Retrospektive: Sehnsucht

Yok Quetschenpaua – Sehnsucht

Shuffle. Der Player spielt Sehnsucht von Yok als ich vom Kino am Friedrichshain Richtung Greifswalder laufe. Alles neu hier, alles geleckt. Irgendein Stilhotel grinst höhnisch als würde es sagen wollen „Schau her, wir haben gewonnen.“ Glas trifft auf Glatt. Schwarz. Und Weiß. Piekfein. Sauber. Glatt. Wie die Menschen. Da, die Gated Community. Schweizer Garten. Passenderweise. Mit Gatter und Concierge. Es ist soweit, das Geld baut Mauern und Zugbrücken.

Behighheelte Schnepfen in teuren Mänteln kommen mir entgegen, man muss ihnen Platz machen, sie sind es gewohnt, dass man ihnen Platz macht, einmal tat ich das nicht, weil ich in Gedanken war, und streifte ihre Tasche, sie fing an zu zetern und ihr Männchen im Anzug bot sich an, mir aufs Maul zu hauen. Ich blieb stehen und wartete, doch er tat es nicht. Ein Maulheld. Auch das ist Prenzlauer Berg. Nicht immer nur Bio, sondern auch mal Darwin. Dachgeschoss-Darwin. Gated Darwin. Die besseren Menschen, für die sie sich halten. Die Gewinner. Wenn ich mich umschaue, sehe ich klar und unmissverständlich: Ja. Sie haben gewonnen.

Hier war mal alles ganz anders. Ich war mal ganz anders. Ich wollte immer sein wie die von der Mainzer Straße. Mainzer Straße, der Mythos, eine ganze besetzte Straße voller Helden, die nicht mitspielen wollten. Der Burger King an der Ecke musste noch viele Jahre später seine Fensterfront vergittern. Der Steine wegen. Ich war nicht dabei. Ich war zu jung. Viel zu jung. Ich kam zu spät.

Der Burger King an der Mainzer Straße ist immer noch da. Nur ohne Gitter. Denn hier passiert nichts mehr. Der Mehltau liegt wie Blei auf dem Gemüt der Stadt, ein ewiger Kanzler, einmal Hartz IV und eine ewige Kanzlerin später ist das Land sediert wie nie vorher, selbst der 1. Mai ist zu einer Witzveranstaltung für Betonkommunisten, hippe Biomütter und zugereiste Eventjugendliche verkommen während in Dresden und Leipzig Chauvinisten das letzte Potenzial an Widerwillen kapern und wieder einmal nach unten treten, immer nach unten. Pack.

In der Mainzer Straße können Sie heute übrigens vegane Babyklamotten erwerben. Und handgemörserten Kaffee. Dörrobst. Und natürlich fritz kola. Der Legende folgt die Monokultur.

Man sollte wieder Häuser besetzen. Am Besten eines ihrer energetisch totsanierten Brauereigelände mit dem so schön schmückenden Industriechic, den sie so mögen. So ein weißes Conciercehüttchen. Oder den Scheiß Wasserturm. Und dann anmalen, die Tristesse.

Bei mir hat es im Leben nur für eine Räumung gereicht, die dazu noch gar nicht mal stattfand. Das war im Erzgebirge. Aue? Schwarzenberg? Ich weiß es nicht mehr. Sie haben nach Unterstützung gerufen, weil eine Räumung anstand. Dann sind wir aus der Hauptstadt dorthin auf den Berg gefahren, standen die Nacht über und den ganzen nächsten Tag lang auf dem Dach und haben auf die Orks gewartet. Und aus dem Rekorder lief Sehnsucht von Yok. Wir wollten die Welt verändern. Nur kam keiner. Außer einigen besoffenen Kinderglatzen, die ich mit der Zwille beschossen habe. Prähistorischer Egoshooter. Analoger geht nicht mehr. Wir waren so cool.

Heute schaffe ich es nicht einmal nach Leipzig, um mich bei blöden Politikern, senilen Kadern und den letzten aufrechten Connewitzern gegen besorgte Abendländer unterzuhaken, denn morgen früh um halb zehn ist Meeting, in dem es meine Aufgabe ist, Schwaflern beim Schwafeln zuzuhören, selber sinnlose Worthülsen in leere Gesichter zu werfen und dafür bezahlt zu werden, ein kluges Gesicht zu dummen Powerpointfolien zu machen. Berlin-Mitte. Die Krawatte sitzt. Irgendwann merkst du, dass sie dich fixiert haben. Die Zwänge. Aus denen du nie mehr rauskannst ohne unterzugehen. Ohne zu verlieren was du magst. Und dann denkst du nur noch: Sie haben gewonnen.

Sehnsucht. Stargarder Straße. Galerien. Boutiquen. Solarien. Cocktailbars. Sushi. Sushi. Der ganze Bezirk frisst Sushi und ich bekomme Lust, ausgesoffene Bierdosen in ihre spießigen Urban Gardening-Beete zu werfen. Früher haben wir in der Stargarder Straße aus einem Kellerloch geklautes Bier verkauft. Für 50 Pfennig. Sehnsucht. Rauf auf die Dächer, oben feiern, war ja immer alles offen damals, die Dächer, Berlin von oben, Sonnenuntergang, Linton Kwesi Johnson und ein Spliff. Wir lebten in der spannendsten Stadt der Welt, Sehnsucht, mit Heike, der schönsten Punkerin der Welt in irgendeinem Keller auf irgendeinem alten Sofa zwei geklaute Flaschen Lambrusco weggemacht, weil keiner Bock hatte nach Hause zu gehen, denn zuhause war feindlich, vor uns eine Bierflasche mit Kerze, weil der Keller keinen Strom hatte, Sehnsucht, morgen kommen die Kreuzberger, Solikonzert für irgendeinen abgehalfterten Abgeknasteten, hilf ma mit beim Aufbauen oder bei der Volxküche, gibt Bier umsonst, Sehnsucht, Sehnsucht, Sehns…

„Geh mir aus dem Weg du Arschloch! Keine Augen im Kopf?“

Aus dem Weg.

Bin ich.

Schon längst.

Aus dem Weg.


Mit schönen Grüßen nach Antwerpen und Leipzig.