Voland: Der russische Veteran

Alle Welt plus Bild, Faz und Spiegel zerrt seit einem Jahr das 20. Jahrhundert aus der Gruft und führt einen nicht enden wollenden publizistischen Feldzug gegen Russland. Da können Sie als angeprangerter Putinversteher außer Schimpfen (oder bloggen, was oftmals dasselbe ist) nicht viel dagegen tun. Na gut, außer essen gehen vielleicht. Natürlich beim Russen. Aus Prinzip. Denn Essen geht immer. Essen ist streng genommen das Einzige, das ich richtig gut kann. Alles andere ist nur auswendig gelernt wie Lateinvokabeln in der Mittelstufe und in letzter Konsequenz nur Gepose vor Powerpointfolien, um Leute zu beeindrucken, die ich gar nicht mag. Ein Jammer.

Im Restaurant Voland in Prenzlauer Berg merken Sie von dem ganzen neuen Russenhysterie-Revival nichts. Das Ding ist voll. Am Wochenende müssen Sie reservieren. Sonst dürfen Sie gleich wieder gehen. Zur Schönhauser Allee. Einen Döner knallen. Oder eine prekäre Bahnhofspizza. Vielleicht hat auch Burger King noch ein Plätzchen für Sie.

Die gastronomische Regel Nr.1 in Prenzlauer Berg lautet: Wer was kann, dessen Laden ist voll an den Frei- und Samstagen. Und wer hier im Bezirk kein Publikum hat, der kann entweder nichts oder hat sich eine Seitenstraße zu weit Richtung nordöstliche Bezirksgrenze eingemietet, denn der nordöstliche Teil Prenzlauer Bergs ist kulinarisches Ödland und das immer schon gewesen. Dort überlebt nur XXL-Schnitzel. Schnitzel mit Ketchup. Schnitzel mit Landfahrersoße. Oder Letscho. Und natürlich der Klassiker: Schnitzeldöner.

Meister. Margarita. Voland. Der Behemoth. Mit erzhumanistischer Gymnasialbildung zu prollen ist seit dem Aufkommen des Internets nichts mehr wert. Ob Sie den Kontext einer Sache wirklich kennen, weil Sie mal mehr als ein Bilderbuch gelesen haben, oder die einschlägigen Buzzwörter nur aus Wikipedia kopiert haben, um Bildung zu simulieren, kann heute kein Mensch mehr beurteilen und Sie können nicht beweisen, dass Sie etwas wirklich wissen und nicht nur wo es steht. Bye bye Bildungsbürgertum, hallo Wikipedia: Der Meister und Margarita.

Das Voland gehört zu den wenigen verbliebenen Veteranen des schnelllebigen Prenzlauer Bergs (neben den Waschsalons). Locker 20 Jahre dürften es inzwischen sein. Eher mehr. Russisch mit Patina. Und Geigen. Trompeten. Fagotte. Fagötter?

Das Voland lässt mich so schön beiläufig immer wieder staunen: Drei russische Matronen schmeißen eine komplette Kneipe mit einer annähernd dreistelligen Anzahl an Gästen, ohne dass Sie länger warten müssen, ohne dass was vergessen wird, ohne dass auch nur eine von ihnen ins Schwitzen kommt, ohne dass sie auch nur ein bisschen unfreundlich werden und ohne dass auch nur ein Haar der Betonfrisur verrutscht. Respekt, ich meine, es ist immer noch Berlin hier, zumindest geographisch, wenn auch offenbar nicht … naja … mentalitätsmäßig. Das ist bemerkenswert, denn normalerweise geht Berliner Gastronomie unterhalb der Sterne bei mehr als 20 Gästen in die Knie und steht nie wieder auf.

Okay, und dass Sie hier mehr als nur ausgezeichnet essen können, versteht sich nach dieser überbordend begeisterten Ouvertüre fast von selbst. Mit zwei Personen, ausreichend Vorspeisen, Hauptgang, Nachtisch und einer Flasche Wodka werden Sie hier für 70-80 Euro satt. Und besoffen. Das muss ja. Wir sind in Russland.

Ihr Essensbilder kommet:

Und dann gibt es die Situationen, in denen ich melancholisch werde: Ich sitze weit nach Mitternacht mit dem außer mir letzten Gast am Tresen, es ist ein Bärtiger, der schon viel erlebt hat und wir hauen uns bei einer Flasche Nemiroff mit Birkenwasser, deren Inhalt wir uns beiläufig in große Gläser füllen, unsere vielen kranken Geschichten um die Ohren, nur um nach unzähligen Trinkweisen, Toasts und Versicherungen unserer gegenseitigen Wertschätzung über den Sinn des Lebens (er: Kinder, ich: Wodka) zu philosophieren. Es kann ein Ort für magische Abende sein. Für Begegnungen abseits der Banalität. Für Besonderes. Endlich mal interessante Menschen im Bezirk. Ja. An solchen Abenden stimmt alles. Und so etwas geht im Voland.

Ich habe den Bärtigen nie wiedergesehen. Das muss auch nicht sein. Abende wie solche können Sie sowieso nicht wiederholen. Alte Teetrinkerregel: Der zweite Aufguss schmeckt immer scheiße.

Was im Voland auch geht, ist Musik, gute Musik, russische, ukrainische, jiddische Volksweisen, was immer noch besser wird, je mehr Sto Gramm Sie sich schon in die versoffene Spritbirne gegossen haben. Es passt alles, wirklich alles an solchen Abenden. Auch die Musik. Die passt immer und lässt Wehmut wie Tränen von den Wänden tropfen.

Es sind dann immer nur Kleinigkeiten, die stören könnten, nur Nachrangiges, wenn auch Vermeidbares: Die Musik ab 21 Uhr kostet Sie 4 Euro Eintrittsgeld pro Person, was aber nicht wirklich transparent gemacht wird und wortlos auf die Rechnung gebucht wird, wenn Sie seit 18 Uhr hier sitzen und davon nichts wissen. Mich stört das nicht, natürlich nicht, weil die Musik hier immer meinen Nerv trifft, weil es ausgezeichnete Künstler sind, die hier auftreten und ich den Betrag für das, was Sie hier geboten bekommen, sogar günstig finde. Doch andere, gerade hier in Prenzlauer Berg, könnten diese Praxis übler nehmen.

Naja, und dieser Erdbeerwodka, der aufs Haus zur Rechnung ausgeschenkt wird, ist wirklich ein fürchterlicher Fusel. Den fülle ich mir nächstes Mal in den Flachmann – um den Vogelschiss von der Windschutzscheibe zu lösen.

Egal. Das gute alte Voland. Was mich betrifft: Ein guter Ort. Mit Seele. Reiner. (omg ein Wortspielfritze hängt ihn höher).


Voland
Wichertstr. 63
Prenzlauer Berg
http://www.voland-cafe.de

Der hässlichste Disclaimer der Welt spricht: Ich bekomme nix für die Hymne, sondern zahle meinen Scheiß selber.