Rent a rant by Herrn Ackerbau

tl;dr: Bloodsport. Blinder Hass.

Der infantile Pleppo in mir verlangt, dass ich jeden Scheiß mitmache, schon um zu verhindern, dass das Ding hier einen zu ernsthaften Drive bekommt.

Rent a rant. Proudly presented by Herrn Ackerbau aus dem neuen krassen hippen Hot Spot Pankow, den die Philanthropen der Immobilientrusts endlich auch mal aufwerten, damit diese elenden kaufkraftamputierten Geringverdiener formerly known as Minderleister, die keiner mit Einfluss mehr in Zentrumsnähe haben will, endlich dorthin verschwinden wohin sie sollen: An die Peripherie Richtung polnische Grenze. Hohenschönhausen. Hönow. Strausberg. Dahlwitz-Hoppegarten. Am besten gleich Frankfurt/Oder. Neuberesinchen. Gegenüber Matratzen Concord. Wenn die da überhaupt einer haben will.Herr Ackerbau hat einen Rant bestellt. Einfach mal aufregen über irgendwas. Zum Beispiel über die Werbung für das widerliche Berliner Pilsner. Hätt‘ er gern. Und ich soll ran. Hat er geschrieben.

Ich mag das Wort „Rant“ ja nicht mehr, seit jeder Vorstadtstudentenblogger sein geschwätziges Gemecker über den schlumpfigen Staatsrechtsprofessor, die missratenen Kokosplätzchen mit Baiserhaube und die vor lauter Hundepisse eingegangenen Tulpen im Urban Vorgarten einen Rant nennt, den sogar Oma Kubitzke im Gespräch mit Tante Ilsebill (die mit dem Salz) übern Gartenzaun der Laubenpieperkolonie Glück Auf Kaiser Wilhelm in Schmargendorf packender hinkriegt. Motz. Mecker. Rant. Rant. Herr Ackerbau will einen Rant. Soll ich? Mich sinn- und geistlos aufregen? Eine Tüte blinden Hass zum Frühstückskaffee servieren? Ein wenig Stilpflege betreiben? Oder ihn mir völlig versauen? Dumm rumpöbeln? Am Ende sogar mich vielleicht sogar eitel selbst persiflieren?

Spielen wir.

Gesunde Rants kommen aus dem Bauch, habe ich Herrn Ackerbau geschrieben, spontan quasi, eruptiv wenn Sie so wollen. Doch ist es möglich, auf Kommando zu ranten? Klingt das dann blöd? Gewollt gar? Gut, sicherlich könnte man da mit Textbausteinen agieren. Alles, was gut läuft. Was immer gut lief. Alles, was die Leute hassen und dann abgehen wie Hulle. Irgendwas mit Hipster, Schnösel, Pseudo-Schickimickibonzenkinder mit Infiniti-Van vorm geschenkten Eigenheim, das geht immer, denn diese Abziehbilder mögen die Leute nicht und stimmen schnell zu, klopfen Schenkel, johlen gar via Tastatur. Gröhl. Roflmao. lolhart.

Billigster Applaus ist machbar. Nachbar. Mit Hohn, Spott und kübelweise Verachtung für die wandelnden Karikaturen auf dieser von der dreckigen Realität komplett entkoppelten Reicheninsel Mitte und Prenzlauer Berg, die Probleme haben, die andere gerne hätten. Die Sojamilch ist alle. Die Tomate nicht Bio. Der Müll nicht getrennt. Der Spielplatz zu klein. Die Fahrradständer zu wenig. Die Stadt zu laut. Der Bezirksbürgerkasper schon wieder nicht grün. Außerirdische mit außerirdischen Problemen. Total einfach, da draufzuhauen, denn die mag keiner, sie dienen nur noch als Schablone für wohlfeile Witze über eine um sich selbst drehende satte Erbengeneration, die den Kontakt zum harten Leben abseits der hippen Szenecafés nur deshalb nicht verloren hat, weil sie ihn noch nie hatte. Und was so etwas wie Hunger heißt, den der Penner leidet, der sie am S-Bahnhof mit seinem gesellschaftlichen Untergang belästigt, wissen sie auch nicht, außer wenn sie wie früher die Oma aus ihrer Dorfkirchengemeinde von Aschermittwoch bis Ostersonntag low carb fasten und in entnervend nöligem Grundton darüber bloggen, wovon jeder schlechte Laune bekommt, der noch keine hatte. Hallo? Raumschiff? Hohenschönhausen, was bitte ist Hohenschönhausen? Hohenschönhausen und seine unwirtliche Betonwüste für Billiglöhner und Einwanderer ist ganz weit weg, genauso wie die versalzene Fleischabfallwurst von Netto, die andere essen müssen. Junkfraß aus der Industriehölle. Was ist Netto? Netto gibt es hier nicht, wir kaufen Bio, wir kaufen regional, wir kaufen nachhaltig, warum kaufen die im Plattenbau das nicht auch? Die armen Kinder. Denkt denn keiner an die Kinder? Müssen so viel Mist essen. Und so ein Pfund Fleisch für unter 20 Euro geht ja gar nicht. Wurst ist die neue Zigarette. Schön blöd wer nicht faire Kaffeebohnen kauft.

Ja, so sind sie, draufhauen ist so einfach, weil sie danach schreien. Weltfremd. Abgehoben. Ignorant. So bevölkern sie die Feuilletons, so lacht Tempelhof über sie. Bang. Bang. Komm, wir bringen sie. Ein Hassobjekt nach dem anderen. Feldenkrais. Klangschalentherapie. Klecksegalerie. Chi Gong. Meditatives Bogenschießen. Oder Töpfern. Psychocoaches gegen Wohlstandsschmerzen. Petitionen gegen Penner. Petitionen gegen rosa Überraschungseier. Petitionen gegen Grillzonen. Petitionen gegen gebrochene Gehwegplatten. Aufgeregte Mütter. Schnöselige Papas. Und immer der Hashtag bei Twitter auf Tasche, Twitter, dort wo sie den Tag verbringen und mit anderen gelangweilten Dachgeschossbewohnern, die immer noch irgendwas mit Webdesign machen, wahlweise ironische Volksweisen austauschen oder Shitstorms gegen Nichtigkeiten starten, während der prekäre Minijobber unten bei Denns Biomarkt die Regale mit vegetarischen Brotaufstrichen, die letztlich auch nur überteuerter Gemüsemüll mit einer obszönen Menge völlig unnachhaltigem Palmfett sind, einräumt.

Ja, so sind sie.

Privatschulen. Privatärzte. Private Tagesmutter. Heilpraktikerprivatpraxis. Vergeben Sie auch Privattermine? Abseits vom Kassenpöbel? Subber. Kann ich heute abend noch vorbeikommen? Herzlich Willkommen im ganz eigenen Kosmos rund um das Raumschiff Mitte mit dem Satelliten Prenzlauer Berg. Samt ständiger Aufgeregtheit über fehlende Schonkost in Kitas. Erzieherschlüssel. Kein Netz und doppeltem Boden unterm Klettergerüst. Sowieso ihre Wunderkinder. Mein Wunderkind hier, mein Wunderkind da, Zusatzangebote buchen, je mehr desto besser. Mandarin, Französisch, Pashtu, Urdu, Pidgin-Englisch, Töpfern, Ausdruckstanz, Reitstunde, Pilotenschein. Und immer mit Flugblättern für oder gegen irgendwas in ihren verdammten Stoffbeuteln. Mehr Fahrradständer. Weniger Parkplätze. Mehr Spielstraßen. Weniger Spätis. Weg mit den Säufern von der Tischtennisplatte am Helmholtzplatz. Und sie tragen sogar wieder Birkenstocks. Kein Scheiß. Birkenstocks. Der Ghul ist auferstanden. In Prenzlauer Berg. Ironisch wahrscheinlich. Ironische Birkenstocks. Alles ist ironisch heute. Ironische Schallplattenspieler. Ironische Tweedjacken. Ironische Honeckerbrillen. Ironische Blumenbeete. Ironische Birkenstocks. Ein geschlossenes Weltbild. Und selbst das ist nur ironisch. Der Kaffee der noblen Espressobar schmeckt einfach noch besser aus einer Che Guevara-Tasse.

Ja, so sind sie.

Pilates. Babyjogger. Bugaboo. Meine Biofritzen aus der Nachbarschaft. Nur echt mit Fusselbart und lächerlichem Dutt auf dem Kopf. So alternativ wie der Obergentrifizierer samt dritter Eigentumswohnung in meinem Block, zu der er einen Durchbruch auf jetzt 180 Quadratmeter gemacht hat, weil die ehemaligen Bewohner der kleinen Kackwohnung nebenan sich die Miete nicht mehr leisten konnten und er das einfach kaufen ließ. Oho. Sprechen kann er auch: Bitte? Sie wollen nicht noch ein Kind? Warum denn? Ach, das Geld. Und der Vollzeitjob. Oh. Hupsi. Äh. Unangenehm, ich weiß gar nicht wie das ist wenn Geld fehlt, ich wohne in Prenzlauer Berg, ich kauf‘ mir das was ich brauche, uiui, schnell das Thema wechseln. Haben Sie schon den Kuchen von Anna Blume probiert? Sie mahlen da ihre Haselnüsse selbst. Piep Piep. Raumschiff. Alien. Ein Käfig voller Tofu. Erde an Alnatura. Und überall diese Scheiß Cayennes. Dieses Scheiß Vans. Dieses Scheiß Urban Gardening. Ihre drecks symmetrische Kästchenhölle aus Townhouses und parzellierten Vorgärten. Townhäuser. Stadthouses. Der Wahnsinn bricht Bahn. Und mit den mit einer Heckenschere abgeschnittenen Hipsterdutts möchte ich die Wand von meinem Keller tapezieren. Damit sich die wie Himalayamode-Boutiquen in Prenzlauer Berg vermehrenden Ratten daran ihr speckiges Fell blankrubbeln können. Dieses scheiß neue Biedermeier, mit dessen Mehltau sie den ganzen Bezirk zubleiern bis ich endlich in ihre peinlichen Unser-Dorf-soll-schöner-werden-Blumenrabatte kotzen möchte und vor lauter Veggiehype an jeder Ecke unzähmbaren Bock darauf habe, auf der von den brüllenden italienischen Touristen totgefickten Kreuzung Schönhauser Ecke Eberswalder vor aller Augen ein ganzes Schwein zu schlachten. Mit einem Buttermesser. Direkt vor Konnopke. Einfach um mich zu spüren.

Ugga Ugga.

Ja.

Chill mal die Basis, Alter. Easy. Einfacher geht’s kaum, denn all die Gestalten mag keiner, ich weiß das ja, keiner mag die Backpfeifengesichter, keiner mag diese Karikaturen ihrer selbst, so ein Rant darüber schreibt sich fast von alleine, drücken Sie ein paar Knöpfe, in dem Sie ein paar Buzzwörter einstreuen, bei denen bei jedem, der nicht so viel Geld hat wie die neue grün-alternative Oberschicht der okkupierten Ostberliner Schnöselbezirke, der Arsch platzt und fertig ist der Rant. Es sind die bitteren Lacher der verdrängten Mittelschicht, die wenigstens auf diesem Wege die Demütigung zurückzahlt, dass es immer mehr Gegenden außerhalb von Dahlem gibt, die sie nicht mehr bezahlen kann. Rein in der Sack und drauf, es trifft keine Falschen und Zustimmung ist garantiert außer bei humorbefreiten Mahnern, die ums Verrecken auf das Differenzieren komplexer Sachverhalte bestehen und deren Kommentare sich so locker lesen wie Blei im Betonmantel, nicht zu vergessen die Trolle, die ihr soziales Umfeld gegen das Internet eingetauscht haben und hilflos versuchen, Sie über die Stöckchen ihrer billigen Zwei-Satz-Provos springen zu lassen, mit denen sie andere Blogger in Sekunden zuverlässig auf jede Palme bringen. Internet. Die Irrenanstalt hat Ausgang. Blep Blep. Der Diskurs ist tot, es lebe der Spamblock. Ab jetzt werden die Leser getrollt. Hat heute eigentlich schon wer eine Online-Petition für oder gegen irgendwas gestartet?

Puh.

Ja.

Okay. Eine Runde noch. Eine geht noch. Ein paar Textbausteine sind noch im Sack zum Verballern. Also ich könnt‘ noch ein bisschen. Sie auch? Los doch. Kommen wir zum Punkt und der ist ganz profan: Opfer, es braucht mehr Opfer. Es braucht immer Opfer. Taugliche Opfer. Willige Opfer. Immer drauf. Immer andere. Backpfeifengesichter. Unfähige Berliner Aushängeschilder in dieser an Dilettanten und Nichtskönnern so reichen Stadt. Die Politik. Die können nichts. Und sind korrupt. Oder Honks. Immer wieder. Jede Woche einer blöder als der andere. Fahrradfahrer. Die Pestbeulen der Gehwege. Oder hey, überhaupt Gehwege, Hundekacke, die berühmten Berliner Hundehalter, wie stets bar jeder Reife und Befähigung, ein Tier zu halten. Ganz Berlin hasst sie. Radfahrer. Hundehalter. Wohnraumaufkäufer. Einfacher Bitchmove, da draufzuhauen, auf diesen Stall Sozialgehandicapter, die aus einer Position der Stärke heraus ihre persönliche Entfaltung durchsetzen, sympathisch wie Investmentbanker. Oder dürfen es die Veganer sein, die meinen Bezirk mit Stickern und Postern zukleistern, die in ihrer Anzahl nur noch von den Sri Chinmoy-Yogascheiße-Zitaten an jeder verdammten Laterne übertroffen werden. Oder vielleicht doch Mitte-Mütter, die spießige Heimchen-Blogs über Guerilla Stricken, selbstgemörserten Kaffee und die neue Kollektion von Chapati (die aussieht wie Kuhscheiße kombiniert mit Bärlauchpesto und Babykotze) betreiben und sich dafür von verzweifelten Verlagen Kochbücher und von noch verzweifelteren Babymodendesignern Strampler mit ironischen Sprüchen vorne drauf schenken lassen. Mitte-Mütter gehen immer. Viel Geld. Viel Freizeit. Viel Erste-Welt-Probleme. Lacht jeder drüber. Lesen Sie doch mal diese kunterbunt gepimpten und bis hinter die Kimme gesponsorten Pampersblogs, mit deren Nichtigkeiten zwischen Backofen und Wickeltisch sie ihre ewiggleiche Filterblase zwischen Instagram, WordPress und Facebook penetrieren. Bessere Karikaturen der neu aufgelegten Spießigkeit im Kosmos zwischen Sagrotan und Griesbrei finden Sie nicht einmal in einem Otto-Katalog aus den frühen Sechzigern, den Sie beim Ausmisten der Erbmasse von Oma selig zwischen einer fleischfarbenen Strumpfhose und einem Portrait von Adolf Hitler gefunden haben.

So.

Hunde, Hipster, Hitler. Bald bin ich durch.

Die Kurve. Ich brauch‘ noch die Kurve.

Bashen. Klatschen. Wer schreit noch danach? Na klar, die Werber, klatschen wir die Werber. Auf denen haben wir schon gut eine Woche nicht mehr rumgehackt. Denen fehlt sonst was. Werber. Total einfach. Jeder hasst Werber, diese moralbefreiten Gestalten, deren Job es ist, andere zu stressen, sie zu stalken, sie zu beballern, vollzuseiern, bis sie endlich kaufen, kaufen, irgendwas, mehr hiervon, mehr davon, kauf dich glücklich, be stupid – go shopping, ja, perfekt, Werber gehen immer, zumal in Kombination mit dem traditionell schlechten Berliner Bier, Pferdepisse, nennen wir das Zeug doch so wie es schmeckt: Pferdepisse, die sich hier in der Stadt mit altbackenen Leinwand-Unsympathen einer in Eitelkeit erstarrten Partyszene und billigen Radiojingle-Nullerjahre-Seeed-Soundalike-Schnipseln (Beeeeeerliiiiiin) ein cooles Image zu verpassen sucht und sich in ihrem Scheitern so geschmeidig gut in diese ständig scheiternde Stadt einfügt, die nur noch teuer werdende Fassade einer längst untergegangenen wilden Zeit ist, ein Potemkinsches Dorf wie die überschminkte Schnalle auf dem Foto von Herrn Ackerbau, die wie Berlin nie halten wird was sie verspricht und die ohne eine hirnabtötende Menge hochprozentigen Alkohols einfach nur aussieht als würde sie der vermutlich bärtige Hipster, der mit Sicherheit auch nur wieder ein kuhäugiges Friedrichshainer Stoffbeutelgesicht mit Talibanbart und Dutt auf dem Kopf ist, gleich mit der Flasche von hinten … ja. Assoziation, es ist alles nur Assoziation, wahrscheinlich wollen sie wieder nur, dass wir uns aufregen, wir Multiplikatoren, und sie viral machen, ihre Trashwerbung, die ironisch sein will und doch nur so plump und hilflos daherkommt wie eine zu grell angemalte Hafennutte im Neonkostüm, die nur noch alkoholkranke Seemänner mit Filzläusen in den Sackhaaren anlockt, diese Werbung, die nie Erfolg hat, weil das Produkt einfach scheiße ist, weil sie nur ein fürchterliches Produkt zu verkaufen versuchen, dessen beste Zeiten noch nie da waren und auch mit noch mehr Partyszenen-Unsympathen oder von mir aus auch der besten Werbung der Welt nicht kommen werden: Berlin, dein beschissenes Bier. Stirb.


Der Auftraggeber Herr Ackerbau hat freundlicherweise auch das Foto zur Verfügung gestellt.


Das war nur eine Übung und wird nicht zur Regel. Sehen Sie bitte von gleichartigen Anfragen ab.


Ich finde, es wird schwurbeliger und wirkt ein wenig bemüht, wenn es nicht eruptiv aus dem Bauch kommt sondern mit Vorsatz geschrieben wird. So ist das eben mit Auftragsarbeiten.


Ich entschuldige mich bei folgenden Gruppen, die ich heute ausgelassen habe: Netzfeministinnen, Netzmaskulinisten, Immobilienmakler, Schwaben, Hessen, Rheinländer Funkemariechen, Brandenburger, mein morgendlicher S-Bahn-Penner, überhaupt die S-Bahn, Weddinger Gangsterkinder, Lichtenberger Gerüstbauer, Nazis, Homöopathen, Chemtrailtheoretiker, Mettigel, meine fette Mutter, der Latte Macchiato als solcher.