raus, die sind am Rand, die sind der Rand, die holen sich hier das, was keine Gesellschaft ihnen noch geben mag: Eine Form des Zusammenhalts. Die große Familie. Vielleicht das, was andere Solidarität nennen. So sind sie. Dafür, dass sie die Schreckgespenster sein sollen, sind sie so friedlich. Ich sehe Leute Drinks teilen, sich gegenseitig aufhelfen, sich in den Armen halten. Stützen. Helfen. Einer fällt dem Gedränge geschuldet um und wird sofort versorgt, eine Gasse bildet sich. Sie bringen ihn raus. Kein Zweifel. Das sind gar keine Monster. Hier sitzt tatsächlich nur der Rand. Und der Rand ist böse auf die Mehrheitsgesellschaft.
Um besser zu sehen, klettere ich auf ein Dixiklo.

Von dort kann ich runterschauen.

Ich kann aus dieser Position heraus noch besser sehen, was für eine Masse sich hier versammelt hat. Hunderttausend. Respekt. Das ist eine Ansage. Ein echt dickes Brett.

Neben mir auf dem Dixiklo hat Ronny seinen Platz eingenommen. Ich könnte ihn auch Maik mit ai nennen. Oder Ricardo. Enrico wegen mir. Die Enricos dieser Welt sind alle gleich. Sie sind mittel bis schwer adipös, oft hackevoll und wechseln dann zwischen großer Fresse, tränenerstickter Sentimentalität und einer dicken Schicht klebrigem Pathos.

Mein Enrico neben mir erzählt mir Dinge. Wie die Onkelz sein Leben verändert haben. Wie sie alle hier, alle Hunderttausend, seine Familie sind. Wie wir alle zusammenhalten müssen. Die Stunde des Siegers kommt für jeden irgendwann. Als die Takte zu dieser Hymne kommen, flippt er vollkommen aus. Es ist sein Lied, merke ich schnell. Bei der Zeile „Spuck ihnen ins Gesicht“ haut er einen Grünen in den Hockenheimer Abendhimmel. „Zeig ihnen wer du bist!“ und Enrico ballt die Faust. Hier singt ein Verlierer gegen die Zustände an. Da steht er und kann nicht anders. Hier lebt er auf.

Immer wieder sucht Enrico meine Nähe. Er hat seine Freunde schon lange im Gewimmel verloren oder sie haben ihn abgehängt, weil er voll ist. Aber das ist egal, denn er hat jetzt mich. Es gibt kaum einen Song, während dem er nicht an meinem Hals hängt, mir Dinge ins Ohr brüllt, die mir egal sind, mit mir anstößt, sich verbrüdern will, in mir einen der Seinen erkennt. Würde man ihm sagen, dass sein Verhalten nicht nur latent homoerotisch wirkt, sondern tatsächlich ist, würde der Abend wohl eine überraschende Wendung nehmen. Ich bin entspannt. Hier ist das so. Sie sind immer so. Kuschelig, aber letztlich harmlos. Meistens zumindest.

Bei „Der Platz neben mir“ bricht Enrico in Tränen aus. Als er sich endlich von meinem Hals losmacht, bietet er mir eine Zigarette an, die ich ablehne, worauf er mir seinen Red Bull-Wodka-Becher hinhält, den ich nehme. Weil ich verstehe. Er will mir etwas zurückgeben. Ich biete eine Schulter, er etwas zu trinken. Ein Tausch unter Freunden. Das geht klar. Ich bin guter Dinge.

„Die Onkelz sind meine Religion“ brüllt er mir mir belegter Zunge ins Ohr und zeigt mir sein Tattoo. Irgendein Nichtskönner hat ihm die Köpfe der Bandmitglieder in den Nacken tätowiert. Sie sehen aus wie die drei Stooges. Nur eben als vier Stooges. Würde da nicht in großen Lettern „Böhse Onkelz 4ever“ drunter stehen, gäbe es Probleme bei der richtigen Einordnung. Nicht dass das noch jemand für die Toten Hosen hält.

Bei „Auf gute Freunde“ kommt es zum Schwur. Enrico will sehen. „Freunde für immer“ sagt er feierlich und bietet mir seine Hand. Ich schlage ein. Im Wissen, dass ich bald wieder meinen Weg gehe und er als Interlude auf meinem Lebensweg zurück bleibt. Nach meiner Telefonnummer fragt er nicht. Er würde auch nicht meine richtige bekommen.

Enrico steht während des dreieinhalb-stündigen Konzerts etwas über anderthalb Stunden neben mir und gibt mir wieder einmal einen Einblick, wie sie ticken. Ein auf unbeholfene Art armer Mensch. Marginalisiert. Vernachlässigt. In seinen Möglichkeiten limitiert. Aber mit Herz, wenn auch in einer umständlichen und auf Dauer anstrengenden Form. Hier steht jemand, der sich nur an so einem Ort mit den ganzen verdammten Gefühlen ausdrücken kann, die er sonst mit sich herumträgt und mit sich selbst ausmachen muss. Er ist einer, der es wahrscheinlich nicht leicht hat. Einer, der zweifellos Halt sucht. Und ihn vorübergehend bei mir gefunden hat, aber auch nur bis zu dem Zeitpunkt, an dem mich eine junge Frau rettet, die auf dem Dixiklo links neben mir steht und vorher schon immer mal wieder eine neckische Ghettofaust zu mir rübergeworfen hat, wenn es sich vom Text eines Songs her anbot: „Hier, willsch’n Schluck Cola? Kannsch was von meinerer habe. Du siesch so verdurschded aus.“ Grinst mich an und gibt mir die Gelegenheit, Enrico an die arme Sau weiterzugeben, die rechts von ihm steht. Schulter ist Schulter. Ist doch egal, wem sie gehört. Da könnte jeder stehen. Ich nehme das nicht persönlich und teile mit der Colafrau meinen Spliff. Kiffen und Böhse Onkelz hören gibt dem Tag diesen surrealen Drive, den ich so mag.

Dann spielen sie „Erinnerungen“ zum Abschluss. Es ist Zeit zu geh’n.

Später, schon weit nach Mitternacht, stehe ich noch lange mit einem Bier in der Hand auf der benachbarten Autobahnraststätte herum und hänge den Gedanken nach. Hier auf der Raststätte steht mein Caravan und hier wird nachgeglüht. Natürlich Caravan. Immer Caravan. Weil sie immer auch in die Zelte kommen. Die Enricos. Und die Ronnys. Zum Kuscheln. Oder Kotzen. Je nach Stand der Dinge.

Bonustrack Neue Fahrkultur:


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