Baumwichse

Es ist wieder soweit.

Die Baumwichse ist da.

Hier. Sehen Sie das?

Sieht aus wie nass. Ist aber nicht nass. Kann nämlich nicht nass sein, denn seit Tagen fiel kein Regen. Das ist Baumwichse. Und sie klebt wie Hulle. Laufen Sie darüber, dann kleben Sie fest und machen noch die nächsten 20 Meter knarzende Geräusche als hätten Sie Ihre Schuhe bei irgendeinem Kinderarbeitsimporteur gekauft.

Schauen wir uns die Wichse doch mal näher an.

Noch näher.

Es wichst mir das Auto zu. Die ganze Scheißkarre klebt, dass es mir die Armhaare abzieht, wenn ich beim Verstauen der Einkäufe an die Türe komme. Sie kriegen das Zeug nicht mal mit dem Scheibenwasser vernünftig weg, so dass Sie eigentlich jeden Tag in die Waschanlage fahren müssten, wenn Ihr Auto nicht aussehen soll wie der Hermannplatz.

Man sollte sie abholzen. Drecksbäume.

Abfackeln.

Ein fettes Sommersonnenwendefeuer draus machen. Und alle Kinder einladen. Damit sie Marshmellows ins Feuer halten können. Oder vegane Biobratwürste wegen mir.

Echt mal. Weg damit. Scheiß Bäume. Scheiß Baumwichse. Braucht kein Mensch. Ich wohne nicht in der Stadt, um mit sinnlosen Ausscheidungsprodukten der Natur konfrontiert zu werden. Sowieso: Bäume sind was für Brandenburger. Odenwälder. Teutoburger. Ich habe die nicht bestellt. Wichsbäume am Arsch. Weg damit. Lasst uns Boote draus bauen und auf der Spree rumschippern. Oder ein Holzhaus. Für jeden Spielplatz eines. Oder einfach in den Kachelofen damit. Spart Heizkosten. Verfeuern. Verfackeln. Ich hasse Bäume. Die Wichser. Je weniger davon, desto Freude.

Ja.

Ja doch.

Easy. Kidding. Bloß nicht gleich wieder Twitter anwerfen und den Digitalmob in die Spur schicken. Hashtag #betonnazi. #asphaltfaschist. #zementmasku. Ich will doch gar keine Bäume fällen. Ist nur ein wenig Pöbelei. Blinder Hass. Auf die Baumwichse. Ich bin doch gar nicht baumfeindlich. Ich liebe doch alle … alle Bäume … einige meiner besten Freunde sind Bäume. Berlin ist grün. Eine grüne Stadt. Das ist toll. Mikroklima. Nachhaltigkeit. Raupen. Schmetterlinge. Seitanbratling. Mein Kumpel der Baum. Karl der Käfer. Wurde nicht gefragt. Fortgejagt. Zimbel. Dengel. Kumba ya. Bla bla.

Ganz ehrlich, ich wünsche mir selten, reich zu sein. Reich sein ist wahrscheinlich gar nicht so lustig. Immer diese ständige Angst davor, weniger von dem zu haben, was den Lebenssinn darstellt. Immer diese Furcht, jemand nimmt es wieder weg, das ganze Geld. Und damit den Sinn. Und das mit dem Kontostand verbundene Ansehen bei denen, die Geld mit Charakter verwechseln. Diese Verlustangst, die soweit geht, dass sie sich vor Züge werfen, wenn es mal weniger wird. Diese Degeneration. Dieses Fehlen von Maß. Diese vollkommene Absenz von Anstand und Empathie. Diese Gier, die sie sich nicht zu offen anmerken lassen dürfen. Die sie verbrämen müssen. Charity. Lions Club. Bioladen-Kundenkarte. Brot für die Welt-Abo. Voll steuerlich absetzbar. Und dann dieser Jack Russell aus dem Tierheim Hohenschönhausen. Was ist der süß. Fassade. Alles Fassade. Immer so tun als ob. Ich will das nicht. Je mehr Jahre vergehen, desto weniger. Ich will gar nicht werden wie die.

Doch manchmal, ja manchmal, nur ab und zu, in diesen Junitagen, wenn die Bäume wichsen, wäre eine Tiefgarage wie sie die ganzen Dachgeschossbonzen hier in der Gegend haben, ganz nett. Echt. Ganz nett wäre das. So eine Tiefgarage, in die sie ihre Cayennes, ihre SLKs, ihre 7er, ihre Infinitis reinfahren. Denen wichst da kein Baum die Karre voll. Mir schon. Da draußen auf der Straße.

Drecksbäume, verfickte.