Teeküchenblues – Streik-Edition

Mittwoch 9:30 Uhr in der Teeküche des Borgwürfels. Die Teeküche des Borgwürfels ist mein Stahlbad. Wenn ich an manchen Tagen in einem Zustand der Verwirrung und Orientierungslosigkeit denke, dass sich doch irgendwann alles zum Guten wenden wird, gehe ich in die Teeküche und atme ein wenig nackte Realität, die mich ganz schnell wieder erdet. Die Teeküche schützt vor Übermut, gutem Karma und zu viel Idealismus. Denn hier herrscht die Bild. Promiflash.de. RTL. Heidi Klum. Vera Int-Veen. Claus Kleber für die Intellektuellen. Und Eckhart von Hirschhausen für die Spaßvögel. Fuck Filterblase. Hier spricht das Volk.

Es ist Streiktag. Die S-Bahn ist wieder platt, nur heute nicht wegen kaputtgesparter Züge, sondern wegen Ausstand. Und alle sind zu spät gekommen. Via proppevoller U-Bahn. Mit dem Auto durch den Stau. Oder durchgeschwitzt mit dem Fahrrad. Die allgemeine Laune ist nicht gut.

„Der drecks Weselsky.“

„Ego-Schwein.“

„Der sollte mal…“

„Man müsste den mal…“

„Abgesägt gehört der, abgesägt.“

Was ich in den letzten Jahren gelernt habe: Tarifauseinandersetzungen führen in Deutschland nicht zur Solidarisierung gegen Konzernlenker und Kapitaleigner, sondern zu schillernden Hassausbrüchen gegen die, die mehr Geld wollen ohne in einem Vorstand zu sitzen. Deutschland. Wehe dem, der die Ruhe stört. Druckerpresse anwerfen. Dem Feind ein Gesicht geben. Teilen. Herrschen. Meinung machen. Oben an der Spitze edel und gut. Unten Abzocker. Das alte Leid. Oder doch nur das Stockholm-Syndrom.

Natürlich bin ich die Opposition. Ich bin in wesentlichen Dingen immer die Opposition und sage komische Dinge wie: „Streiken ist legitim. Soll die Bahn doch ihre Mitarbeiter außerhalb ihrer Belétage besser bezahlen anstatt sich kaputt zu sparen so wie sie es mit der S-Bahn machen.“

Natürlich komme ich damit nicht durch. Ich komme nie damit durch. Mit nichts komme ich durch. Ich habe in meinem Leben noch nicht einen Menschen davon überzeugen können, dass seine Sicht der Dinge unsozial, unmenschlich oder meinetwegen auch nur unkollegial ist. Das ist in Zeiten, in denen der kalte Wind der Vereinzelung durch die Büroflure fegt, sowieso schon lange nicht mehr der Sinn der Dinge. Ich kommentiere nur noch fürs Protokoll. Um kund zu tun, dass ich nicht zustimme. Ah, der Oppositionelle wieder. Ist sich zu fein für die Bild. RTL. Claus Kleber. Gundula Gause. So ein Putinfreund. Ausländerfreund. Und jetzt auch noch Weselskyfreund. Wie niedlich. Ein echter Minderheitsvertreter.

Es ist ja nicht so, dass sie unfreundlich zu mir sind. Kein Stück. Ich werde nicht nur toleriert, sondern die Kundgabe der absoluten Mindermeinung wird sogar respektiert, wenn auch allgemein skeptisch beäugt, wenn sie zu oft oder gar dauerhaft geschieht. Daher streue ich gelegentlich unverfängliche Mehrheitsmeinungen ein, um mich nicht als komischer Kauz und grundsätzlicher Querulant wie der alte verbohrte SED-Lookalike-Hausmeister einer ist von der Meute zu separieren. Deshalb praktiziere ich partielles taktisches Zustimmen zu irgendwas. Der Kuchen ist aber lecker. Ist der mit Schmand? Der Sommer kommt auch immer früher. Bald feiern wir Weihnachten in der Badehose hahahaha. Ganz beliebt ist auch das Lästern über das Ausbleiben oder Stattfinden von Bauarbeiten („Die Verbrecher machen hier nix“, „Was machen die Verbrecher da wieder?“). Da bin ich Teil der Meute, da mach‘ ich mit. Ich gehöre sowas von dazu.

Beim Streik nicht. Da kämpfe ich auf dem aussichtslosesten aller aussichtslosen Posten, denn der Boden ist bereitet für die Einheitsgewerkschaften, denen ein Streik, der weh tut, wesensfremd sein wird. Unwiderstehlich zahnlos. Sie werden die Möglichkeiten für Streiks gesetzlich weiter einschränken. Das hat kurioserweise die SPD in die Debatte eingebracht. Weg mit der GdL. Und weg mit dem Weselsky. Der Tyrann. Nimmt uns alle in Geiselhaft. Wie der schon kuckt. 90% der Teeküche lehnen Streiks ab. Ich bin die 10%. Dem Hausmeister gefällt das.

„So ein Lokführer verdient weniger als jeder einzelne von euch – bei höherer Verantwortung als ihr sie habt“, führe ich noch an als mir schon längst keiner mehr zuhört, weil sie schon überleiten zum nächsten Aufreger: Tote Flüchtlinge im Mittelmeer. Was kommen die auch hier her? Selbst schuld. Müssen ja wissen wie gefährlich das ist. Und dann auf diesen Booten. Was können wir dafür? Sollen zusehen, dass sie ihr eigenes Land aufbauen.

Ich drücke auf den Kaffeeautomatenknopf, so dass ich für einen Moment außer dem Rasseln der altersschwachen Automatenmühle nichts höre. Egal. Für heute bin ich sowieso durch. Genug Opposition für diese Uhrzeit. Der Lachsbagel von der hippen Espressobar wartet auf meinem Schreibtisch. 90% der Teeküche finden, dass der lecker ist. Und ich mittendrin. Morgen wieder. Morgen werde ich wieder opponieren. Oder auch nicht. Vielleicht stimme ich morgen wieder zu. Irgendeinem Konsens. Leckere Plätzchen. Angenehmes Parfum haben Sie da. Wetter schön. Die Frauenbeauftragte ist doof. Sowas.