Chillout: Moabit is still trippin‘

Die Welt geht vor die Hunde, also tanzen wir noch ein wenig auf dem Vulkan und gehen in die Sauna. Das ist wie schönsaufen, nur gesünder.

Es geht nach Moabit. Ja, zum Saunen. Wellness, um genau zu sein. Und ja, nach Moabit. Ehrlich, es fällt mir nicht viel ein, das ich weniger miteinander in Verbindung bringen würde als Moabit und Wellness. Prenzlmütter und ein Triple-Whopper mit Käse vielleicht. Fahrradfahrer und Verkehrsregeln. S-Bahn und Zuverlässigkeit. Ich und Differenzierung. Dennoch: Moabit und Wellness klingt in dieser Kombination einfach vollkommen bizarr.

Hey. Hier sind die Propz. Hallo Annika. Danke für den Tipp. To whom it may concern hast du geschrieben. Me. It concerns me. Ich geh da hin zu solchen Dingern. Weil ich muss immer mal wieder raus aus dem Muff. Woanders hin. Und wenn mir für die Karibik das Geld fehlt, dann rüsten wir eben ab. Und machen Karibik in Berlin. Ein bisschen zumindest.

Der Laden hat einen Sauna-Knigge ausgehangen. Sie regeln dort Dinge wie grundsätzliche Texilfreiheit, verdammen das Unwesen der Liegenreservierung, bitten um die Reduzierung des Rumfickensfummelns auf ein Minimum und haben ein Smartphoneverbot erlassen. Haha. Na klar. Smartphoneverbot. Heutzutage. Wo keiner mehr kacken geht ohne das verdammte Ding mitzunehmen, um auf der Schüssel den Status seines Stuhlgangs zu aktualisieren.

Das Smartphone-Verbot greift wie erwartet nicht, denn natürlich gibt es Leute, die merkbefreit unter den Nackten herumfotografieren, weil das auf einem Gelände dieser Größe und seiner erheblichen Anzahl an Besuchern sowieso keiner kontrollieren kann und die Aussicht, mehrere Stunden ohne Internetverbindung zu sein, zu vielen schon vor dem ersten Saunagang den nackten Angstschweiß ausbrechen lässt, ein neues Essensbild im Gruppenchat oder die Pushnachricht von promiflash.de, dass Miley Cyrus auf ein kaltes Buffet in Beverly Hills gekotzt hat, zu verpassen.

Wenn Sie also ein Semipromi sind und demnächst Ihren Puller auf der Seite Ihres Lieblingsstalkers bei Facebook vorfinden, dann ist das nur ein Zeichen von Post-Privacy. Wir strippen alle für die Nachwelt und die Frage ist nur noch, wann die erste Pullererkennungssoftware kommt, anhand derer Sie feststellen können, ob der Typ mit dem verpixelten Gesicht in Ihrer Timeline auch in diesem Porno mitgespielt hat, den Sie via Spionage-App auf dem Smartphone Ihres pubertierenden Sohnes gefunden haben.

Neben mir auf ihren Liegen lümmeln derweil Franzosen, die glauben, dass niemand sie versteht. Franzosen sind ein Paradoxon. In Frankreich setzen sie voraus, dass jeder Französisch spricht, so dass Sie in Frankreich mit keiner anderen Sprache der Welt dauerhaft durchkommen. Aber im Ausland denken sie, dass sie eine solch seltene Sprache sprechen, dass sie wie ein Geheimcode wirkt, den niemand außerhalb der Grenzen Frankreichs entschlüsseln kann.

Was sie sprechen? Nun, sie sprechen nicht, sie feixen, giggeln und können die Dinge nicht fassen:

„Lauter nackte Leute. Sowas gibt’s auch nur in Deutschland.“

„Hihi. Mir weht der Wind um den Arsch.“

„Das ist echt krass hier. Alle nackt.“

Sie sind sichtlich begeistert und die Einzigen, die auf die in die frische Berliner Luft gehaltenen Pussys, Schwänze, Ärsche und Titten glotzen. Der Rest der Besucherschaft ignoriert professionell alle Geschlechtsorgane bis zur vollkommenen Unsichtbarkeit. Und das ist der Grund, warum ich Deutschland manchmal doch ganz gut finde. Für diese selbstverständliche Freizügigkeit. Diese Offenheit. Dieses sich nicht schämen. Dieses überhaupt nicht verklemmte, wenn es um den eigenen Körper geht. Jede Oma kann hier ihre flatternden Schamlippen in den Sommerwind hängen. Und macht das auch leider. Doch das ist eben Deutschland. Ausnahmsweise mal entspannt und locker, auch wenn es nur im FKK-Bereich ist. Da staunt der Amerikaner und der Franzose wundert sich.

Ich weiß jedoch nicht, ob das dauerhaft so bleiben kann. Gegenbewegungen wider diese elende Lasterhaftigkeit gibt es genug. Prüderie wird Mode. Und mit dem Biedermeier kommt die neue Züchtigkeit, oft genug religiös oder religionsähnlich verbrämt. Ob sie die Sundenpfuhle ausräuchern werden, bleibt abzuwarten. Es dürften interessante Zeiten kommen.

Mir fällt auch eine andere Sache auf, die nur schwer aufzuschreiben ist ohne komplett missverstanden zu werden (so ganz ausblenden können Sie die ganzen nackten Körper ja nie): Die jungen Männer sind im Durchschnitt schmaler als die jungen Frauen, die inzwischen im Querschnitt nicht mehr ganz so verhungert aussehen wie das in den 90ern (zumindest an meiner Schule) noch als unverrückbares Ideal galt. Das Phänomen begegnet mir nicht zum ersten Mal. Da scheint sich das allgemeine Körperbewusstsein (oder die -neurose, ganz wie Sie wollen) ein wenig umgedreht zu haben. Ein überwiegender Teil der jugendlichen Männer ist muskulär ausgesprochen definiert in einer Art, die viel Arbeit und Mühen vermuten lässt, einige wirken fast asketisch. Und sie sind totalrasiert, die jungen Frauen oft nicht. Zwingen Sie mich nicht zu einer Wertung, denn es soll keine sein, sondern nur eine Beschreibung der Zustände ohne die Gründe für den Kulturwandel – wenn es denn einer ist – benennen zu können.

Wissen Sie übrigens, was ich an solchen Orten eklig finde?

Ich finde Leute eklig,

– die aus der Sauna ungeduscht ins Kältebecken gehen,
– die ihren Schweiß neben mir auf der Haut verreiben, so dass es spritzt,
– die mit ihrem zugeschweißten Handtuch wedeln, so dass es spritzt,
– die den Grind von unter ihren Zehennägeln rauspulen und
– die danach einen Eiterpickel auf dem Oberschenkel aufkratzen,
– der zu bluten beginnt.

Diese Leute sind hier heute eine Minderheit. Zwei von wahrscheinlich hundert. Für Berliner Verhältnisse bemerkenswert ist: Die überwiegende Mehrheit benimmt sich unauffällig. Ich wiederhole: Unauffällig. Moment, ich setze es noch einmal in Relation: Es ist Berlin und sie benehmen sich unauffällig.

Was ist da los?

Doch da kommen sie schon: Die Drei Debilen Tratschtanten (DDT). Sie wirken auf mich wie ein Insektizid. Überall wo sie hingehen, vertreiben sie mich mit der Hilfe von unkontrolliertem Sprechdurchfall. So liege ich im Warmwasserbecken, hänge ab, werde entspannt älter und sie kommen und erzählen Dinge. Ich erfahre, dass eine von ihnen gerade eine Diät macht und trotzdem nicht abnimmt. Sie faselt etwas von einem langsamen Stoffwechsel und einer Schilddrüsenunterfunktion bevor ich aufstehe und mich auf eine der zahlreichen Liegen lege.

Ich habe leider nicht darauf geachtet, dass die Liegen neben mir belegt sind. Also legen sich dort kurz darauf die DDT hin. Ich erfahre, dass eine von ihnen von ihrer Mutter früher gezwungen wurde, eine besonders bescheuerte Frisur zu tragen, was mit Sätzen aus der Erziehungsgruft wie „Wenn du deinen Friseur selbst bezahlst, kannst du die Frisur haben, die du willst.“ flankiert wurde. Und als es endlich soweit war, hat sie sich vom ersten selbstverdienten Geld eine eine kecke Kurzhaarfrisur machen lassen.

Nutzlose Informationen ficken mein Kurzzeitgedächtnis waidwund und flüssiges Hirn läuft aus meinem Ohr. Es hat sich in einem Akt der Verzweiflung selbst eingeschmolzen, um die Ohren zu versiegeln.

Ich muss weg. In die Gartensauna.

Dort treffen die DDT kurze Zeit später ein und ich überlege, ob ich auf die heißen Steine springen soll, damit ich endlich in Flammen aufgehe oder zumindest zu einer Suppe schmelze und es ein Ende hat.

Jetzt geht es um die leidige Arbeit. Da gibt es eine lästige Kollegin, die gerne Arbeit abwälzt. Außerdem schläft sie mit dem Chef. Jeder weiß das. Weil die beiden immer gemeinsam länger bleiben. Und die dumme Sau kriegt einen Bonus nach dem anderen.

Die mit dem Schilddrüsenproblem erzählt von ihrem Freund. Im Bett läuft es nicht mehr so. Die Routine greift um sich und er tut nix. Alle sind sich einig, dass er was tun muss. Ist aber auch echt scheiße, wenn er nix tut. Bonustrack: Ihm fehlt ein Ei. Also er hat nur noch eines. Statt zwei. Vielleicht liegt es ja daran. Ein Ei. Wissen die Freundinnen jetzt. Und ich auch. Meine Güte. Diese ganzen hirnlosen Informationen und mein Ohr ist immer noch nicht ganz zu.

Je länger das geht, desto zunehmender erscheinen mir die heißen Steine vor mir als ernsthafte Alternative zu dieser Akustikfolter. Vielleicht dauert das Verbrühen bis zum finalen Exitus doch nicht so lange. Die Haut dürfte recht schnell schmelzen, danach platzen die Blutgefäße und es wäre vorbei. Stille. Keine Geschichten über halbe Hoden irgendwelcher bemitleidenswerten Partner mehr. Nie mehr.

Eine andere Möglichkeit für das Erfüllen des so drängenden Wunsches nach einem abschließenden Ende der Dinge könnte auch der kleine Zierbrunnen sein, wenn ich ihn rausreiße, ihn mir mit der Kordel vom Ice-Bucket-Kübel um den Hals binde und mich publikumswirksam im Pool ersäufe. Oder ich fasse einfach mit dem nassen Finger in eine Steckdose und lasse erst los, wenn meine Augäpfel platzen und das Blut aus den Augenhöhlen auf die blöden geklauten Hotelbademäntel von den DDT spritzt.

Oder ich gehe einfach in den Ruheraum im ersten Stock. Es muss ja nicht immer gleich der Tod sein, der die Ruhe bringt. Ein Ruheraum, in dem jeder endlich mal die Fresse halten muss, geht auch. Dort lümmeln völlig erledigte Menschen auf überdimensionierten Polstern herum und sehen aus wie gestrandete Walfische, die nie mehr in der Lage sind, sich ohne technische Hilfsmittel wie etwa einem Flaschenzug aus dem verdammten Plüsch zu erheben.

Und so ist später Nachmittag. Ein Lüftchen weht. Moabit wird von der Sonne verwöhnt und ich fühle mich wie ein verwöhntes Moabit. Der Lack ist ab, aber sie haben mich gestreichelt. Das war gut. Doch jetzt muss ich wieder raus. Raus in den Staub. In den Dreck. Ich muss wieder nach Berlin rein. Denn hier ist alles, nur nicht Berlin.


Die Bilder hat mir Annika zur Verfügung gestellt, weil ich nicht fotografiert habe.


Wo ich war? Hier.


Kein Gutschein, keine Vergünstigung, kein Geschenk. Ich mach’s für lau. Sie kennen das ja.


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