Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Honk (31)


Die Welt ist im Arsch, die Ratten gehen an Krücken. Lass uns gehen.
Peter Strohm


Der heutige Honk ist weiblich, dick, steht mit Entourage bei McDonalds an der Kasse und pöbelt.

„Hungaaaaaa! Jeht dit nich schnella?! Maaaaaaaaaan!“

Ich habe sie schon am Eingang gehört und zunächst an eine ironische Performance gedacht. Frauen traut man ja aggressive Pöbelei gemeinhin nicht zu – ein Trugschluss, zumindest für Berlin. Hiesige Frauen können locker so unangenehm wie Männer werden, inklusive Anpacken. Je betrunkener desto wahrscheinlicher. Das Problem dabei ist: Sie dürfen sich nicht adäquat wehren, wenn es Sie trifft. Das macht die Sache unentspannt. Bei Männern wissen Sie: Wenn Sie sich in der Lage zu einem sauberen rechten Seitwärtshaken sehen, dann geht der klar, zumindest wenn Sie der sind, der zurückschlägt und genug Zeugen da sind.

„Soll ick übasetzn’n oda watt? Schnella!“

Das McDonalds-Personal steht devot in der Gegend herum und interessiert sich auffallend für die hässliche Deckenbeleuchtung, neben der eine Gurkenscheibe klebt. Ich muss kurz lachen, weil mir in den Sinn kommt, dass wir früher als pubertierende Schüler die Gurkenscheiben von den Cheeseburgern an solche Lampen geschnippt haben bis die komplett zu damit waren und wir wieder ein Hausverbot im Sack hatten. Dazu muss man wissen, dass McDonalds-Gurkenscheiben ausgesprochen gut auf glatten Flächen jeder Art kleben, wenn man sie dagegen wirft. Auf Fensterfronten zum Beispiel. Das sehe ich wieder öfter in letzter Zeit. Ich mag es, wenn Wissen nicht verloren geht.

„Wat da so langä dauat will ick wissn’näh. Hungaaaaaaaa!“

Alle anderen im Raum sind entweder so tief ins Gespräch vertieft, dass sie ihre Umgebung komplett ausblenden oder sie betrachten die an der Decke klebende Gurkenscheibe, die im Moment das beliebteste Nahrungsmittel im Raum sein dürfte. Auch ich gebe mich zunächst dem Reflex des Ausblendens hin und lese mir die Werbung für irgendeinen der neuen ekligen Aktionsburger durch. Sie haben irgendeinen vorgeblichen Profikoch engagiert, der jetzt gebratene Paprikastreifen und schöpflöffelgroße Kleckse Remoulade auf die Burger schmeißt und das wilde Küche nennt. Sehr schön. Wenn sogar das Marketingbild nach Sodbrennen aussieht, finde ich das erfrischend ehrlich.

„Un’n dat der Käse schön zalaufn’n iss, ja? Schön zalaufn’n. Soll ick übasetzn’n oda fastehste dit von da wode heakomms, Fotzäh?“

Nun sagt niemand mehr irgendwas. Der komplette Raum ist abgetaucht. Ich schaue nach hinten in den Küchenbereich: Die derart Angesprochene ist schwarz. Dunkle Hautfarbe. In der Logik der Kleingeister damit nicht deutsch. Deshalb da wo du herkommst. Und übersetzen. Weil nix deutsch. Kapischi? Ich verstehe jetzt den Zusammenhang. Wir pöbeln nicht einfach normal, wir pöbeln rassistisch. Das ist der Punkt, an dem mich nicht einmal die Werbung der neuen wilden Küche eines strauchelnden Burgerbraters mehr interessiert.

„Kann ich helfen? Gibt es ein Problem?“ versuche ich die Aggression auf mich zu lenken.

Das gelingt.

„Fafatzda! Kackvogel!“

Ich unterdrücke ein Grinsen. Kackvogel habe ich zuletzt auf der Reeperbahn gehört als ich nicht mit einer speckigen Pickligen, die mich am Arm gepackt hat, in ihren Hauseingang gehen wollte. Hamburger Nutten sind die krassesten Bitches.

Jetzt schaut der ganze Raum. Es ist merkwürdig still. Ich höre die Vögel draußen. Augenpaare ruhen auf uns. Doch ich halte den Blick.

„Sie könnten sich beruhigen. Das würde mir die Mittagspause verschönern.“

„Wat mischt du dich ein, Ficka!“

Sie wird doch nicht … bam … Schlag gegen den Oberarm. Und noch einen zweiten hinterher. Tatsächlich. Habe ich nicht erwartet. Ihre Entourage grinst. Mein Jackett federt den Schlag zwar etwas ab, dennoch tut es überraschend weh und jeder Mann hätte genau jetzt einen drin. Zeugen wären genug da. Wehren bis zu einer bestimmten Stufe ist ja straffrei. So viel juristisches Grundwissen hat jeder und ich fackel‘ in der Regel nicht lange. Grundregel dabei: Gleiche Münze. Es gibt immer die gleiche Münze zurück. Ich bin kein Pazifist. Ich schlage zurück, wenn ich Zeugen habe.

Doch hier nicht. Nein. Machen wir nicht. Auf keinen Fall machen wir das. Ich bin zu gut konditioniert, um mich nicht unter Kontrolle zu haben. Es ist eine Frau und ich kann nicht gewinnen. Wahrscheinlich hätte ich das alles hier lassen sollen. Wie alle. Aber das ist jetzt auch egal, denn die Ladung Junk steht endlich auf der Theke und die Gier nach miesen Cheeseburgern mit chemischer Coke Zero besiegt die Lust auf Krawall bei der, die ihre Auseinandersetzung mit mir gewonnen hat, weil mir die Mittel fehlen. Sie trollt sich und die Entourage wackelt hinterher. Einen Fickfinger hat sie noch für mich. Und mir bleibt das giftige Gefühl der Niederlage.

Kurz darauf kommt auch mein Fraß. Ich setze mich und nehme einen Bissen. Die Gespräche im Raum setzen langsam wieder ein und ich kaue den Junk. Die Stadt wird immer bescheuerter. Geschlechterunabhängig. Pack. Mit Penis und ohne. Honks. Glückwünsche.

 


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