Passau: Nix glop

Passau. Wie immer, wenn ich die Hauptstadt verlasse, muss ich mir einige eingefahrene Verhaltensweisen abgewöhnen, da die Gefahr besteht, dass ich sonst ohne Umwege in einer Klapse lande. Oder zumindest unter den Augen giggelnder Rentner Sozialstunden im örtlichen Kurpark ableisten muss.

Zum Beispiel, wenn mir einer entgegen kommt, der nach Ärger aussieht. Typen, die nach Ärger aussehen, sind meistens dick und haben eine Glatze. Oder ein fieses Idiotengesicht und tragen Basecap. Seitlich. Oder sind dünn mit langen Haaren. Und Chucks. Weiß. Oder sehen sonstwie aus.

In Hellersdorf, ihrem natürlichen Habitat, ist der Umgang mit potenziellen Stressern einfach: Sehen Sie einfach mindestens so gewaltbereit aus wie der Jugendknastkandidat, der Ihnen entgegen kommt. Schultern raus, Augenbrauen plus Mundwinkel runter, Beine breit als hätten Sie sich vorhin beim Wichsen am Waschbecken versehentlich Finalgon statt Gleitgel auf die Eichel geschmiert, und ganz wichtig: Etwa drei Meter vor dem potenziellen Schulterrempler einen üblen dicken Klumpen Grünes auf den Boden rotzen. Sehen Sie einfach nach Ärger aus. Ganz einfach wie jemand, den man besser nicht anrempelt. Das klappt prima in Gegenden, in denen kleine Geister, die schlechten Sex mit dummen Menschen haben, die sich schwere grün-glitzernde Plastikfingernägel aufkleben lassen, leichte Opfer zur Kompensation ihres charakterlichen Elends suchen. Es ist dabei völlig egal wie Sie gebaut sind, wenn Sie nur gefährlich kucken. Denn selbst wenn Sie klein, dürr und hässlich sind, weiß immer noch keiner was Sie so drauf haben. Sie könnten ja Taekwondo können. Oder Jiu-Jitsu. Hong Kong Pfui. Oder irgendeinen fiesen Ninjascheiß wie diese geschmeidigen Iraker in Call of Duty, die an der Decke kleben und Sie im Sprung meucheln (Arschlöcher…).

Hier in Passau sucht niemand Ärger, es herrscht paradiesischer käseglockengleicher Einparteienfrieden, hier würden sie mir wahrscheinlich einen Eimer mit Schrubber in die Hand drücken, womit ich meine sinnlos zutage geförderte Spucke vom makellosen Asphalt wischen kann. Oder Sozialstunden aufbrummen. Im Kurpark, giggelnde Rentner, Sie wissen ja.

Was hier auch nicht geht ist dieses üble Berlin-Tourette, wenn Sie im öffentlichen Raum jemand, den Sie nicht kennen, unvermittelt berührt: „Verpissdichwichser.“ Oder rhythmischer: „Fafatzdafotze.“ In Berlin ist das wichtig, um den persönlichen Claim abzustecken, der die nötige Distanz herstellt, die in Berlin niemand wahren will. Denn eines lernen Sie schnell: Wenn Sie in Berlin jemand Fremdes berührt, ist das immer schlecht. Im günstigsten Fall will er nur Geld. Wenn es dumm läuft, will er Stress. Oder manchmal auch nur das Smartphone, das leichtfertig aus der Hosentasche hängt. Aber das merken Sie dann erst später.

Hier in Passau werde ich angetippt und freundlich lächelnd wird mir das Mützchen vom Kind in die Hand gedrückt, das mir zehn Meter vorher aus der Jackentasche gefallen ist. „Wie? Wat? Fafatz…. äh … danke.“ War das knapp.

Und überhaupt: Wenn Sie in Berlin einen Einheimischen fragen, wo denn dieses Brandenburger Tor ist, von dem alle reden, schickt der Sie gerne mutwillig ganz woanders hin – in die Plattenbauwüste nach Friedrichsfelde, ins Freiluft-Altersheim Tegel oder gleich nach Gatow raus. Zumindest gilt das, wenn Sie auf mich treffen.

In Passau läuft das so: Wenn Sie auch nur ein paar Sekunden länger als sozial akzeptiert in der Gegend herumstehen, Maulaffen feilbieten und so aussehen als könnten Sie Hilfe benötigen, kommt garantiert irgendein Eingeborener angerannt, um Ihnen den Weg zur nächsten protzigen Religionsstätte zu erklären oder Ihnen ein besonders gutes, aber doch preiswertes Restaurant zu empfehlen. Ich geh‘ am Stock. Hardcore, Alter. Das ist nix für mich. Ich bin innerhalb von wenigen Stunden am psychischen Limit. Diese dauerhafte Freundlichkeit ohne Anflug von Boshaftigkeit oder gar irgendwelcher Hintergedanken ist für Berliner so ungewohnt wie unerträglich. Zwei Tage, länger geht nicht, dann muss ich weg hier, sonst werde ich auch noch so.

Passau. Was noch?

Ich bin ja so leichtgläubig manchmal. Irgendwer sagt, in Passau müsse man Pralinen kaufen und ich mache mich auf die Suche. Stimmt. Viele Pralinenläden hier in der Altstadt buhlen um Kundschaft. Aber gibt es inzwischen nicht überall Pralinen zu kaufen? Selbst in Brandenburg schießen die Confiserien nur so aus dem Boden. Ja, gut, okay, ich bin Tourist hier, das muss ich mitnehmen. Muss ich mal probieren. Hier am Dom. Dompralinen. Das Erstbeste. Sind auch teuer, müssen also gut sein.

Und was habe ich dabei mal wieder nicht beachtet? Genau, das Mantra „Kauf nicht im Umkreis von Sehenswürdigkeiten“. Hier wie überall an Deutschlands Sehenswürdigkeiten gilt eines: Teuer müssen die Sachen sein, sonst kauft die keiner und vor allem ich nicht, weil ich nie lerne.

Und hier am Dom sind sie teuer, richtig teuer. Sie sind nicht schlecht, aber mal ehrlich: Belgien kann das besser. Und natürlich günstiger.

Was noch schlimmer ist: Von irgendwas um die 50 Pralinensorten sind ganze vier ohne Alkohol, was mich schwerst betrübt, weil ich bei Schokolade mit Schnaps immer an Günne Pfitzmanns „Edle Tropfen in Nuss“ aus der vermuckerten Westberliner Kiezgruft am Bülowbogen denken muss, der die fiesen Teile mit einem entzückten Gesichtsausdruck geschlürft hat als würde er unter der schneeweißen Spitzendecke gerade zu Brigitte Mira Bardot onanieren. Nee, bloß keine Schokoladengeister, ich habe da ein Trauma, verursacht von knutschenden Großtanten mit schlechten Zähnen und Maulgünther, die das Zeug kistenweise gefressen haben, bah, nee, Alkohol gerne, viel und oft, aber bitte nicht im Zusammenhang mit Schokolade, Schoki mit Schnaps ist was für Butterfahrten, Seniorenheime, Heizdecken, Rheumasalbe, ich ess‘ das nicht bevor ich 80 bin und mich nachmittags mit der 20 Jahre jüngeren Oma Schakelyne aus Springpfuhl, die gerade ihren dritten Dschastin-Tairell unter die Erde gebracht hat, in der Residenz „Zum letzten Ausblick“ unten im Sozialraum auf einen schwitzigen Schwof zu „Angel“ von der Kelly Family treffe.

So.

So.Und die Pointe ist mir aus Versehen in die Donauden Inn die Ilz gefallen.


Wahrheit des Tages: Wenn Sie aus eigener Anschauung wissen, wer immer „Nix glop“ gesagt hat, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Sie das Jahr 2060 nicht erleben werden. 


Kein passendes Foto weil Akku leer. Die Drecksdinger halten inzwischen nur noch ein paar Stunden. Hier der Dom stattdessen. Dom geht immer.


Es war Piffi, der Hund aus dem Yps-Heft.


Nein, das echte Yps-Heft von früher, nicht das ironische von heute, das sie dummen Hipstern verkaufen.