Verarsch mich doch (29)

Wer regelmäßig Sport betreibt, kommt an Diclofenac nicht vorbei. Jedenfalls wenn es Sport ist, der wirkt. Einen Trainingseffekt bringt. Muskeln reißen lässt. Kalorien verballert. Also im Prinzip alles, das nicht Walken ist, denn selbst Schach dürfte mehr Kalorien verbrennen als Walken, bei dem einige mit ihren Powerriegeln und zuckrigen Pseudo-Iso-Getränken am kunterbunten Nordic Walking-Gürtel locker sogar eine positive Kalorienbilanz (= mehr fressen als verbrauchen) erreichen.

Manchmal nervt auch mein Körper. Er zeckt. Er zerrt. Er katert. Dann rockt Diclofenac. Völlig egal von welchem Hersteller. Das Zeug hilft gegen fast alles. Wadenzerrung? Diclofenac. Muskelkater? Diclofenac. Arschmuskelkrampf? Diclofenac. Gerissener Fußnagel? Diclofenac. Schwiegermutter? Diclofenac. In ihrem Kaffee.

Im Ernst, ich schmier‘ das Zeug überall hin, sobald es ziept. Und am nächsten Tag gehen sie wieder, die 18 km. Na gut. Übermorgen. Oder in drei Tagen. Okay, vier. Maximal.

Was den Kauf von Dingen angeht, bin ich grundsätzlich ein großer Freund des stationären Einzelhandels. Und ein großer Freund meiner Apotheke an der Ecke dazu. Da stehen als eine der letzten im Bezirk hinter der Theke keine aalglatten homöopathiebeseelten Demetermodels mit perfekt weißen Zähnen und unverschämt reiner Haut, deren Morgenschiss wahrscheinlich nach Rosenwasser statt wie bei mir nach abgestandenem Single Malt riecht, und die mir mit vorwurfsvoller Miene und der so obligatorischen wie beschämenden Moralpredigt mein schmutziges schulmedizinisches Aspirin über die Theke reichen, weil sie wissen, dass ich wieder gesündigt gesoffen habe. Selbstoptimierte kerngesunde Scheißjugend, verdammte.

Nix da. Hinter der Theke meiner Apotheke (fuck die Thekendopplung, mir doch egal) steht eine mit allen Feuerwassern gewaschene alte Schachtel, die komplizenhaft grinsend und ohne jede Moralpredigt oder Rezitieren der Dosierungsanleitung fast schon augenzwinkernd den Stoff rüberschiebt. Jesoffen, wa? Ick och, Jungchen, ick och. Muss ja. Hälze anners nich aus, die Scheiße.

Die Alte passt. Die ist klasse. Das ist meine Apotheke.

Aber nur für Rezeptpflichtiges und Schmerzstilldope auf die Schnelle.

Für alles andere nicht. Auch nicht mehr für den Diclofenacvorrat.

Denn die Apotheke möchte inzwischen 10,80 Euro für 100 ml Diclo haben. Mal schauen, was der deutsche Onlinedealer will. Soso, 5,50 Euro für 150 ml.

Das ist mehr Stoff. 50 ml mehr Stoff. Für knapp die Hälfte Geld. Eh Apotheke. Sonst geht’s noch? Versteh mich nicht falsch, ich habe nichts gegen Gewinnmargen. Gewinnmargen sind okay, in Maßen, aber das ist krank. Maßlos. Das sind schon keine Puffpreise mehr, das sind Apothekenpreise.

Oh.

Haha.

Ja.

Pech. Verarsch mich doch, Apotheke. Coole alte Schachtel von Apothekerin hin oder her, ich bin diclofenacabhängig, ein Junkie, ich schmier‘ mir den Scheiß morgens auf die Stulle, ich spritz mir das Zeug intravenös, wenn es sein muss. Direkt in die Eichel. Ich brauch‘ das Zeug und möchte nicht gemolken werden. Ich kaufe jetzt im Internet. Im Internet.

Bei Murat.

Oder Ronnie.

Garagenfirma.

Vom Laster gefallen.

Kauf‘ ich.

Und zwar jetzt ganz dick auf Vorrat. Watch this:

Ob das Zeug wohl echt ist? Kein Plan. Wahrscheinlich kommt es wieder aus einer weißrussischen Fabrik und wurde von einäugigen Zombies mit Gehirnkrebs und Mundfäule aus Pottwalsperma, Perwoll Flüssig und Silikonmasse aus Sowjetbeständen zusammengepanscht, was mir Antennen auf dem Rücken, Furunkel in der Achselhöhle und einen zweiten Penis wachsen lässt. Auf der Stirn.

Haha. Ha. Meeh. Verarsch mich doch.


Off Topic: Wissen Sie übrigens, an welchem Laufstil Sie ehemalige Dicke erkennen? Nein? Sie holen mehr Schwung mit den Armen als üblich. Weil es die Dinge vereinfacht. Katastrophal anzusehen. Geht gar nicht. Doch das kriegen sie nie wieder raus. Der unmögliche Laufstil bleibt ihnen durch alle Gewichtsklassen bis nach unten erhalten. Ein Elend. Ich laufe auch so.


Verarsch mich doch (28)