Vom Reinickendorfer Ding, das ganz schwer in die Hose gehen wird

Manchmal treffen Sie auf eine Unternehmung, bei der Sie schon innerhalb der ersten Minuten spüren, dass sie fürchterlich in die Hose gehen wird.

Ich bin am Eichborndamm in Reinickendorf und hier stimmt auf den ersten Blick gar nichts. Null. Es wird nicht gut gehen. Schauen Sie sich mal das Trauerspiel auf dem Bild an. Draußen hängen bunt bemalte Zeltplanen und die Fensterfronten sind mit bedruckten Kopierpapierzetteln beklebt. Das lädt nicht ein, das lädt aus. Das schreit aus tausend Mäulern: Nein! Komm nicht hier rein! Es ist nicht gut!

Würden Sie hier ein Restaurant vermuten? Ein gutes sogar? Oder doch eher eine Kita? Krabbelgruppe. Pekip. Asia Massagesalon. Maximal Prekärpizzabutze. Die via Lieferando dumpt.

Sicher. Ich weiß es ja. Hier fehlt natürlich Geld. Geld für den Start. Geld, um bereits rein optisch den Eindruck zu vermitteln, dass hier professionell gekocht wird. Etwas Repräsentatives, etwas, das anlockt, neugierig macht. Ein Honigtopf. Ein Blickfang.

Wenn so ein Laden von außen aussieht wie der hier, dann ist das Ergebnis das hier:

Leere. Gähnende Leere. Dornenbuschfeeling. An einem Samstagmittag. Zu einer Zeit, an der andere die Hunderter in Bündeln zählen. Eines ist klar wie selten: Die Sache läuft nicht. Kann nicht laufen. Nicht hier. Niemals hier.

Ein Blick aus dem Fenster reicht und Sie sehen den Hauptindikator dafür, warum die Sache komplett schief gehen wird: Lage. Lage. Laaaage. Die ist hier nicht. Hier ist nicht nur Reinickendorf, hier ist der Enddarm von Reinickendorf, besser der Blinddarm, dieser abgeschnittene jetzt im Eimer mit filetierten Krebsgeschwüren, abgestandenen Plazentas und gezogenen Fußnägeln auf die Verbrennung wartende Geweberest von Lage, hier ist Industriegebiet, Werkstätten, halbseidene Gebrauchtwagenverticker, Gas, Wasser, Kacke am Hacken, Hinterhofpuffs, hier ist Bockwurst, Altfettpommes Schranke, Kartoffelsalat. Aus dem fiesen Fabrikzuber. Hier ist Reinickendorf. Das schlimme Ende davon. Hier floriert nix, hier gehen die Dinge den Bach runter, wenn sie innovativ sein wollen.

Und dann diese Rechtschreibfehler. Meine Nerven. Eine ganze laminierte und mit Aktendulli abgeheftete Karte voll davon. Und das hier im traditionell rustikalkonservativen Reinickendorf. So etwas kann man in Mitte bringen, da ist das cool, wenn die vorsätzlich nachlässigen italienischen Speisekarten aus Kulanz rudimentär übersetzt werden, hier in Reinickendorf nehmen die Laubenpieper so etwas übel, denn es verstößt gegen Regeln. Und Regeln lieben sie hier, brauchen sie hier, haben sie hier viele. Und die Hecke bitte maximal 1,56 m, sonst Vorstandssitzung. Puh. Zehn Minuten sitze ich hier und halte es kaum noch aus. Hier muss nicht nur ein Rach her, hier müssen ganze Divisionen an Rachen ran, um den Karren aus dem Gärschlamm zu holen. Hier stimmt nichts. So geht’s nicht. Echt nicht. Gar nicht geht das.

Und das Tragischste dabei ist das hier:

Das Essen.

Es ist so verdammt gut. Hier kocht jemand mit ganz viel Liebe, ganz viel Leidenschaft, ganz viel von allem, was es braucht, ein gutes Gericht auf den Tisch zu bringen. Grundsolides italienisches Handwerk. Selbstgemachte Spaghetti, Bandnudeln, Gnocci, gefüllte Teigtaschen, über Tage eingekochtes Ragout, meine Güte, es ist Leidenschaft. Handarbeit. Ehrliche. Und nein, keine Pizza. Dafür Piadina. Gute Piadina. Mit gutem Zeug drin.

Und genau deshalb finde ich die Angelegenheit so tragisch. Es ist so selten, dass Sie die Lust am Kochen so rausschmecken, diese Freude greifen können, wenn der Inhaber mit dem Gruß aus der Küche kommt, später dann mit dem zweiten Gruß aus der Küche, irgendetwas, das er ausprobiert hat und von Ihnen wissen will wie es schmeckt, irgendeine Teigtasche, die er mit irgendwas gefüllt hat und stolz ist wie Bolle, wenn Sie sagen, dass es gut ist. Für lau. Sie zahlen nicht, was er Ihnen schenkt. Passion. Meine Güte, ist das tragisch hier am Wurmfortsatz von Reinickendorf. Wieso macht der ausgerechnet hier auf? Es ist so falsch. Der falscheste Ort der Stadt, mal abgesehen von der Allee der Kosmonauten vielleicht. Oder dem U-Bahnhof Hönow.

Ich will ehrlich sein, normalerweise ist es mir egal, wenn Lokale zu machen. Hier ist Berlin. Hier macht dauernd irgendwas auf und wieder zu. Existenzen gehen zugrunde. Privatinsolvenzen greifen Raum. Auf. Zu. Räumung. Schulden. Gründerkredit futsch. Gerichtsvollzieher. Inkassotrupp. Jeden Tag. So viel Empathie kann kein Mensch aufbringen ohne daran kaputt zu gehen. Das müssen Sie ausblenden, Sie können da nicht dauerhaft mitleiden. Ich zumindest bin damit durch. Mir ist das normalerweise egal. Ehrlich.

Nur hier nicht. Hier rührt mich das an. Das ist so sehr mit Anlauf und himmelschreiender Naivität in den Güllehaufen gesprungen, dass ich nicht unbeteiligt daneben stehen und mir das anschauen kann. Die einzige Chance, die so ein Laden hat, der am Arsch der Stadt gutes Zeug fabriziert, ist der Underdogmodus. Er muss ein Geheimtipp werden. Muss sich rumsprechen. Ich fang mal an: Wenn Sie hier in der Nähe wohnen. Oder arbeiten. Oder für was Vernünftiges auch mal etwas weiter weg in die Gastrowüste fahren. Gehen Sie hin. Blenden Sie die bizarre Krabbelgruppenoptik aus. Die komischen Kopierzettel. Die Zeltplane. Die vollkommen fehlende Gemütlichkeit. Die erdrückende Leere. Es lohnt sich. Und sagen Sie es weiter, wenn es so gut war wie bei mir. Vielleicht kann ich ja helfen, die unvermeidliche Insolvenz um ein paar Monate zu verzögern, denn ich kann mit Überzeugung verkünden: Sie treffen dort auf jemanden, der sich auf Sie freut. Der brennt. Und Sie mit Leidenschaft bekocht. Gehen Sie hin, so lange es noch offen hat. Denn ich fürchte, lange dauert es nicht mehr. Wenn das Ding im Spätsommer noch da ist, ist es schon ein Erfolg. Denn hier oben überlebt echt nix. Falsche Gegend. Falsches Konzept. Der Klogriff der Klogriffe. Das hier kann sich nicht rechnen. Was für eine Verschwendung von Talent. Ach, es reicht. Ich mag gar nicht mehr hinschauen.

Der Laden hat keine Webseite und damit ich hier nicht schon wieder auf den Antichristen verlinken muss, können Sie die Facebookadresse bei Bedarf selbst abtippen. Kopierzettel am Fenster sei Dank.

Reservieren? Müssen Sie nicht. Ist eh nie jemand da.


Sapori Italiani
Eichborndamm 80
Reinickendorf
Dienstag bis Sonntag 12:00 – 21:30 Uhr


Wenn ich die Gestalten auf der Facebookseite richtig deute, waren sogar mal andere Gäste da. Wahrscheinlich die Verwandtschaft.