Im Dunkelrestaurant

Diese Dunkelrestaurants der Stadt sind offenbar Orte, die fast nur mit Gutscheinen besucht werden. Wenn Sie – natürlich mit Ihrem Gutschein – vorne am Empfang des Ladens stehen, reihen Sie sich ein in die Schlange mit anderen Leuten und ihren Gutscheinen in der Hand, die darauf warten, dass drinnen im Dunkeln ein Platz frei wird. Eventgastronomie. Rein. Abfüttern. Raus. So ist das nun mal.

Machen wir uns nichts vor: Ohne Gutschein wäre ich hier noch nie gewesen. Mit Gutschein inzwischen schon das dritte Mal. Die buckligen Freunde wissen, dass ich gerne essen gehe und offenbar denkt jeder, dass ich noch nie hier gewesen sein kann, weil man ja ohne Gutschein nicht hierher geht. Der Gedanke, dass auch andere solche umwerfend kreativen Ideen für ein Geschenk haben können, ist einer, der nie das Licht der Welt erblickt. Doch halt, auf keinen Fall wollen wir äffen, wir wollen essen.

Unsicht-Bar heißt der Laden. Please put my brain straight into the ass of the Wortspielhölle. In Berlin müssen wir immer noch tolle Wortspiele machen, wenn wir einen Laden aufmachen, dabei sind Wortspiele so tot wie Bubble Tea. Bar eignet sich dafür ganz besonders. Wunder-Bar. Unsag-Bar. Brauch-Bar. Unvorstell-Bar. Das ist so kreativ, dass ich mich jetzt gerne ritzen möchte.

Natürlich ist der Laden hier in Mitte eine Touristen- und Gutscheininhaber-Abfütterungsstation, das wird mir besonders klar als ich trotz Reservierung eine halbe Stunde warten muss bis drinnen endlich ein Platz für mich frei wird. Bis dahin stehe ich mit anderen Gutscheinpappnasen im Foyer herum, deren Begleitungen von Minute zu Minute angekotzter wirken bis sie aussehen wie ich mich fühle. Meine Begleitung ist auch angekotzt. Überbucht. Der Laden ist überbucht. Zu eng gesetzt, die Reservierungen. Klassiker. Die Leute fressen langsamer als die Planung vorgesehen hat und alles geht den Bach runter. Wie heute. Ich habe Hunger.

Mein Platz wird in dem Moment frei als ich beschließe, drüben bei Monsieur Vuong zu fragen, ob er inmitten seines unvergleichlich schnöseligen Mitte-Wichtigtuer-Klientels noch Platz für mich hat.

Klar ist: Ohne Gutschein müssen Sie gut Geld in die Hand nehmen, um in der Unsicht-Bar essen zu dürfen. Um die 60 € sind es für vier Gänge. Pro Person. Ohne Getränke. Und noch klarer ist, dass das Essen in dieser Güte in einem ganz normalen Restaurant den Preis nicht rechtfertigen würde. Es ist der Event-Charakter, den Sie bezahlen.

Darum eignet sich das Restaurant natürlich für einen Geschenkgutschein für Freunde, Familie und die nicht minder einfallslosen Kollegen, denn immer nur Massage-, Sauna- und Fußpflegegutscheine sind ja auch fad irgendwann. Geschäftsidee: Gründe doch mal jemand eine Agentur, die mir wechselnde Gutscheine für irgendwelche Feierlichkeiten besorgt – und zwar welche, die ich noch nicht hatte, möglichst originell, rechtzeitig per Post im Briefkasten und im Wert abgestimmt nach Sympathie für den Beschenkten. 5% Provision pro Gutschein, da ist doch der Break-Even-Point nicht weit, oder?

Und ja, so ein Dunkelrestaurant ist ein Happening, zumindest beim ersten Mal. Sie werden erfahren, wie hilflos Sie plötzlich sind, wenn so etwas Elementares wie das Augenlicht fehlt, wie dankbar, wenn sich dann jemand um Sie kümmert und wie erleichtert, wenn das Augenlicht beim Verlassen der Dunkelkammer doch wieder zurückkommt. Hier stellen sie sich alle, die Fragen: Was macht Lebensqualität aus? Was weiß ich nicht zu schätzen, da ich es für selbstverständlich halte? Wie wertvoll ist das was ich habe? Kann ich damit umgehen, wenn ich so etwas wie das Augenlicht verliere? Ich vermute mal, dass die meisten der Besucher beim Essen diesen laienphilosophischen Gedanken nachhängen. Das ist für mich eigentlich das Interessanteste an einem solchem Abend. Das Essen ist eher nachrangig.

Hey, ich habe auch Fotos gemacht. Hier das Ambiente.

Ein schönes Glas Rioja.

Vorspeise: Irgendeine Suppe, wahrscheinlich Karotte mit Ingwer. Und Kartoffeln. Sauerampfer. Oder so.

Hauptgang: Keine Ahnung, was das war. Sollte Rind sein. Beilage? Kein Plan. Ich seh‘ ja nix.

Haha.

Scheißwitz.

Was ich gegessen habe? Ich habe keine Ahnung, denn eine interessante Erkenntnis ist, dass Sie die Dinge erstaunlich schlecht geschmacklich einordnen können, wenn Sie sie nicht gleichzeitig sehen. Da können Sie schon mal flambierten Apfel mit gedünstetem Kohlrabi verwechseln. Freaky.

Und nochmal: Nein, Sie essen hier nicht sonderlich herausragend. Nicht für den Preis. Premium ist das nicht, maximal solide. Für 60 €, wenn Sie die übrig haben, können Sie auch ein paar Straßen weiter ins Grill Royal gehen. Da laufen Ihnen dann auch ein paar kuhäugige Promis über den Weg, die Sie … na? … sehen können. Peter Hahne. Kader Loth. Der Seehofer. Diese Liga. Mehr geht nicht. Wenn Bruce Willis kommt, fliegen Sie unweigerlich raus. Oder kommen gar nicht erst rein.

Was bleibt denn von der Unsicht-Bar?

Ohne Gutschein: Nein. Mit Gutschein: Na sicher. Ich lass die ja nicht verfallen.


Unsicht-Bar
Gormannstraße 14
Mitte
http://www.unsicht-bar.de/