Armes Hamburg

Überraschung. Berlin hat dieses Mal eine Sache verkackt, bevor sie eine obszöne Menge Geld gekostet hat. Hamburg bekommt den Zuschlag zur Bewerbung für die Spiele und hat die Seuche Olympia somit nun alleine am Hacken. Das macht es zwar nicht besser, doch wenigstens ist der Irrsinn schon mal aus meiner Stadt raus.

Die PR-Maschinerie lief ja schon wieder wie geschmiert, wie immer, wenn es darum geht, Steuermittel zugunsten der Egos der eitlen Mumien der Berliner Senatsgruft und deren Förderern aus der mit ihnen traditionell bis ins Mark verfilzten Bauwirtschaft in den märkischen Sand zu setzen (oder in den berüchtigten sibirischen Eiswind zu schießen respektive in der sumpfigen Spree zu versenken, suchen Sie sich eine Metapher aus). Bankgesellschaft, Flughafen, Stadtschloss und Olympia, ein Grab ist ein Grab ist ein Geldgrab, denn diese Stadt schafft es nicht, auch nur einige Jahre sich selbst zu genügen ohne sich immer wieder großkotzig unter großzügigstem Einsatz von Finanzmitteln, die anderswo fehlen, aus irgendeinem beliebigen Fenster zu lehnen, einfach um zu posen.

Derweil verrotten die Schulen nebst Turnhallen, es fehlen immer noch Kitaplätze, Sozialarbeiter, Streetworker, qualifizierte Lehrer, den Krankenhäusern fehlt Personal, den Bezirksämtern sowieso – wenn auch nur an den Ecken, an denen es unvermeidbar zum Kontakt mit dem Pöbel Bürger kommt, der die ganze Farce bezahlt -, die S-Bahn fährt in ihr sechstes Jahr Dauerkrise ohne absehbares Ende, die Straßen sind selbst in Usbekistan besser als in den Berliner Ortsteilen, in denen keine Reichen wohnen, und der als Regulativ für die ungesunde Stadtentwicklung dringend notwendige soziale Wohnungsbau findet nach wie vor nicht statt während sich Berlin – langsamer immerhin, aber stetig – wie alle anderen Städte Europas in eine reiche Mitte und verarmte Außenbezirke segregiert.

Haben Sie sich in letzter Zeit einmal nach einer Wohnung innerhalb des Rings umgeschaut? Sie müssen inzwischen Bewerbungsmappen vorlegen wie bei der Jobsuche. Teilweise verlangen die Makler Kontoauszüge, Schufa-Auskünfte nebst Lichtbild und manchmal sogar Führungszeugnisse, wenn nicht gleich einen solventen Bürgen. Oder zwei. Und beim persönlichen Casting für die banale 70qm-Butze treffen Sie dann, wenn Sie erfolgreich datengestrippt haben, auf 20 andere arme Seelen, die manchmal Briefumschläge dabei haben, die sie dem Makler unauffällig in die Hand drücken. Inzwischen konkurrieren sie schon um Wohnungen in den potthässlichen Zehngeschosser-Platten der Betonschluchten der Landsberger Allee, zumindest denjenigen in Zentrumsnähe. So ist das. Und so ist das gewollt, anders kann ich mir die wohnungspolitischen Weichenstellungen der letzten Jahre nicht erklären.

Aber Hauptsache Olympia machen wollen, diesen feuchten Furz einer von sich selbst besoffenen Elite, die kein Gespür mehr fur den sozialen Kitt der Gesellschaft hat, über die sie herrscht, und die zur Meinungsbildung derer, die den selbstherrlichen Spaß bezahlen, den ganzen Maschinenpark in Gang setzen muss, über den sie verfügt: In der verödeten devot-gefälligen Medienlandschaft von rbb bis Tagesspiegel fand sich sodann kein kritisches Wort, kein Wort zu absehbaren und chronisch defizitären Bauruinen wie diejenige der letzten verpfuschten Olympiabewerbung, kein Wort zu den fragwürdigen Einschränkungen für die Zivilgesellschaft der Stadt, die in den für Olympia zu schaffenden Bannkreisen nicht mehr jene Klamottenmarken tragen oder den Fraß derer fressen darf, die sich nicht als Sponsor beim IOC eingekauft haben. Kein Wort auch zu dem ganzen Steuergeld, das den Funktionären auf dem langen Weg bis zur Entscheidung in den korrupten Arsch geblasen werden muss, um überhaupt in die engere Auswahl zu kommen. Obendrauf gab es manipulierte Umfragen, dumme PR-Aktionen, eine noch dümmere Plakatkampagne und weil das immer noch nicht reicht eine erschreckend dünnhäutige Reaktion auf eine harmlose Satire zu dem ganzen Popanz dieser vielen traurigen nackten Kaiser einer Hauptstadt voller Dilettanten.

Peng. Puff. Aus der Traum. Kein Olympia in Berlin. War schon von vorneherein klar, wenn auch nicht zu so einem frühen Zeitpunkt, so dass wir dieses Mal zur nächsten Stufe, die hier in der Stadt vor Volksentscheiden traditionell gezündet wird, gar nicht kommen werden: Die dicken Plakataufsteller auf den Mittelstreifen. Die Werbespots. Die Radiojingles. Die Postwurfsendungen. Finanziert von Adidas, Vattenfall und dem unvermeidlichen Hans Wall. Und dazu immer noch mehr flankierende Artikel in der Jubelpresse, noch mehr Jubelberichte im rbb mit einem hemmungslos begeisterten Ulli Zelle, die wie zufällig wirken, und noch ein paar weitere fingierte Umfragen ausgewählter Probanden, um Begeisterung für eine Sache vorzutäuschen, für die ums Verrecken keine Begeisterung herrschen mag.

Das alles sparen wir uns jetzt. Toll. Ich freue mich. Aber nur halb.

Denn jetzt liegt der Ball in der Hälfte von Hamburg. Viel Erfolg, schöne Grüße und einen langen Atem.


Schöne Grüße bei der Gelegenheit auch nach Frankfurt. Der Protest gegen eine Bankenrettungspolitik, die seit mehr als sechs Jahren eine blutige Schneise quer durch ganze Gesellschaften dieses Kontinents brennt, ist nicht nur legitim, sondern dringend notwendig.


Und schöne Grüße auch nach Athen. Mut und Widerstand, endlich mal Mut und Widerstand. Wie habe ich das vermisst.