Kampf der Käseblätter

In Prenzlauer Berg tobt ein seltsamer Kampf und damit meine ich nicht die seit Jahren schwelende Auseinandersetzung gelangweilter Kinderwagenmütter um die Eispreise von Hokey Pokey und die blockierten Gehwege, sondern es ist ein Kampf zweier Online-Kiezzeitungen um die Lufthoheit im Minderheitenblätterwald von Prenzlauer Berg.

Na gut, wenn ich ehrlich bin, kriegt das außer mir keiner so richtig mit, kämpfen hier doch zwei kleine Randportale um ein paar wenige überhaupt an Lokaljournalismus interessierte Leser, wenn auch mit allen Bandagen: Die Prenzlberger Stimme gegen die Prenzlauer Berg Nachrichten.

Und umgekehrt.

Es ist ein Kampf, dessen Ergebnis ungefähr so interessant ist wie die brennend heiße Frage, ob das Café Anna Blume oder die Zuckerfee den besseren Zupfkuchen hat oder ob das Hafer Crunch Müsli von Alnatura gesünder ist als das mit Dinkel von der Bio Company. Ich befürchte fast, außer mir interessiert keine Sau, wer in Prenzlauer Berg versucht, Lokaljournalismus aufzuziehen, damit scheitert und in heiligem Zorn auf den Konkurrenten einschlägt.

Ich weiß aber eines: Lokaljournalismus funktioniert nicht. Zumindest nicht hier. Und nicht so. Der Markt ist nicht da, denn die Leute hier lesen maximal diese professionell aufgezogenen kunterbunten Mamiblogs, gepampert von Wileda, Baby Björn und Hipp Breien. Und selbst die können davon nicht leben, obwohl ihnen die Babykrempelindustrie die Calendulatuben in ganzen Kartonagen hinterher wirft und die ausufernd prominent platzierten Bling Bling-Werbebanner es fast schon mit den großen Nachrichtenportalen aufnehmen können.

War das nicht schon vorher klar? Bezirkspolitik? Kiezkram? Ehrlich, das liest doch keiner. Nicht mal die Berliner Landespolitik holt mehr als abgestandene Wollmäuse, in die sich alte abgekaute Fingernägel eingerollt haben, unter dem Sofa hervor. Interessiert doch keinen mehr in Zeiten, in denen die Wahlbeteiligung auf Landesebene an der 50% kratzt. Biedermeier. Der Rückzug ins Private. Will keiner mehr wissen, was vor der Haustüre läuft. Oder nebenan. Die da oben. Machen ja. Eh. Was sie wollen. Und so. Das Konzept Lokaljournalismus trägt nicht in so einem Umfeld. Oder?

Die Prenzlauer Berg Nachrichten haben versucht, den Lokaljournalismus neu zu erfinden und ins Internet zu tragen, weil er von den Etablierten vernachlässigt wurde. Das war der Anspruch vor fünf Jahren.

Machen wir es kurz: Die Prenzlauer Berg Nachrichten sind langweilig. Mir schlafen die Beine ein bis hoch zur Kimme. Schon das Layout ist furchtbar bieder und die Inhalte stehen dem in nichts nach: Blass, langatmig, nicht auf den Grund gehend, keine grundlegende Kritik an teilweise unhaltbaren Verhältnissen, die sie beschreiben, aber nicht bewerten, und nirgends der Wille, es sich mit denen zu verderben, die von Journalisten laut Selbstverständnis eigentlich kritisiert werden sollen: Die Politik, die Mächtigen und auf jeden Fall die Lobby der Immobilienhaie, die sich mit der Unterstützung durch eine Politik, die jetzt medienwirksam die Folgen ihrer eigenen Entscheidungen bejammert, durch die bestehenden alten Mieterstrukturen Prenzlauer Bergs gefräst hat wie wie eine Heuschreckenhorde durch ein Getreidefeld. Nichts davon. Stattdessen ein erschreckend unkritisches Interview mit einem der führenden Protagonisten der Fehlentwicklung und ein dümmliches Gebashe des letzten Kiezes von Prenzlauer Berg, in dem noch überwiegend Geringverdiener wohnen.

Der Rest besteht aus vollkommen unkritischen Restaurantempfehlungen, belanglosen Beschreibungen irgendwelcher Kinderklamottenläden, ein wenig Kieztratsch, Eigen-PR, abgeschriebene Pressemitteilungen und Copy und Paste aus dem Polizeiticker. Die Berliner Woche – dieses unsägliche kostenlose Anzeigenblatt aus meinem Briefkasten – ist ein Investigativorgasmus dagegen.

Das alles ist nicht schön. Ein seit Jahren gemessen an den Ansprüchen chronisch schwacher Auftritt. Für den die Prenzlauer Berg Nachrichten jetzt 4,90 € im Monat wollen und dafür eine Kampagne gestartet haben. 750 Mitglieder müssen es werden, sonst machen sie am Samstag zu.

Das wird knapp und in Anbetracht des enormen Medienechos der Aktion (taz, tagesspiegel, Focus, Berliner Zeitung) und dem persönlichen Einsatz dreier Bundestagabgeordneter, darunter der einzige Politiker, für den ich noch so etwas wie Respekt aufbringen kann, ist selbst das Erreichen der 750 zahlenden Mitglieder, nach denen es momentan gar nicht mal aussieht, ziemlich schwach. So wenig Resonanz bei gleichzeitiger Penetranz spricht stark dafür, dass das Produkt einfach nicht angenommen wird.

Es fehlt ja auch so viel: Ein ungekürzter RSS-Feed, eine vernünftige Kommentarfunktion, Verlinkung/Vernetzung mit anderen Angeboten und vor allem – und das ist das Hauptproblem – gute Artikel, Artikel, die für sich selbst sprechen, die keine Werbung für sich brauchen, die mitreißen, die freiwillig geteilt werden, die Dinge herausfinden, die nicht sowieso schon jeder weiß, die den Finger in diese ganzen Wunden des Bezirks legen, kritisch, frech, gerne auch mal laut. Doch nichts zu sehen. Ich schaffe es nur bei den wenigsten Artikeln, selbst wenn mich die Überschrift dazu animiert, vom verstümmelten RSS-Anreißer auf den vollen Artikel im Web zu wechseln, länger als ein, zwei Absätze dran zu bleiben bevor ich das Ding kopfschüttelnd zu mache. Nein, dafür zahlt die breite Masse nicht und wenn es trotz dieses nur noch mit dem Start der Krautreporter vergleichbaren medialen Wirbels lediglich gelungen ist, nur knapp 700 mit Ach und Krach 750 zahlende Mitglieder zu animieren, dann ist das ein Zeichen dafür, dass Lokaljournalismus in dieser praktizierten Form keine Zukunft hat. Dann ist das Angebot nicht gut genug und dann hilft auch nicht der Druck auf die Moraldrüse, warum denn angesichts von 150.000 Einwohnern des Ortsteils Prenzlauer Berg so wenige bereit dazu sind, für lokale Inhalte zu zahlen.

Sie zahlen nicht, weil das Produkt nicht gut genug ist. Face this.

Ich höre jetzt jemanden hämisch lachen.

Das ist der von der Prenzlberger Stimme. Den gibt es auch schon länger, er macht den Job alleine und man merkt, dass ihn die Werbetrommel der Konkurrenz, die im Moment ihre ganze SPD-Parteibuch-Klaviatur abspielt, um doch noch kurz vor dem Fallbeil der selbst aufgestellten Guillotine über die Runden zu kommen, ziemlich abnervt.

Das Problem ist: Aus seinem Projekt wird auch nix.

Sicher, er ist unkommerzieller. Er ist wütender. Er ist bissiger. Er ist schneller. Er ist fleißiger. Kritischer manchmal auch (obwohl da mehr ginge). Aber er verrennt sich gern. Dann wird er unsachlich.

Aktuell hat er sich in die Konkurrenz verbissen, der er, wenn ich richtig mitgezählt habe, in den letzten Wochen drei dicke fette Artikel voller leidenschaftlicher Abneigung gewidmet hat (BlutGehirnMassaker), worauf diese über Bande oder via Facebook kontert.

Das Ganze hat schon was manisches, es wirkt unsympathisch biestig und ich verstehe die Motivation nicht. Vielleicht liegt sie in vergangenen Kränkungen begründet, die jetzt in Ausfällen eruptiv wieder zutage treten. Ist ja oft so. Das Personal der Konkurrenz triggert ihn vielleicht. Ich kenne das ja von mir selber. Es gibt Sorten von Menschen, bei denen überkommen mich Gewaltfantasien, wenn ich sie sehe. Die müssen mich nur anschauen und ich hasse sie. Hilft nix. Geht wahrscheinlich vielen so. Die meisten von uns haben das unter Kontrolle.

Dass der Betreiber in diesem Zusammenhang die Kommentarfunktion zu allen kritischen Artikeln abschaltet oder gar nicht erst zulässt, zeugt bei aller Konsequenz dann doch nur von mangelnder Souveränität. Wer Gegenwind, Schafsblöken und meinetwegen auch blanken Hass nicht verträgt, sollte nicht wie eine rhetorische außer Kontrolle geratene Katjushabatterie ins Internet feuern, sondern vielleicht in den Öffentlichen Dienst gehen. Irgendwo in die Registratur. Lauschiges Eckchen. Oder in den Garten. Gurken züchten. Johanniskraut. Melisse. Zum Runterkommen.

Dazu kommt, dass manches in seiner ironiefreien Selbstgerechtigkeit nicht wie etwas wirkt, das man auf jeden Fall ernst nehmen muss, sondern einfach unfreiwillig komisch. Oder wie jemand, der seine Rolle in der Kommunalpolitik doch ein wenig überschätzt.

Und der arme Ströbele kuckt wie ein geprügelter Hund, meine Güte.

Bei aller Kritik ist trotzdem noch einiges festzuhalten, das mich bei der Prenzlberger Stimme manchmal gerne mitlesen lässt: Sie macht inhaltlich mehr her und ist rein sprachlich besser verdaulich als ihr zu verkopftes Pendant mit dem Stallgeruch eines Elfenbeinturms. Wichtige Informationen finden Sie dort oft zuerst und sie sind auch noch fundierter recherchiert, schöner bebildert, mit dem Blick für die Details und immer meinungsstark. Die meisten Informationen über die Aktivitäten der wenigen verbliebenen Nazis im Bezirk, deren Anwesenheit ich so unhygienisch finde, dass ich immer, wenn die was machen, das Haus verlassen muss, um einen symbolischen Stinkefinger in die Luft zu halten, habe ich von dort. Okay, manchmal verliert er sich, wenn er über Dinge wie einen Brunch der CDU Schönhauser Allee berichtet. Dort stehen dann irgendwas um die 20 Bilder und ein Text mit dem unvergleichlich unspannenden Bericht darüber, welcher Bezirksschlumpf irgendwas zu irgendeinem anderen Bezirksschlumpf sagt. Wer liest das? Außer mir? Und ich weiß nicht einmal, warum ich das lese. Vielleicht ist es wie mit der Speisekarte für eine Salatbar oder den verdammten Flyern für diese neue Esoterikbutze in meiner Straße. Das ist so abgefahren, das muss man einfach lesen, weil man so etwas noch nie gelesen hat und vielleicht nie wieder lesen wird. Meine Güte, ein Bericht über einen Brunch der CDU Schönhauser Allee. Ich habe nur eine Frage: Es gibt eine CDU Schönhauser Allee? Und noch zwei hinterher: Warum gibt es die? Und wer will das wissen?

Soweit zum Stand im Kampf Käseblatt gegen anderes Käseblatt. Jetzt laufen Strafverfahren. Der eine hat den anderen angezeigt. Und ich habe keine Ahnung, warum. Da kämpft ein Marginalisierter gegen einen anderen Marginalisierten. 65 (Prenzlberger Stimme) gegen 265 (Prenzlauer Berg Nachrichten) Abonnenten bei Feedly, wovon man sicherlich je die Hälfte als inaktive Leseleichen abziehen kann. Mau. Die meisten Muttiblogs haben mehr. Und die Foodblogs sowieso. Doppelt so viel. Drei mal. Was soll das? Das ist kein Sturm im Wasserglas, das ist ein Sturm im Fingerhut. Es hilft keinem. Es ist einfach nur blöd.

Ich sehe das Scheitern des hiesigen Lokaljournalismus ganz nüchtern: Die Prenzlauer Berg Nachrichten machen mir ein Angebot, das ich nicht annehmen werde, weil mir der Content das Geld nicht wert ist. Wenn die Prenzlauer Berg Nachrichten nicht mehr da sein werden, dann wird mir nix fehlen. Ich kann locker ohne und lehne das Angebot daher ab. Das darf ich. Und natürlich dürfen mir die Prenzlauer Berg Nachrichten so ein Angebot machen. Die Prenzlberger Stimme macht ja auch ein Angebot. Ein kostenloses. Mit Vollfeed. Dafür muss ich mich zwar durch CDU Brunches, irritierende Berichte über einen Sportverein namens Rotation Prenzlauer Berg und nicht zuletzt einen sinnlosen Kleinkrieg klicken, den ich nicht verstehe, aber das geht klar. Das Angebot habe ich angenommen. In der Marktwirtschaft machen wir das so. Wir nehmen Angebote an. Oder eben nicht. Und danach gehen wir weiter.Werdet erwachsen.


Wenn Sie in Steglitz-Zehlendorf wohnen, hätte ich da was für Sie: StadtrandNachrichten. Schönes Ding. So geht lokal. Wobei, wenn ich tatsächlich Leser aus Zehlendorf habe, mache ich was falsch. Zehlendorf ist der Feind.