Verarsch mich doch (27)

Es ist bekannt, dass ich mich sehr gerne verarschen lasse. Das ist okay für mich. Ich habe weitgehend resigniert und nehme jede Verarsche nur noch achselzuckend hin ohne gleich ausufernd rachedürstende Ardennenoffensiven zu planen. Es ist eben so. Die Welt will entweder mein Geld oder meine Daten und sie will mir möglichst wenig dafür geben. So ist das Spiel. Sie werden das nicht ändern, ich werde das nicht ändern. Wir müssen nur einen Weg finden, damit umzugehen. Das beste Mittel ist Achselzucken. Sun-Tzus versteckte Kriegslist Nr. 17 Abs. 2 Buchstabe f: Kannst du eine Sache nicht ändern, dann zucke die Achseln. Vulgo: Ah, schau an, wieder verarscht. Sehr schön. Lehrgeld bezahlt. Abgehakt. Stoisch hingenommen. Bitte weiter gehen.

Folge 27. Heute mit Kindercontent.

Ich esse mit dem Antichristen Kind in einem Restaurant. Weil es ein sehr gutes Restaurant ist, muss ich keine Kinderbespielscheiße mitnehmen, sondern das Restaurant hat alles da: Malbücher, irgendwas zum Basteln und Geschichten zum Lesen – zum Beispiel das vorlaute Idiotenkind Conny, einen vollkommen debilen Bären namens Bobo und den nervtötenden Grünwähler Bauer Hubert, der so abstoßend ökologisch korrekt ist, dass ich davon gleichzeitig Ausschlag, Haarausfall und nicht enden wollende Gewaltfantasien bekomme – gepaart mit dem unbändigen Wunsch, noch heute Batteriesäure in die Biotonne zu kippen. Ich hasse Bauer Hubert.

Das Restaurant hat auch einen DIN A2-Bogen zum Ausmalen. Auf dem gibt es Apfelbäume, Johannisbeersträucher, Kisten mit Orangen und alles hat irgendwie mit Saft zu tun, den glücklich pausbäckige HJ-Lookalike-Kinder gleich literweise trinken. Das ist kein Wunder, denn dieser Ausmalbogen wurde zu Marketingzwecken von einer Saftfirma aus dem Süddeutschen erstellt. Und wer das ausgemalte Blatt einsendet, bekommt ein „tolles Geschenk.“

Hey, cool, Saftfirma, Geschenk, ist doch klar was das ist: Natürlich Saft in allen Variationen. Bestimmt gleich ein Sechserträger. Ein Best Of aus der Produktpalette, um mich anzufixen. Johannisbeer. Orange. Und natürlich Apfel. Hoffentlich naturtrüb. Von Bauer Hubert.

Los. Wir machen das.

Oder, Kind?

Wir machen das. Wir malen das aus. Wir schicken das ein. Wir wollen ein tolles Geschenk haben.

Aber sicher doch.

Tralala.

Bäm. Briefmarke drauf und weg damit.

Was bin ich gespannt.

Schon drei Wochen später ist das Geschenk da.

Was freu‘ ich mich.

Hier, das ist es:

Eine Metall-Erdbeere zum ans Revers klappen. Anderthalb Zentimeter lang.

Anderthalb Zentimeter, meine Güte. Das ist das „tolle Geschenk“? So ein verdammter Erdbeerclip, von dem ich nicht einmal weiß wofür er gut ist. Und dafür habe ich dieses Scheiß DIN A2-Blatt zusammengefaltet für 2,20 Porto nach Pforzheim-Buckenberg geschickt. Und das da zu bekommen. Kein Saft. Nicht einen Tropfen. Sondern Metallschrott. Als Erdbeere. Ein Giveaway für Gestörte. 

Ich kann mir vorstellen wie das abgelaufen ist: „Oh nein Chef! Schau mal! Da hat so ein Dummkopf tatsächlich auf unseren blöden Ausmalzettel für die Restaurants reagiert und das Ding zurück geschickt. Was machen wir jetzt?“

„Hier haste 50 Cent. Geh mal runter zum Kaugummiautomaten und lass was raus.“

„Geile Idee Chef.“

Und dafür haben sie jetzt die Adresse vom Kind. Weil ich es lustig fand, wenn mein Kind den zweiten an ihn adressierten Brief seines Lebens bekommt – nach dem verquasten Bescheid des örtlichen Finanzamts mit der Steuernummer direkt nach der Geburt. Und jetzt ist die Adresse in den Registern. Die können sie an die Adressgeier weiterverkaufen. Ich stelle die Uhr. Bald kommen die Kreditangebote der Targo- und Santanderbanken dieser Welt. Weinflaschenflyer. Und ein Möbelkatalog.

Bastarde.

Verarscht mich doch.


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