Elsässer Gedanken

Nein, keine Querfront. Kurzurlaub.

Das Elsass sieht aus wie Deutschland, ist auch fast wie Deutschland, nur mit anderer Sprache.

Und Sie können hunderte Kilometer über Dörfer fahren ohne einer Ampel zu begegnen.

Das ist so wenig deutsch wie nur möglich.

Nur wenn Sie in den zahllosen Kreisverkehren vor lauter Überforderung nie blinken und in Panik die Spur wechseln aus Angst, Ihre Ausfahrt zu verpassen, sind Sie ziemlich deutsch.

Wenn Sie einen Kleinwagen mit deutschem Kennzeichen fahren, dann kann es sein, dass ein französischer BMW-Fahrer mit kleinem hässlichen Penis Sie mobbt. Stoßstangenfahren. Slalomlenken. Aufblenden. Weil Sie die Serpentinen bergauf in Ihrem zweiten Gang des vollgepackten Stadtautos mit permanent fast kotzendem Kind hintendrin so langsam sind.

Das kann Ihnen allerdings auch in München passieren. Nur ohne Serpentinen.

Korrigiere: Das wird Ihnen ziemlich sicher auch in München passieren.

Angesichts meines deutschen Autos hat mir hier jedoch noch niemand einen Hitlergruß gezeigt.

Das war in den 90ern noch anders. Da stand ein elsässischer Teenager am Straßenrand und grüßte formvollendeter als der Führer selbst. Das hat mich sehr irritiert, weil nicht zu erkennen war, ob es kameradschaftlicher Ernst oder feindlicher Diss war.

Das Elsass ist die Hochburg des Front National. Die Nähe zu Deutschland ist sicher nur Zufall.

Dafür sind die Supermärkte wie überall in Frankreich sehr cool, wenn es nicht gerade der sich in Frankreich wie die Pest ausbreitende Lidl ist.

Sie verkaufen den Morbier für 80 Cent die 100 Gramm.

In Berlin knöpft mir Edeka dafür locker das Doppelte ab. Lafayette noch mehr.

Dafür schmeckt der Morbier hier in Frankreich besser als zuhause.

Würziger.

Strenger.

Nicht so sahnig.

Ich beginne zu vermuten, dass es eine Exportversion davon gibt und eine für die Kenner.

Oder es ist Einbildung.

Weil ich Urlaub habe.

Das kann natürlich auch sein.

Sowieso ist die Käsetheke jedes ranzigen Supermarkts im Elsass besser bestückt als die vom Lafayette in Berlin. Bei einem Drittel des Preises.

Verrückt.

Verrückt ist auch:

In Colmar gibt es einen Fremdenführer, der aussieht wie Mehmet Scholl.

Und eine Restaurantfachkraft, die aussieht wie Sarah Wagenknecht.

Warum mir so etwas auffällt, weiß ich nicht.

Warum ich mir darüber Gedanken mache, auch nicht.

Dafür schmeckt Flammkuchen hier im Elsass besser als in den Kindercafés von Prenzlauer Berg. Vermutlich liegt es an der fehlenden Hektik. Und der guten Laune.

Und überhaupt schmeißt niemand mit Rucola um sich.

Ich kann nämlich keinen Rucola mehr sehen.

In Prenzlauer Berg machen sie den Rucola sogar auf die Flammkuchen.

Übrigens hat das Elsass auch Nachteile (vom Front National einmal abgesehen).

Denn die unmenschlichen Steigungen dieser verfluchten Vogesen bringen jeden Berliner Läufer um, der keine Anstiege kennt und dessen dafür zuständigen Muskelstränge aus diesem Grund hoffnungslos verkümmert sind.

Dieser Läufer kapituliert schließlich und legt in zwei Stunden bis zu fünf Gehpausen ein, weil seine Beine in ihrer Konsistenz wie Blei brüllend streiken, worauf ihn gierige Mücken aussaugen, die der frische Schweiß angezogen hat. Die stets folgenden unmenschlichen Abstiege dagegen haben keinen Trainingswert, bestehen sie doch nur aus dem Versuch, nicht hinzufallen. Kurz darauf beginnt der nächste abartige Anstieg. Abstieg. Anstieg. Es ist ein Elend.

Mein Vermieter spricht angenehmes Deutsch mit lustigem Dialekt, das leichte Anklänge von Schwizerdütsch und Luxemburgisch hat. Zwei der Sätze, die er zu mir sagt, sind die hier: „Der 8. Mai ist Feiertag in Frankreich. Wir haben gewonnen.“ Dann grinst er und ich ertappe mich dabei, dass ich mich darüber ärgere, obwohl ich gar nicht mal richtiger Deutscher bin. Als Inhaber ziemlich unarischen Blutes, das in einigen Strichen des Landes, in dem ich wohne, immer noch eine Rolle für den Wert eines Menschen spielt, müsste es mir vollkommen egal sein, weil es mich gar nicht betrifft, am 8. Mai verloren zu haben. Deutsch ist für mich nur eine Frage des Autokennzeichens. Und eine wunderbare Sprache, die viel mehr kann als das profane Englisch.

Wahrscheinlich ist es nur die schlichte Blödheit des Satzes, die mich ärgert, dieses „Wir“ – kombiniert mit „gewonnen“. Es ist unter so vielen Gesichtspunkten hässlich und aus der Zeit gefallen.

Beim Öffnen einer Flasche überraschend guten Elsässischen Gewürztraminers zum Bergkas beschließe ich, es auf die Sprache zu schieben, die für ihn bestimmt Fremdsprache ist. Oder auf eine schräge Form von Ironie, die mich nicht erreicht. Der untaugliche Versuch, witzig zu sein. Zu viele Kühe auf zu wenig Quadratmeter, was dann abfärbt. Diese ganze frische Luft. Sein Jesuskreuz am Haus. Oder einfach Synapsenkurzschluss. Der viele Wein wegen mir.

Im Elsass bemühen sich sowieso viele, deutsch mit mir zu sprechen, auch wenn es nur Brocken sind. So entsteht die witzige Situation beim Bäcker, dass ich auf Französisch mein Pain de Campagne bestelle und mir auf Deutsch gesagt wird, was das kostet.

Witzig sind auch die deutsch-französischen Wortkombinationen an jeder Ecke des Elsass‘, vor allem wenn sie von Franzosen ausgesprochen werden.

Wer übrigens das Internet in Brandenburg für beschissen hält, war noch nie im Elsass. Elsass – the real home of the Edge. In meiner Unterkunft wechselt es sogar zwischen Gar Nix und GSM. GSM! Das ist dieser komische Buchstabe G ganz oben neben dem einen lausigen Empfangsbalken, ein Buchstabe, den ich nicht einmal in Brandenburg jemals länger als einen Augenblick zu Gesicht bekommen habe und mit dem Sie sich maximal fefes Blog anzeigen lassen können – nach 15 Minuten Warten. Was Ihnen nix bringt, weil Sie die Links erst aufkriegen, wenn der Urlaub schon wieder vorbei ist. G. GSM. Der Zombie aus der Gruft grüßt die 90er. Und das Beste von heute.

Überhaupt das Internet: Mein deutscher Provider verlangt für Frankreich 3 Euro für 50 MB, was bedeutet, dass mein Provider ein Arschloch und die Europäische Union ein beschissener Witz ist. Sie schaffen mit ein paar Federstrichen den freien und komplett unregulierten Verkehr für Waren und Kapital, der zu europaweiten Telekomkonzernen führt, die sich akkumulieren wie blöd und dabei immer weitere Fesseln und Schranken für ihre immer noch nach Nationalstaaten getrennten Kunden schaffen – eine Abzocke ohne Limit mit Puffpreisen für chronisch schwachbrüstige Infrastruktur. Was ich immer sage: Privatisierung wirkt. Nur nicht für mich.

Also erleide ich heute im Jahr 2015 ganze 30 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt die traurige europäische Realität: Für das mobile Internet bestehen im Schatten der grenzüberschreitenden Anbieter die Nationalstaaten wie im 20. Jahrhundert fort, einfach weil es komfortablen Profit ermöglicht. Und unsere Oligarchen schaffen es irgendwie, dass das seit Jahren so bleibt.

Also werfen wir doch bitte endlich alle Sonntagsreden über europäische Identität, Integration und das Ende nationaler Egoismen über Bord, denn wenn es um die Gewinne der mutinationalen Konzerne geht, gilt das alles nicht mehr. Und wie um mich zu verhöhnen oder einfach um noch eins draufzusetzen, bietet mir mein Provider, den ich schon für das deutsche Netz verdammt gut bezahle, als Alternative die Zahlung von irrwitzigen 15 Euro für 150 MB Auslandssurfvolumen in seinem französischen Netz an bevor er mich drosselt, was in etwa zwei intensiven Restaurantrecherchen plus Navigation dorthin via Google Maps entspricht, was wiederum bedeutet, dass mein Provider nicht nur ein Arschloch, sondern sogar ein Riesenarschloch ist.

Wie alle anderen Provider übrigens. Wie zum Beispiel der französische Provider, auf den ich mit einer Prepaidkarte ausgewichen bin und der mir meinen mobilen Hotspot blockiert, mit dem ich alle anderen Geräte der Familie versorgen wollte. Er will mich nämlich mit seiner Knebelmaßnahme zwingen, für jedes verdammte Gerät eine eigene französische Prepaidkarte zu kaufen. Und um auch das letzte Loch zu stopfen, koppeln sie die Prepaidkarte gleich fest an das Gerät, so dass ein manueller Wechsel nix bringt, weil dann die Karte nicht mehr funktioniert.

Sie haben keine Chance. Nix geht hier. Geknebelt. Gegängelt. Gefickt. Ausgepresst. Ausgelutscht. Abgezockt. Alles Wichser. Sie ist ein grotesker Witz, diese EU. Alles können sie regeln, wirklich alles, Glühbirnen, Duschköpfe, einen ukrainischen Despoten absägen und damit einen Bürgerkrieg auslösen, noch schlimmer: Olivenöl in den Karaffen südländischer Spaghettibars verbieten, dafür aber regionale Spezialitätenbezeichnungen via TTIP an die Amerikaner verscheuern, damit wir bald den Roquefort aus einer Fabrik in Iowa und den Schwarzwälder Schinken vom Schlachthof aus Wisconsin bekommen, alles können sie, echt alles, nur diese elende dummfreche Abzocke beim mobilen Internet im europäischen Ausland kriegen sie seit Jahren nicht reguliert. Ehrlich mal: Seit wie vielen Jahren schon reden Sie davon, das unregulierte Melken über die Landesgrenzen abzuschaffen und seit wie vielen Jahren verzögern sie es? Ach fuck Roaming, fuck the EU.

Was noch?

Hier. Das hier. Das Schönste zuletzt (von Käse und Wein abgesehen). Dafür mag ich Frankreich: Regeln? Egal. Übermäßige Ordnung? Quark. Linien? Wo denn?