Verarsch mich doch (30)

Die Telekom reiht sich problemlos ein in die endlose Liste dummer Unternehmen, die Neukunden umgarnen und Bestandskunden mit Ignoranz strafen, um die sie sich erst zu bemühen beginnen, wenn sie gehen wollen. Fitnessstudios, mein Stromanbieter, jede Versicherung, der selbstherrliche Schlumpf von Schornsteinfeger. Jeder wird erst freundlich, wenn die Konkurrenz an der Ecke lauert. Denn eine Ressource ist stets desto wertvoller, je knapper sie ist. Oder sich macht. Bla bla. Volkswirtschaft für Klippschüler.

Für solche Vertragsverlängerungen wie ich eine anstrebe gibt es bei der Telekom ein Online-Kundencenter, das nach vielen Jahren unerträglicher Bugparade endlich so funktioniert, dass ich nicht das Verlangen habe, PC nebst Monitor, Tablet und Smartphone aus dem Fenster zu schmeißen. Oder in die Biotonne. Das Kundencenter ist zwar immer noch so unnötig umständlich und unglaublich unübersichtlich wie dieses bürogewordene Administrationsgeschwür mit dem Namen Bezirksamt Pankow, doch ich finde die Option zum Verlängern überraschend schnell und verjage den fatalistischen Gedanken, dass das womöglich Absicht ist.

Ich bin ein echtes Schaf. Ich möchte verlängern. Wenn mich niemand ärgert, verlängere ich immer. Dann mache ich brav Mäh und folge überall hin. Ich bin ein guter Kunde. Ich zahle immer und protestiere nie. Keine Brandbriefe, keine Petitionen, keine Gerichtsprozesse. Ein Musterkunde. Zahlen und fröhlich sein. Niemand kann ein Interesse daran haben, mich los zu werden.

Sie bieten mir im Kundencenter zum Verlängern einen anderen Tarif als den Neukunden an. Es sind zehn Euro Unterschied. Im Monat. Ich soll also als Bestandskunde im ersten Vertragsjahr für die gleiche Leistung zehn Euro mehr zahlen als ein Neukunde. Weil ich ja schon da bin, spare ich nix.

Ich logge mich also aus dem Kundencenter aus und rufe bei der Telekom an, nur um von einem Sachsen (ausgerechnet!) zu erfahren, dass es für mich nur diese Optionen aus dem Kundencenter, aber keine Angebote darüber hinaus, gibt.

„Sie hooob’n nur diejehn’ng Öptiön’n äusm Gundensändo, die dort gölisded sin’n. Geine dorübo hinäus. Isch gonn nüx für Sie dün.“

Ein Sachse. Na klar. Der mir sagt, dass irgendwas nicht geht. Sie stellen wahrscheinlich nur Sachsen ein für die Dinge, die nicht gehen. Das zeugt von einer bewundernswerten Konsequenz.

Einen Tag später unterschreibe ich bei der Konkurrenz, die auch gleich eine Serviceoffensive zündet und mich bei der Telekom abmeldet. 20 Euro monatlich weniger als bisher. Plus Gültigkeit im europäischen Ausland. Plus Freimonate. Free Mumia Rufnummernmitnahme. Plus irgendeinen anderen Scheiß, den ich nicht brauche. Telefonflat nach Chisibubikaio. Direktleitung zur NSA. Und SMS satt. Was zum Teufel ist SMS? Egal. Gutes Angebot. Marktwirtschaft, bitches. Ihr wollt das ja so. Ich bin dann mal vergrault.

Jetzt wird die Telekom aktiv. Und wie.

(ring)

„Guten Tag, Pawlowski, Deutsche Telekom, Sie haben Ihren Vertrag gekündigt, ich würde Ihnen gerne ein Angebot machen, damit Sie bei uns bleiben.“

Das Angebot besteht aus zwei Freimonaten und 5 Euro weniger monatlich als bisher bei gleicher Leistung.

„Ich wollte bei Ihnen online den Vertrag verlängern. Wieso wurde mir diese Option nicht angezeigt?“

„Die gibt es nicht online.“

„Warum nicht? Das würde Ihnen Arbeit und mir Nerven ersparen.“

„Das Angebot können nur die Kundenbetreuer abrufen.“

„Ja klar, verstehe schon, das holen Sie nur aus der Schublade, wenn jemand kündigt. Diese ganzen Idioten, die einfach so verlängern, weil sie denken, dass es nix anderes bei Ihnen gibt, bekommen das nie zu Gesicht. Lassen Sie mich raten: Sie haben da noch eine zweite Schublade. Und wahrscheinlich sogar eine dritte.“

„Nein, das ist alles, was ich Ihnen anbieten kann.“

„Danke, nein. Jetzt sogar aus Prinzip nein.“

(klick)

Einen Monat später.

(ring)

„Guten Tag, Piroggi, Deutsche Telekom, Sie haben Ihren Vertrag gekündigt, ich würde Ihnen gerne ein Angebot machen, damit Sie bei uns bleiben.“

„Haben Sie nicht schon mal angerufen?“

„Nein.“

„Doch.“

„Hier im Kundensystem steht, dass nicht.“

„Okay, dann habe ich halluziniert.

“Das Angebot besteht aus drei Freimonaten und zehn Euro weniger monatlich als bisher.

„Das ist besser als das Angebot, das Ihr Kollege gemacht hat. Kommt da bald noch ein drittes?“

„Nein, das ist unser Standardangebot. Und hier im System steht, dass Sie noch niemand angerufen hat.“

„Ah ja, stimmt, ich halluziniere ja. Danke für das Angebot, aber nein. Aus Prinzip.“

(klick)

Wieder etwa ein Monat später.

(ring)

„Guten Tag, Kulitschka, Deutsche Telekom, Sie haben Ihren Vertrag gekündigt, ich würde Ihnen gerne ein Angebot machen, damit Sie bei uns bleiben.“

„Rufen Sie mich jetzt wirklich zum dritten Mal an?“

(lacht)

„Haha, wir wollen Sie eben nicht als Kunden verlieren.“

„Kommt jetzt echt die dritte Schublade für die ganz Hartnäckigen?“

„Was für eine Schublade?“

„Das dritte Angebot beim dritten Anruf.“

„Hier im System steht, dass Sie noch niemand angerufen hat.“

„Natürlich steht das da.“

Das Angebot besteht aus vier Freimonaten, zehn Euro monatlich weniger als bisher und einem neuen Galaxy S5.

„Verlockend, zugegeben, aber die Konkurrenz ist auf Dauer immer noch günstiger als dieses Angebot von Ihnen, das man nur am Ende aller Fahnenstangen bekommt. Und ein S5 habe ich auch schon. Außerdem fühle ich mich verarscht, wenn Sie mit Angeboten um sich werfen, die gutgläubige Kunden in Ihrem Euphemismus von Kundencenter nie zu sehen bekommen. Und dass Ihr Kundenbetreuer bei der Hotline mich anlügt, wenn ich frage, ob es noch andere Angebote als die im Kundencenter gibt, ist dann nur die traurige Korinthe auf dem Gipfel des Trümmerhaufens von Vertrauen, den Sie damit hinterlassen.“

„Die Konkurrenz macht das auch so.“

„Ja. Weiß ich doch. Leben. Ponyhof. Gier frisst Hirn. Im Geschäftsleben gibt es keine Freunde, nur Haifische. Und so weiter. Geht klar. Ich habe es begriffen. Verbleiben wir so: Wenn Sie noch eine vierte Schublade haben, deren Inhalt auf Dauer günstiger ist als das Angebot, zu dem ich wechseln werde, rufen Sie mich gerne an. 20 Euro weniger bei gleicher Leistung. Plus Freimonate. Dann bleibe ich. Sonst nicht. Bis dahin.“

(klick)

Das ist jetzt zwei Monate her. Es gibt also keine vierte Schublade. Zumindest nicht für mich, denn ich sitze wahrscheinlich nun im Ordner mit dem großen Q drauf. Für Querulanten. Unzähmbar Bockige. Schwierige Menschen. Zicken. Typen, die man gerne bei der Konkurrenz sieht. Dort treffe ich dann auf Rüpelrentner Kowalke, den Parknazi, die Technoschlampe aus der Wohnung über mir und eine Menge Fahrradfahrer aus Prenzlauer Berg. Die ganzen Querulanten. Assis. Die Untherapierbaren. Typen, denen man keine Angebote mehr macht.

Dennoch habe ich etwas gelernt, das ich nicht wusste: Je bockiger Sie sind, desto mehr Schubladen machen sie auf. Desto mehr schmeißen sie Ihnen hinterher. Schau mal an. Basarscheiße kann jetzt auch die Telekom. Da kann ich von Erfahrung zehren. Gehen Sie so lange immer wieder schimpfend vom Stand mit den ägyptischen Hieroglyphen auf dem vorsätzlich auf alt getrimmten Papyrus weg, bis sich der Verkäufer in Krämpfen vor Ihnen windet und seine scheintote Großmutter beschwört, aber Sie natürlich trotzdem leimt. Basarscheiße olé. Je schlechter Sie Ihren Gegenüber behandeln, desto mehr holen Sie für sich raus. Also seien Sie ein Arschloch und machen Sie Ihren Schnitt. Denn wer nett und brav ist, kriegt nix. Wie immer im Leben. Eigentlich müsste ich das wissen, im Borgwürfel ist das auch so: Wer am lautesten kräht, bekommt am meisten und wer still ist, kriegt nix. Ballyho. Bitte verarsch mich. Los. Mit Anlauf. Verarsch mich doch.


Verarsch mich doch (29)