Heidelberger Betrachtungen

Liebliches Heidelberg.

Ich bin auf der Durchreise.

Und bin begeistert.

Fiese Platte. Unangemalt. Das kennen wir in Berlin nicht mehr. Hey, Heidelberger, danke für euren Soli. Hier bei uns sind die Platten inzwischen rosa. Oder türkis. Damit sich zwei, drei Leute weniger monatlich von den Dächern werfen. Wie sieht eure Statistik aus?

Nein, wirklich. Rosa sucks. Dann lieber grau. Das hat so was ehrliches. Blanker Stein. Keine Schnörkel. Heidelberg erfrischt mit bundesrepublikanischem Realismus.

Ernst Litfass wird sich das so nicht gedacht haben. Auch grau, das Ding. Hier will nicht mal einer werben.

I see faces. Verschlafene faces mit buschigen Augenbrauen. Ein verklebtes Auge öffnende faces. Was? Schon so spät?

Jedes Gebäude ein Fickfinger an die Welt. Kuckt, so kann man wohnen. Abseits von Pjöngjang.

Das hier ist kein Betonsarkophag fur abgefuckte Castorbehälter. Es ist eine Kirche. Protestantisch natürlich. Jede Lebenslust abtötend. Also doch ein Betonsarkophag. Für die Seelen. Heidelberg. Großartig. Born to be Beton.

Und die Heidelberger Jugend hat sich ein Herz gefasst und die Scheiße angemalt. Edding. Sprühlack. Löffelchen Sahne. Eine Kotwurst. Alles macht das Ensemble ansprechender.

Heidelberg überrascht auch mit funktionierender Infrastruktur. Denn die Brunnen haben Wasser. Ein Anblick, der Berliner erschreckt und fasziniert zugleich. Wir kennen das nicht. Bei uns steht 60er-Jahre-Betonkunstschutt im öffentlichen Raum herum und keiner weiß, wofür der gut ist, seit der bankgesellschaftrettende Senat das Wasser abgestellt hat. Kiek ma Stulle, aus solchen Dingern kann ja wat rauskommen. Irre, Alter. Was kommt als nächstes? Schulen mit echten Lehrern? Kitas, von denen kein Putz von den Wänden regnet? Geöffnete und nicht schimmelnde Schwimmbäder? Eine fahrende S-Bahn?

Wir staunen: In Heidelberg wollen Cement und Pharma Freiheit wagen. Toll. Fehlt nur noch der BND und Sigmar Gabriel. Oder Friede Springer mit Christopher Lauer.

Wenigstens gibt’s Gebete, die frei sind. Vielleicht hilft’s ja.

Und an den Wänden hängen Ikonen. Freiheitskämpfer. Feministinnen. Subcomandante Marcos. Zirkusdompteure. Mit visionärem Che Guevara-T-Shirt-Blick. Ich habe nicht die kleinste Ahnung, wer das ist. Vielleicht nur der Rest eines Junggesellenabschieds. Oder ein ausgeschnittenes Fahndungsfoto. Deine Mudder. Malen nach Zahlen. Der Da Vinci Code. Oder der Eingang zu einer Geheimtür der örtlichen Freimaurerloge.

Dafür sind die Parolen gut.

Und die Schilder so einfalls- wie nutzlos. Wie bei uns in Prenzlauer Berg, nur kurioser, denn hier in Heidelberg kackt ein Hund eine Synchronschwimmerformation aus Kotwürsten.

Des Einfallsreichtums fette Beute und kein Ende. Von Arafat bis Zappa. Von Apfelsine bis Zimtstange. Von Arsch bis Zipfel. Von Analplug bis Zungenspiele. Von Ausgeleierter Wortspieler bis Zerfickter Alphabetfetischist. Wait. What? Bücher? Was ist das? Kann ich das irgendwo runterladen?

Stop. Kurze Durchsage der Jugend: Fuck please. Wohlerzogen und anglophil. Sehr gut. And thanks for the fuck.

Und kurze Durchsage der Antifa: Heißt Angriff. Sogar mit richtiger Farbkombination der Fahnen. Schwarz vor rot. Und im Hintergrund eine Touristenbrücke, falls Sie so etwas mögen.

Okay, gut jetzt. Heidelberg, du kannst so hässlich sein, dein Panorama versaut. Wissen wir jetzt. Hatta denn auch was von der anderen Seite der Stadt gesehen? Der touristischen. Von Potemkin? Dat wat se schick jemacht ham?

Hatta. Riesige Brüste. Zwei. Mit Noppen. Und Pieksern. Titty Twister. Oder ein Doppelpenis. Mit nur unzureichend aufgerollten Kondomen.

Und eine Schlossruine. Plattgemacht ausnahmsweise nicht von Bomber Harris, sondern 250 Jahre früher. Do it again, Louis Quatorze. Ich zieh‘ auch blank.

Unglaublichen Touristenschrott gibt es in Heidelberg zu kaufen. Es ist der immergleiche Touristenschrott von Neuschwanstein über den Harz bis vor die Semperoper in Dresden. Von mit Wappenkitsch bedruckten Bierseideln über dumme Stadtshirts (I went to Heidelberg and all I got was this lousy … bla) bis hin zum Schlandshit der letzten WM. Leerende Gähne. Intellektuell und ökonomisch. Denn es läuft nicht. Keiner will den Scheiß haben. Nicht mal Chinesen wollen sich den Trash ins Wohnzimmer stellen. Trotzdem bieten sie den Mist stoisch immer wieder an allen möglichen Orten feil und ich seh‘ nie einen was kaufen. Klar. Der Einzige, der dafür Verwendung gehabt hätte, wäre Schlingensief gewesen. Doch der ist tot.

Dafür gibt es einen Affen, an dem sich Touristen reiben. Damit das Glück bringt. Oder besseren Sex. Oder überhaupt Sex.

Heidelberg ersäuft an Touristen. Doch etwas ist neu. Es gibt jede Menge Touristen mit dummen Selfiesticks, die dumme Gesichter machen.

Und noch mehr Touristen mit noch dümmeren Selfiesticks, die immer noch dümmere Gesichter machen. Ich habe einen neuen Sport erfunden. Knipse keine Sehenswürdigkeiten, knipse eitle Vollidioten mit Selfiesticks. Sehenswürdigkeiten hat eh schon jeder. Hey, und ich will meine eigene Blogparade. Knipsen Sie Touristen mit Selfiesticks. Schießen Sie zurück. Kommen Sie. Machen Sie mit. Es ist lustig. Eigentlich müsste man sogar die dummen Anonymisierungsbalken weglassen, zu denen mich falsch verstandene Menschenfreundlichkeit zwingt. Man müsste sie einfach ausstellen. Der pure Shit. Blank wie sie sind. Es hat etwas sehr Ästhetisches. Die Ästhetik der reinen Blödheit. Des Stumpfsinns. Der blökenden Massen. Meine große Schwäche. Denn ich mag das. Mit so etwas Banalem wie einer Schafsherde machen Sie mich sehr glücklich. Ich bin mich permanent am Freuen. Das ist wie RTL schauen, um die Gewissheit zu spüren, dass man nicht der Dümmste auf dem Planeten ist. Ballyho. Und ein Zinnkrug voll Prosecco obendrauf.

Ich kriege nicht genug. Mehr. Mehr davon. Chinesische Touristen mit chinesischen Selfiesticks. Großartig. Ich könnte ewig so weitermachen. Eine internationale Parade grenzüberschreitender Dumpfheit.

Doch Abwechslung muss sein. Hier blockiert eine Gruppe Touristen, die mich gerade auf einem riesigen Fass fotografiert haben, wie Kühe einen Eingang (eigentlich wollten sie nur das Fass alleine als Motiv, dummerweise saß ich da drauf und habe Maulaffen feilgeboten). Das Zurückfotografieren irritiert sie. Das freut mich. Sie sollen einen guten Eindruck behalten. Sie sollen sich gemocht fühlen. Und ich mag sie wirklich. Sie nehmen mir immer wieder zuverlässig jeden Glauben an irgendeine Weiterentwicklung auf diesem Planeten. An eine Verbesserung der Dinge. Oder abstruse Ideen wie Schwarmintelligenz. Es erdet mich. Ich brauch‘ das. Denn das wird alles nix. Die Revolution wird nicht kommen. Nicht mit denen. Auch nicht mit anderen. Nie. Jede Herde Wisentrinder vom Brandenburger Biobauern hat mehr Potenzial, ihren Melker am Getreidesilo aufzuknüpfen.

Der Wahnsinn bricht weiter Bahn. Maßlose Menschenmassen mäandern mit mörderischer Monsterwarteschlange. Ganze Busse aus Seniorenstiften voller scheintoter Weltkriegs Wirtschaftswunder Studentenrevolteteilnehmer sind auf Freigang. Jetzt weiß ich endlich, was sie mit diesen ganzen Alten machen, wenn die nicht auf ihren Zimmern oder im Gesellschaftsraum vor der Glotze bei Jörg Pilawa dahindämmern. Sie verklappen sie in Heidelberg. Was macht so eine Altstadt von Heidelberg aus? Die zwei A: Asiaten und Alte. Ein unendlicher Reigen reger Rustikaler kombiniert mit Exponaten erfolgreicher Exportnationen (noch eine Alliteration und ich spring‘ vom Heidelberger Plattenbaudach).

Und nein, es funktioniert nicht, keinen Touristen auf einem Foto zu haben. Sie sitzen sogar auf Bäumen. In Ecken. Auf Denkmälern. Manche sogar auf riesigen Fässern (haha). Deshalb: Denken Sie um. Fotografieren Sie Touristen. Haschen Sie mich, ich bin auch Tourist.

Hier dann doch ein Foto ohne. Ganz ohne einen Touristen. Keine Ahnung warum, vielleicht war Fliegeralarm (Putin ist endlich da) und ich habe es vor lauter Manson im Player verpeilt, in den Luftschutzbunker zu gehen. Keine Ahnung. Ein Foto ohne Tourist. Es ist ein Fass. Ziemlich groß. Scheiß doch auf sieben Fässer Wein, so lange ich das hier haben kann.

Ein Chinese muss noch. Es ist Hye Kyung. Er kam.

Und wertvolle Hinweise habe ich gesehen. Die Hygiene hat hier in Heidelberg eine eigene Tür. Das muss auch so sein in einer Stadt, in der ein nicht unerheblicher Teil der asiatischen Touristen mit Mundschutz rumläuft und ich mir vorkomme wie in einem Endzeitfilm nach dem Freisetzen einer Biowaffe.

So.

Hatta auch gegessen?

Hatta. Nur hier nicht. Curryscheißwurst für 3,80. Na klar, ihr Honks. Was sind das nur für Menschen, die Essen an Sehenswürdigkeiten kaufen? Wahrscheinlich sind das die, die ein „Ich war in Heidelberg“-Shirt kaufen. Oder einen Zinnkrug.

Oder darf es eine scheiß Bifi für drei Euro sein? Heiße Milch Zwofuffzig? Mit Honig drei? Hooray. Nepp mich doch. Lutsch mich aus. Sonst geht’s gut, Heidelberg? Am Arsch. Hier, da hatta gegessen:

Klassiker der Wirtshausküche.

Käsespätzle.

Und Zwiebelrostbraten. Fleischcontent. Mit einem obszönen Berg an Zwiebeln, der jeden Verdauungstrakt zu einer wandelnden Biowaffe macht. Jetzt weiß ich auch, warum die Asiaten so einen Mundschutz … was? Ja, ich mag Fotos von leergefressenen Tellern. Volle Teller sind so Nullerjahre. So geradezu Facebook.

Und Fotos von weißen Hoodies, auf dem sich Sprenkel der dunklen Soße des Rostbratens in die Textilfasern fressen, mag ich auch. Was? Das? War ja klar. Weißer Hoodie, schwarze Soße auf Teller, welcher Knödel wird da nicht schwach und springt von der Gabel? Es hätte mich enttäuscht, hätte sich die Soße heute nicht mit dem Stoff gepaart.

Hier der Restauranttipp. Nepomuk. Wenn Sie in Heidelberg gut essen wollen, dann essen Sie hier. Ein Brett von einem Lokal. Eine Bank. Ein Könner. Herausragende Köche, herausragender Service, gemütlich bis an die Grenze zur Perfektion. Obere Neckarstraße 2. Nepomuk – ein Name wie ein Kind aus Prenzlauer Berg. Oder wie die Statue auf der Tittenbrücke, vor der der Affe sitzt, den die Touristen für besseren Sex streicheln, womit sich der Kreis dieses Spaziergangs nun endlich final schließen darf.

Was bleibt denn eigentlich an Eindrücken?

In Heidelberg grüßen sie mit „Schöner Tag noch.“

Wenn eine sanftlächelnde Inderin ihr Smartphone fallen lässt, dessen Display daraufhin zu einem nicht unästhetischen Muster zerspringt, kann sie fluchen wie Kneipenwirt Stulle aus Neukölln, nur melodischer.

Und zuletzt bleibt dieses sagenhafte Gefühl von Heimat. Beim Betreten des Hotels. Es ist wahr. Prenzlauer Berg ist überall. Dieses wohlige Gefühl von Birkenstock, Kehrwoche und ausgespülten Joghurtbechern. Ich bin zuhause: