Verarsch mich doch (28) – Special Edition: Aloha Kaffeefahrt

Es gibt ja diese Gutscheine in diesen Gutscheinheften, die Sie bei den Lottoläden oder beim Späti kaufen können. Zu billig um wahr zu sein. In diesen Gutscheinheften, für die Sie separat bezahlen, finden Sie alles mögliche. Gutscheine für Lederklamotten, mit denen Sie über den Tisch gezogen werden. Gutscheine für Menüs, in denen Sie mit Getränken, kleinen Portionen oder Zeug, das weg muss, beschissen werden. Und es gibt zwielichtige Weinverkostungen.

In vielen Fällen werden Sie, sobald Sie den abgerissenen Gutschein zücken, behandelt als das was Sie sind: Ein Sparschwein. Ein Knicker. Ein Knauser. Einer, der Zettel in blöden kunterbunten Heften abreißt, um ein paar Cent zu sparen und dafür weiß der Geier was für ein tolles Ding erwartet. Ein Schnäppchenjäger.

Die Profis behandeln Sie mit Ihrem Gutschein trotzdem wie Bruce Willis im Grill Royal. Sie sind die tapfere Minderheit. Die Stümper behandeln Sie schlecht. Und wieder andere ziehen Sie einfach nur ab.

Ich bin ja manchmal sehr blöd. Oder eher stinkend naiv. Ich habe manchmal keine blasse Ahnung, bis ich die ungeschönte Wahrheit unter seelischen Schmerzen erleide. Zum Beispiel dieser Gutschein für eine Weinverkostung mit Essen dazu. Ich habe mich gefreut. Ja, ich habe mich angemeldet. Absichtlich. Weinverkostung. Mit Essensbegleitung. Für einen Zehner. Ja, viel zu billig, so billig, dass man hätte misstrauisch werden können, misstrauisch werden müssen sogar. Werde ich aber manchmal nicht. Wein. Keller. Essen dazu. Was kann denn da schief g… (du Arsch, du dummer Arsch, sowas weiß man doch).

Rums, geht die Tür zu und dann sitze ich da, kaue auf altem Brot mit etwas Griebenschmalz herum, probiere ein Stück Salami, die nicht wirklich ihren Namen verdient, weil sie nur salzig und fettig schmeckt (von welcher Rampe haben sie nur diesen Dreck aufgekauft?) und werde beschallt, zuerst von vorne (sie deklinieren irgendwelche Rebsorten auf einem Flipchart), dann in Einzeltherapie vom persönlichen Patientenbetreuer, der schwitzt und sabbelt wie auf Speed.

Ich soll kaufen. Kartonweise Wein.

Der Typ neben mir will nicht kaufen, will nur Wein probieren und essen. Das sei nicht Sinn dieser Veranstaltung, wird ihm beschieden, so gehe das ja nicht, ja, dort ist der Ton rüder als bei mir, denn ich kaufe, habe das auch schon zu Beginn signalisiert, weil der Wein gut ist, den man mir hier vorsetzt. Mein Gastgeber riecht Blut, ich soll mehr kaufen, ein Karton reiche nicht, dafür würde sich der Aufwand für die Lieferung nicht lohnen, machen sie auch nicht sowas, unter zwei Kartons geht gar nichts, eigentlich müssen es drei Kartons sein, Minimum, streng nach Regularien, besser wäre gleich ein ganzer Lastwagen voll, weil so eine Gelegenheit kommt nie wieder, so ein Ausnahmewein …

… Freunde, denke ich, ein Ausnahmewein ist das nicht, ein guter Cuvée, sicher, eine gute Komposition, gelungen, ja, aber doch kein Ausnahmewein ….

… komme nur alle Jubeljahre mal vor, was ich mir denn da entgehen lassen würde und dann für den Preis, da kann man doch, da soll man doch, Mensch Meier, da muss man doch, es tut ihm ja so weh, dass ich mich ziere …

Und so sitze ich da, kaue auf der harten Stulle herum und werde bearbeitet, bequasselt, besoffen gemacht, weichgespült, hirngewaschen. Der Wein ist gut, ja, zwei Kartons sind okay, nehme ich auch, mehr muss nicht. Hinten im Hinterkopf pocht derweil sanft die Niederlage, ich wollte ja nur einen Karton, jetzt hab‘ ich schon zwei. Ich muss jetzt hart bleiben. Kämpfen. Mich durchsetzen. Sonst gehe ich hier mit zehn Kartons raus und werde mich jahrelang grün-blau-gelb-orange ärgern, wenn ich hier jetzt: Nachgebe. Umfalle. Verliere.

Ja, nein, also zwei ist ja viel zu wenig, da lohne der Aufwand ja nicht, also so wenig, das habe er ja noch nie erlebt, ob ich denn wirklich, wolle, würde, mir, das, entgehen. Lassen. Lohnt doch nicht. Geht doch nicht. Kann doch nicht. Ist doch nicht. Zum Aushalten. Blick zur weiblichen Begleitung. Jetzt schwenkt er um. Kriegt er sie, hat er mich. Er weiß das und ich sehe das. Er wittert. Die Nasenflügel bewegen sich tatsächlich. Das gibt’s doch nicht. Irgendjemand spielt irgendwo Mundharmonika. Spiel mir das Lied vom … egal, jetzt gibt er alles, er kämpft, er charmt, er insistiert, er gießt nochmal nach, probieren Sie, probieren Sie, Schokolade! Vanille! Tannine! Zuletzt pure Verzweiflung, das letzte Aufgebot: Junge Frau! Das ist ein unglaubliches Parfum, da Sie da tragen, woher haben Sie, würde ich auch gern, mal verschenken, das, wirklich gut, Sie haben Geschmack, junge Frau, ich habe das von Anfang an gesehen, eine Frau mit Stil, zu Ihnen passt dieser Wein…

Das hat nicht nur was von Kaffeefahrt hier, das ist Kaffeefahrt, die Türe ist zu und die Milchkühe werden bearbeitet, es sind keine Heizdecken, keine Teppiche, es sind Weine und das Terrain wird beackert, weichgeklopft, stetig, stetig, Dampfstrahl höhlt den Stein, es wird ungemütlich, es wird anstrengend, ich führe einen Abwehrkampf auf feindlichem Gebiet. Es macht keinen Spaß. Es ist nicht schön. Ich suche die Tür. Ich will hier weg. Die tapfere Frau fällt mir nicht in den Rücken, sie steht wie ein Baum, astrein, weil auch sie es lieber gemütlich als schwitzig anwanzend mag.

Ich unterschreibe für zwei Kartons, die Enttäuschung ist nun fast greifbar, der Kampf ist vorbei, lange genug hat er gedauert, der Verkäufer fühlt sich sichtlich schlecht und die Temperatur sinkt fast sekündlich. Ich habe ihn enttäuscht mit meinen zwei lausigen Kartons, aber ich bin immer noch besser als der Typ neben mir, der wutentbrannt aufsteht, schimpft und geht, eher gegangen wird, niemand ist überrascht, man führt ihn hinaus, gekonnt, routiniert, sie scheinen das zu kennen hier, ab und zu hält einer den Druck nicht aus und rastet.

Zwei Kartons. Als ich ihm die Hand gebe, schaut er mir nicht in die Augen, sondern an mir vorbei. Fast hätte er mir noch die linke Hand gegeben, entschied sich aber im letzten Moment dagegen. Seine Verachtung kann er dennoch nur schwer kaschieren, so viel Arbeit und dann doch so ein blödes Sparschwein mit seinen zwei Kartons.

Zwei Kartons. Ja. Der Wein war wirklich gut, ja. Wird auch schnell weg sein.

Doch ich benutze keine Gutscheine mehr. Das war endlich der Tritt in die Kniekehle. Schluss mit Lockmitteln. Billigen Häppchen. Portionsnepp. Qualitätsoverkill. Oder Kaffeefahrtfeeling. Ich mag nicht mehr. Ich lerne jetzt endlich mal dazu. Andere Händler haben auch schöne Weine. Schöne Lederjacken. Schöne Rib Eye-Steaks. Schönes Sushi. Verarsche mit Gutscheinen? Nix. Vorbei. Keine Verarsche mit Gutscheinen mehr.


Verarsch mich doch (27)