Bier, ein geiler Laden und eine lange potthässliche Einleitung

Was kann man von einem Sessel lernen? Die Gelassenheit gegenüber jedem Arschloch. 
Josef Hader

Falls Sie einen erweiterten Bedarf danach haben, verrate ich Ihnen heute einmal, wie Sie mich ärgern können. Vergessen Sie Flüche auf meine fette Mutter, die sich an einem Dönerspieß dreht, Drohungen, mich bei meinem unfähigen Chef zu verpfeifen, Disses gegen meinen Job, mit dem ich mir die Welt untertan mache, haltlose Unterstellungen, Kommentarflooding, Nazikeulen oder billige Provos vom Grabbeltisch der Trollklippschule. Zieht nicht.

Nein, es gibt nur eine Sache, mit der Sie mich wirklich ärgern können: Unterstellen Sie mir Kommerzabsichten. Ja, behaupten Sie einfach ins Blaue hinein, jemand würde mich für eine positive Empfehlung bezahlen. 100% Erfolgsgarantie auf einen Treffer. Schwöre. Ich ärgere mich wirklich für ein paar Minuten. No shit. Versprochen. Todsicherer Tipp.

Besonders nach dem frenetischen Jubelpersertext über den fabelhaften Mr. Hai am Savignyplatz, aber auch nach meiner ekstatischen Hymne auf das russische Restaurant Voland ging eine niedliche Welle Hasspost über das Kontaktformular ein („Lass dich doch auch noch kaufen, du Kommerznutte“). Und weil mich so etwas tatsächlich ärgert (übrigens, wussten Sie schon, dass mich das ärgert?), muss ich heute wieder einmal Dinge klarrücken, die ich eigentlich gar nicht klarrücken will: Ich will immer noch kein Geld. Und Geschenke auch nicht. Ich nehme nix. Sie dürfen mich auch nicht auf einen 18-jährigen Aberlour ins nicht minder fabelhafte Offside (eine geile Kneipe, ist das geil da, wie geil das da ist) einladen oder einen knuffigen Flattr-Button für mich drücken. Ich lasse Sie hier nicht einmal ein aus gut abgehangenen Blogtexten mit einer kostenlosen epub-App lieblos zusammengeklatschtes eBook kaufen, das von einem defizitären Indieverlag zum Mondpreis rausgegeben wird. Sie werden hier auch nie einen Link zu meiner Amazon-Wunschliste finden, damit Sie mich mit Geschenken überhäufen können, die ich mir nicht selber kaufen möchte, weil ich ja Sie dafür habe. Nix. Geben Sie Ihr Geld Leuten, die es brauchen. Flüchtlingsprojekte, Anlaufstellen für Arme (nein, ich schreibe nicht das behördendeutsch-neutrale Wort Bedürftige, es sind Arme, die das Gegenteil der Reichen sind, die ich ja auch nicht verniedlichend Wohlhabende nenne), dem Penner an der Ecke, jedem, der Hunger hat. Oder Durst. Ich will es nicht. Ich habe alles was ich brauche.

Zugegeben, ich kann die eruptiven Antikommerzreflexe sogar verstehen (jeder Widerwillen muss raus, sofort, stets übers Ziel hinaus und auf jeden Fall unsachlich, das ist immerhin das Internet, der Marktplatz die Kloake der Hysterie), denn nicht wenige Blogger lassen sich tatsächlich einladen, kaufen oder mit Gutscheinen, Eintrittskarten oder Geschenken für Gewinnspiele überschütten und sorgen dann im Gegenzug für Klicks und – wenn es gut läuft – Umsatz. Virale Werbung. Es gibt ganze Agenturen, die sich auf Blogger und ähnliche Multiplikatoren spezialisiert haben, und manche davon schreiben tatsächlich auch mich an. Kein Scheiß.

Ich schreibe dann zurück, dass ich auf dem Blog keine Werbung außerhalb von gemeinnützigen Aktionen mache, weder als Anzeige, noch als Sponsored Post oder verbrämten Produkttest und schon gar nicht versteckt in einem ganz normalen Text. Will ich nicht. Kommt hier nicht rein. Und dann schreibe ich meist noch, dass es mir schleierhaft ist, warum jemand überhaupt in einer manisch-depressiven Umgebung wie dieser hier werben wollen wöllte, worauf ich natürlich nie eine Antwort bekomme, weil Werber kein Interesse an einem Feedback auf Augenhöhe haben, sondern einfach nur ihren Scheiß an möglichst vielen Orten droppen wollen.

Also drehe ich heute wieder einmal die alte, gammlige Gebetsmühle und wenn Sie hier schon länger lesen, dann hängt es Ihnen wahrscheinlich wie mir zum Hals raus: Kein Geld, keine Einladungen und keine Geschenke, weder von Ihnen, die hier lesen, noch von Agenturen oder irgendwelchen Restaurants. Danke für die Angebote, sehr nett, sicherlich verlockend, tolle Theaterkarten haben Sie da, Knaller Record Release-Party mit … wem nochmal? … und Hammer-Currybutze da in Lichtenberg mit gaaanz viel fritz kola, voll toll, wirklich, aber: Nein. Es läuft so wie es immer schon lief: Ich finde manchmal Dinge gut, die meine Wege kreuzen, und dann kommen die hier rein. Ohne Geld. Ohne Zuwendungen. Ohne Geschenke.

So wie das hier.

Der Bogen.

Jetzt kommt er.

Ich will was empfehlen.

Ohne Hintergedanken.

Selbstlos wie ein Jesuit.

Oder ein staupeverseuchter Hundewelpe mit Bindehautentzündung in seinen großen traurigen Kulleraugen.

Getränkefeinkost.

Boxhagener Straße.

Ein wirklich saucooler Laden. Haben Sie Biertrinker im Freundeskreis? Wenn ja, dann ist zumindest ein Geschenk gesichert: Ungewöhnliche Biere. Entweder Berliner Biere aus winzigen Brauereien oder Bier aus Korea, Südafrika, Australien, dem gesamten Ostblock, Duff-Bier, Russenbier, Ami-Plörre, Mexiko, Finnland, Kroatien, Slowakei, verdammt viel, was sich irgendwie Bier nennt, ist da am Start. Es ist schwer geworden, mich noch für irgendwas zu begeistern, was nicht mindestens 40% hat, doch dir gelingt es, Bierkönig.

Da kommt man rein und hat keine Ahnung und dann kommt einer hinter der Theke vor und macht, dass man Ahnung hat. Ich mag es sehr, wenn jemand mit Herzblut bei der Sache ist. Bier ist euer Leben, oder? Ganz weit vorne, die lässige Art den Laden zu führen und überhaupt der Laden an sich. Hobby zum Beruf gemacht.

Okay, die Preise, ja gut, die sind relativ feudal, Boxhagener Straße, was soll ich sagen, aber dafür ist das wahrscheinlich der Einzige in dieser Gegend, der Biere rund um die Welt anbietet. Wie viele Sorten sind das, Bierkönig? Fünfhundert? Da kann man sich in einem Leben nicht durchsaufen, oder? Hast du?

Ich bleibe dabei: Stark. Ganz stark, der Laden. Was besonderes. Gerne bis bald mal wieder auf ein Bierchen vom anderen Ende der Welt. Oder umme Ecke vom Kiez.


Getränkefeinkost Berlin
Boxhagener Str. 24
Friedrichshain
http://www.getraenkefeinkost.de/


Danke, Matthias, für das Haderzitat. Ich habe es mit großer Freude geklaut.