Call him Mr. Vain: Auf der Sause

Wenn sogar die 90er im Vergleich zu heute eine interessante Zeit sind, dann sagt das alles über die heutige Zeit aus.

Ich mag ja Trash. Sehr sogar. Und im Velodrom feiern sie eine 90er-Party, Verzeihung, Sause, 90er-Sause, Mega Sause sogar. Ich muss zum ersten Mal lachen. Wer Wörter wie Sause in den Mund nimmt und sie mit einem Superlativ wie Mega kombiniert, sagt bestimmt auch Dinge wie „Hallöchen Popöchen“ oder „Knorke“, „Dufte“, „Okeydokey“ und keckert dann hysterisch. Ja? Hallo? Die 70er-Jahre haben angerufen und fordern, dass sie dummen Spätgeborenen nicht mehr als 90er verkauft werden.

Überhaupt junge Leute, viel zu junge Leute hier, lauter junge Leute, die in den 90ern kaum auf der Welt gewesen sein können. Frischgespritztes Testosteron wabert im Raum umher. Hey hast du meine Frau angekuckt? Verpiss dich du Spast. Wir woll’n die Möpse sehn’n! Fickööööön. Kleinwüchsige Solariumseumel mit gezupften Augenbrauen und viel zu breiten Schultern werden von großen überschminkten Weibchen, deren Jacken sie tragen müssen, in den Kampf geschickt, viel überflüssige Aggression, unnötige Revierkämpfe, aufgeblasenes Zeigen des Gefieders, das in der Regel mit 30 überwunden wäre, wenn der Großteil des Publikums nicht weit unter 20 wäre.

Right Said Fred sind angekündigt. Diese Hochgenüsse von Luxuskörper. Was freu‘ ich mich. Pfeif‘ auf die Musik, wenn sie nur ihre Shirts ausziehen, was sie jedoch nicht tun, weil sie gar nicht erst kommen, sondern abgesagt haben, wonach stattdessen Captain Jack auf die Rampe geschickt wird, alt, fett, die Fantasieuniform spannt über der Bierschürze, später werde ich aus dem Smartphone die Erkenntnis gewinnen, dass das gar nicht der originale Captain Jack der 90er war, sondern ein anderer Plautzenkönig, weil der Captain Jack der 90er schon längst tot ist, aber man die alte Melkkuh von Marke nicht sterben lassen kann, die den alten One-Hit immer wieder auf Baumarkteröffnungen und Geburtstagen der Söhne von Vorstandsvorsitzenden so lukrativ performt, weil sowieso keiner merkt, welche Strohpuppe da oben auf der Rampe die Sau macht.

Später tritt Culture Beat auf. Eine dicke alte Matrone gibt den Mr. Vain. Ob sie und ihr ebenso dicker rappender Sidekick die Originalbesetzung sind oder auch nur eine Pappkameradin nebst austauschbarer Schießbudenfigur vom Grabbeltisch spielt da schon keine Rolle mehr, genau wie die Binse, die mir bei ihrem Anblick durchs Gehirn spukt: Egal wie reich, egal wie erfolgreich, am Ende werden wir alle fett, alt und hässlich. Und tot. Wie Captain Jack.

Ich muss mir das alles schönsaufen. Durchgeknallte Minderjährige grölen die Hits, die wir alle damals zum Kotzen fanden. Be my lover. No no limit. Maybe you’re gonna be the one that saves me. Zwischendrin das unvermeidliche „Zu spät“ von den Ärzten in der fürchterlich peinlichen Maxi-Cowboy-Version, das ja eigentlich aus den 80ern ist, was die Minderjährigen aber sowieso nicht registrieren, genau wie die Unfähigkeit des DJs, der Offspring nach Take That nach Faithless nach DJ Bobo spielt. Eine Musikmische aus der Gruft. Jeder drittklassige Ronny aus Eberswalde, der auf bäuerlichen Hochzeiten dilettiert, kann die Genres besser bündeln. Nüchtern wäre es zum Wegrennen.

Doch weil ich manchmal sehr klug bin, habe ich ordentlich vorgetankt und mir zuhause eine halbe Flasche Bowmore Darkest in den Kopf gestellt, was sich als Glückstreffer erweist, denn die hier feilgebotenen Drinks sind eine Kriegserklärung. Es ist Pepsi Cola gepanscht mit billigstem Rumverschnitt, der selbst in dieser Mischung mit viel zu viel Eis und Cola noch unerträglich nachfuselt und für den sie im 0,3-Becher 6,50 haben wollen. Sie müssen verrückt sein. Genau wie ich. Was mache ich hier wieder? Das hier ist Trash, kompletter Trash, die ganze Veranstaltung ist ein Argument dafür, den eigenen Hals oben auf ein Bahngleis zu legen, damit es vorbei ist.

Irgendwann ist es vier Uhr. Die unterschwellige Aggression, mit der die Luft von Anfang an schwanger geht, tritt jetzt immer mal wieder eruptiv zu Tage wie Geysire in vulkanischen Landschaften. Irgendwer schubst irgendwen, weil irgendeine irgendjemanden auf irgendeinen anderen gehetzt hat, der ihr den Becher Fuselsprit aus der Hand getanzt hat, wonach der nach dem Schubser auf dem glitschigen Wodka-Red Bull-getränkten Boden ausrutscht und sich langlegt und der eine, der rächen will, auf den anderen, der gefallen ist, springt, um die verlorene Ehre wieder herzustellen, auf dass die Sache aus der Welt geschafft wird wie Männer das immer noch an den Orten machen, an denen akademisch austheoretisierte Rollenbilder aus den Elfenbeintürmen der maroden Bildungsstätten dieser Republik keine Rolle spielen.

Oh flashback my flashback. Zu den Dingen, die ich hinter mir gelassen zu haben glaubte, gehören Revierkämpfe jugendlicher Rüden, gefördert und beklatscht von Weibchen, die kämpfende Rüden gerne sehen. There we go again. Es gibt die Dinge immer noch, auch wenn man sich von ihnen entfernt. Die Dinge ändern sich auch nicht, nur weil man sich selber ändert. Da raufen sie nun. Alle gaffen. Einer filmt. Ich könnte dazwischen gehen wie ich mein ganzes Leben immer wieder dazwischen gehe, doch ich lasse es. Sollen sie. Ich mache die Welt nicht besser. Heute nicht und hier sowieso nicht. Jemand schüttet mir vor Aufregung Wodka-Red Bull über die Hose und ich nehme es hin.

Gnädig ist später nur die Nacht, die schon zum Morgen wird, als ich durch den Bratwurst- und Nackensteakdampf an ausgesoffenen Rotkäppchenflaschen der vollgepissten Unterführung vorbei zur S-Bahn laufe, die heute trotz Minustemperatur fährt. Und ich habe ein Liedchen auf den Lippen: Call him Mr. Raider, call him Mr. Wrong, call him Mr. Vain. Call him Mr. Raider, call him Mr. Wrong, call him insane. Dumm dumm dumm.