Junkfraß aus der Industriehölle (7)

Das da sind Tortilla Chips. Übelste Tortilla Chips.

Tortilla Chips sind die ehrlichsten Snacks der Welt. Die tun wenigstens nicht so als wöllten sie etwas besseres sein. Nur Salz und Fett, der Grundstein einer jeden Alkoholikerernährung. Keine Kompromisse. Kein anderer Junk.

Inzwischen treffen Sie ja bei Partys immer öfter diese so unheimlich gewollt stilvollen Snacks. Die von ganz oben im Supermarktregal. Oder aus irgendwelchen Spezialgeschäften mit kindischen Namen, in denen sie dummen Touristen und noch dümmeren Einheimischen das Geld in Bündeln aus dem Jutebeutel ziehen. Oder das Zeug kommt gleich aus dem Bioladen. Oder sogar vom Kollwitzplatzer Wochenmarkt. Irgendwas Handgebackenes, etwas mit Liebe und Gutem von glücklichen Minzbauern aus der Uckermark, das Minty Green Honey & Mustard Finn Crisp with a sidekick of cinnamon from the beautiful bay of Chisibubikaio heißt. Und Grüner-Tee-Extrakt verarbeitet hat. Und Mate. Dazu gibt es Balsamico Red Pepper Crusticellis. Rosmarin-Gruyère-Sticks mit Soja. Seitan-Wasabi-Bällchen mit Süßkartoffeldip. Und dann wird natürlich noch Rohkost gereicht. Der Gesundheitshype einer Jugend, die keine Exzesse mehr kennt, hat nun auch immer mehr Partys erreicht. Irgendwann werden sie alle nur noch 2,5%iges trinken. Hugolimonade. Blubberbier mit Dragon Fruit geküsst vom zarten Hauch einer Brombeere. Oder gleich Tee. Ingwer mit Rosmarin. Und selbstgestampftem Stevia zum Süßen. Zur Biokresse aus Transnistrien im Spreewälder Bärlauchbett statt den Herzinfarkt-Salzkeksen.

Hey! Die Gesichter waren cool.

Ja, die Gesichter.

DIE Gesichter.

Diese Gesichter, als einer der unbelehrbaren ewiggestrigen Dinosaurier, der das Führen eines gesunden Lebens für einen Charakterfehler hält, diese Tortilla Chips mit diesem unerträglich künstlichem Laborkäse bei dieser Party letztes Wochenende auf den Tisch gepackt hat. Erst Unglauben, dann Erkennen, dann Freude und zuletzt Gier. In einer Viertelstunde war diese riesige XXXL-Packung leer, die aus dem prekären Teil des Weddings hierher nach Prenzlauer Berg geschmuggelt wurde. Und das Glas mit dem Laborkäse, der riecht wie der morgendliche Spritti in der S-Bahn aus dem Arsch, war ausgekratzt bis zum letzten Pseudopaprikafetzen. Als die Chips zum Dippen leer waren, haben sie die schönen selbstgebackenen Dinkeltaler mit den liebevoll geschroteten Kürbiskernen zum Auskratzen genommen. Und als das weg war die Finger für die letzten schon fast angetrockneten Käsereste. Der Alkohol macht es möglich. Denn im Suff schmeckt Junk immer noch besser als jeder Rucola. Jede Gurke. Jeder Gruyère. Alte Sifferregel. Ich kenn‘ das ja.

Danke an mich fürs Mitdenken. Für die Tortilla Chips. Und den Zombiekäse. Weil ich weiß.


Junkfraß aus der Industriehölle (6)