Binzlberg, Wolfskinhonks, Rotzblagen, mir doch egal

Hier bin ich, wenn die Stadt mich nervt. Am Meer. Binnenmeer. Manche sagen Ostsee. Ich sage, die Luft hier wird mich sicherlich 100 Jahre alt werden lassen, den ganzen Single Malts und Grand Crus zum Spott, die so einen heruntergewirtschafteten und sinnlos durch das All eiernden Planeten zu einem besseren Ort machen.

Es herrscht Kurzurlaub. Und die Kloppis sind auch da.

Die Legastheniker schreiben Schilder.

Und die verzogenen Egoratten optischer Prenzlauer Berg-Mütter, deren Brut mangels sozialethischer Vorbilder später lebendigen Mäusen die Haut abziehen und die Reste zu Pizzabelag mörsern wird, schaufeln eimerweise nassen Sand auf die Sitzbänke eines Glühweinstands, dessen Besitzer sich nicht traut, ihnen und ihren nicht minder konfliktscheuen Antieltern, die jedes Setzen von Grenzen sichtbar als entwicklungshemmend klassifizieren, wahlweise mit dem Wurf aufs Lagerfeuer oder ins eiskalte Ostseewasser zu drohen, wenn sie nicht damit aufhören, die Sitzgelegenheiten unbenutzbar zu machen.

Kloppis. Alle da. Natürlich. Es gibt ganz viele Jack Wolfskin-Pantoffelhelden, angezogen wie zu einer Polarexpedition, die säckeweise hässliche Sanddornprodukte mit sich herumschleppen, die nie irgendwer zu sich nehmen wird (weil Sanddorn scheiße ist, wer Sanddornzeug an seine Freunde verschenkt bringt zum Ausdruck, dass er sie hasst), über die Promenade watscheln adipöse Presswürste im Kunstdarm, die kunterbunte Stöcke hinter sich her schleifen und das für Sport halten, schnöselige Sylt-Schnepfen mit vor lauter Kleister wächsernen Gesichtern und aberwitzig großen Hornissensonnenbrillen, die sich für Gottes des Gesichtschirurgen Geschenk an die Ostsee halten, halten Hof, blöde Hunde noch blöderer Hundebesitzer reiben ihre Schnauze an meinen Eiern und auf der Straße gurkt ein Idiotenzug für Idiotentouristen herum, auf dessen knüppelharten Bänken sich selbst Jugendliche schon nach der ersten Kurve mit Winterschlagloch mehrfache Bandscheibenvorfälle einfangen.

Und auf der Strandpromenade läuft früh zwischen 6 und 7 ein Irrer mit Koksblick in einem schwarzen Adidaskostüm, dessen Ministrysound aus dem Kopfhörer der liebe Ole, der wie es der Zufall will auch gerade hier ist, in seinem schnöseligen Grand Hotel bis unter seine Bettdecke hören und dessen Rotweinfahne vom vorigen Abend er bis dorthin riechen kann.

Rülps. Der Geschmack von Cassis, Veilchen, Spekulatius und dunkler Schokolade aus dem Rhônetal wabert beim Morgenlauf aus den Tiefen des Magens empor, um einen gelungenen Abend noch einmal ins Gedächtnis zu rufen. Und wer hat da eigentlich gegen die EU-geförderte Skulptur eines verkrachten Ostseekünstlers gekotzt?

Ostsee. Adidas. Grand Cru im Hals. Dunkle Schokolade in den Zahnzwischenräumen. Spekulatius am Zäpfchen. Der Irre bin ich.

Egal. Alles egal.

Ich habe den Vorsatz, mich zu erholen. Das wird auch gelingen. Weil es immer gelingt. Schöne Grüße soll ich von mir ausrichten. Zwei Tage Ostsee wiegen 400 Tage Beklopptenstall Berlin auf.