Charlie Hebdo. Was machen wir denn jetzt?

Das Schlimme an diesem Internet ist, dass wir jetzt alles immer gleich sehen können. Irgendwer nimmt irgendwas mit seinem Smartphone auf, stellt das auf Instagram, Twitter, Flickr oder Facebook und kurze Zeit später habe ich das auch, obwohl ich nirgendwo einen Account habe. Messenger machen es möglich, notfalls zwei kurze Klicks zu Liveleak und dann sehen wir kurz nach der Tat backfrisch den Clip von einem am Boden liegenden Polizisten, der die Hände hebt, um sich zu ergeben, und kurz darauf erschossen wird. Headshot. Killing Spree. Professionell sieht das aus. Fast wie nebenbei. Eiskalt. Mir läuft es den Rücken runter. Jedes Mal. Krasser Effekt. Das sieht so realistisch aus. Bumm. Ein Leben weniger. Terrorists win.

Ein anderer Clip zeigt die Szenerie von einem Dach aus. „Allahu akbar“ wird gerufen, Schüsse fallen, Menschen sterben, Allah ist groß. Jetzt ist klar, wer das war. Soso. Ach ja? Jetzt ist klar, wer das war? Oder deny everything? Bald werden wieder Theorien ins Kraut schießen, die eine False Flag-Aktion darin sehen. Wenn das mal nicht die Fed war. Oder die Rothschilds. Ein Beschluss der Bilderberg-Konferenz. Gladio. Ein weites Feld für Ulfkottes. Kopp-Verlage. KenFMs. Und irgendwer verkauft wieder ein Buch mit der Wahrheit.

Wir sind uns ja alle einig. Taten wie diese rufen immer nach Bekenntnissen. Gerne als JPGs auf Blogs. Oder als Textbaustein auf Twitter. Zeichen setzen. Flagge zeigen. Na klar, Satire mit dem Islam muss möglich sein. Auch den Islam muss man verarschen dürfen, gerne auch unappetitlich, blöd, primitiv, natürlich unter der Gürtellinie und auf jeden Fall unfair. Je suis Charlie Hebdo. Aussi. Bien sûr. Ideal wäre sicherlich eine Welt ohne Religionen, ohne diese ganzen Befindlichkeiten, diese ständige Heulerei, diese entsetzliche Bigotterie und den Anspruch, aufgrund des jeweiligen Gottes, den man anbetet, in Watte gepackt zu werden, auch wenn man selbst gegen alles keilt, das vom eigenen Dogma abweicht.

Ich weiß nicht, was die gestrige Tat für Folgen für die französische Gesellschaft haben wird. Immerhin wurde fast die ganze Redaktion einer Zeitung ausgelöscht. 12 Menschen, getötet aus religiösen Gründen – das ist ein Ausmaß, das für Frankreich neu ist. Da werden wir sehen müssen, was das für Folgen haben wird.

Was ist, wenn der Anschlag auf Charlie Hebdo für Frankreich zu einer ähnlichen Zäsur wie 9/11 für die USA werden wird und nur der Auftakt zu umfangreicheren gesellschaftlichen Auseinandersetzungen ist, die sich an dieser Bruchlinie entzünden? Es gibt in Frankreich den seit Jahren kontinuierlich erstarkenden Front National mit einer leider so vorzeigbaren wie eloquenten Führungsfigur, die jede Rechte erst gefährlich macht. Und es gibt die Situation in den Banlieues, die sich seit den Krawallen von 2005 nicht entspannt hat und in der eine perspektivlose Einwandererjugend so lange in ihrem eigenen Saft schmort bis einer kommt und Erlösung verspricht.

Und Deutschland? Das Timing könnte schlechter nicht sein. In Dresden demonstriert Pegida, hat letzten Montag trotz Störfeuers des Postillons einen neuen Teilnehmerrekord aufgestellt und wird das dank der Ereignisse in Paris nächsten Montag sicher noch einmal toppen können. „Haben wir es doch gewusst“ werden sie sagen und die Dinge instrumentalisieren. So wie sie es immer tun.

Es graut mir vor einer ähnlichen Ausnahmesituation in Deutschland – einem Anschlag, irgendeinem Attentat, bei dem Menschen sterben. Unter dem Ruf „Allahu akbar“. Denn die Situation ist vergleichbar: Es gibt eine aktive und auf den fruchtbaren Boden der benachteiligten Einwandererjugend der zweiten und dritten Generation treffende Salafistenszene in den westdeutschen Städten nebst Berlin und eine erstarkende Rechte auf den Straßen Ostdeutschlands, flankiert von einer sympathisierenden AfD, die gesamtdeutsch bis weit in den bürgerlichen Bereich hinein Wahlen gewinnt und sich einfach nur nicht selbst zerlegen muss, um sich langfristig zu etablieren.

Und genau das, diese krude Mischung aus dumpfen Ressentiments blöd gehaltener Ausgegrenzter und halbwegs seriöser politischer Organisation bis ins Bürgertum hinein, die ein gemeinsamer Feind in Bewegung setzt, hat mir immer Angst gemacht. Nicht die NPD. Die NPD war nie das Problem. Zu hässlich für das Bürgertum. Die NPD ist ein Makel und macht sich schlecht im Lebenslauf (und im Zweifel im Führungszeugnis), sogar im Osten. Das macht keiner, der was aus sich machen will.

Doch Pegida geht inzwischen. Und die Schweigenden wählen still AfD. Da sitzt der Henkel. Und der Lucke. Alte FDP-Rechtsausleger. Manche von uns haben die Leute schon in der Familie. Auch meinen Freundeskreis hat es in Teilen schon erreicht. Manche meiner Fußball-Sommermärchen-WM-Freunde sorgen sich jetzt. Das sind nette Leute, mittlere Angestellte, großzügig, feierfreudig, immer hilfsbereit. Gute Freunde. Nun fürchten sie die Islamisierung und jeder kennt eine Geschichte von einem deutschen Schulhausmeister, der die Turnhalle nicht mehr betreten darf, wenn muslimische Mädchen dort Sport machen, sie führen Ehrenmorde ins Feld, Zwangsheirat, Koranverteiler, Burkazwang, Scharia in der deutschen Rechtsprechung, Halbwissen wird zur Gewissheit in diesen Zeiten und Minderheiten einer in Geiselhaft genommenen Religion werfen einen enorm langen Schatten. Auch die Teeküche im Borgwürfel, meinem Arbeitsplatz, der ewige Hort jeder Konterrevolution, freut sich einen Keks über Dresdens Pegida: „Endlich macht einer was.“ Ufftata. Und Charlie Hebdo wird nun das Meisterstück werden: „Siehst du, ich hab‘ es doch gesagt, so endet das. Wir haben sie alle reingelassen und jetzt erschießen sie uns.“

Was sie aus Paris folgern werden wird so vorhersehbar wie dumpf sein: Mehr Polizei. Mehr Überwachung. Mehr Kontrolle. Das tun sie immer.

Und mir fällt an diesem Punkt nichts anderes mehr ein als das Zitat des norwegischen Regierungschefs Stoltenberg nach dem Breivik-Attentat, dankenswerterweise in Erinnerung gerufen von Rechtsanwalt Kompa:

„Noch sind wir geschockt, aber wir werden unsere Werte nicht aufgeben. Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.“ 

Und dann bringe ich noch gerne die Binse, dass eine Gesellschaft, die ihre Freiheit zugunsten der Sicherheit aufgibt, keine lebenswerte mehr ist. Geht doch an die Flughäfen, füge ich hinzu. Lasst euch zwischen die Beine fassen und das Allerheiligste eurer Handtaschen durchwühlen. Es ist doch jetzt schon unerträglich, mit welcher Arroganz sie mich auf Socken die Babymilch wegkippen lassen während sie meine Schuhe durchleuchten. Was soll da noch kommen? Wollt ihr den Terroristen so einen Sieg gönnen?

Doch ich werde damit nicht durchkommen, ich komme doch jetzt schon abends beim Bier kaum noch mit meinen hoffnungslos unmodernen Thesen von der Notwendigkeit einer offenen Gesellschaft durch, wenn ich keinen Anschlag durchgeknallter Islamisten als Totschlagargument gegen mich stehen habe. Offenheit. Menschlichkeit. Nein, damit werde ich nicht durchkommen. Dafür wohne ich im falschen Land, in dem die Situation nach dem ersten Anschlag mit Toten wahrscheinlich kippen wird. Dann werden in Berlin, in Köln, in Düsseldorf nicht mehr nur 200 Hansel ihr Deutschlandfähnchen in die Luft halten, die wir so locker routiniert mit 5.000 Gegendemonstranten und Heiko Maas in der Mitte erdrücken können, sondern mehr. Und bei uns weniger. Und der Staat, der heute noch für uns die Beleuchtung des Brandenburger Tors abschaltet, wird das gesetzlich flankieren, es wird neue Meldepflichten geben, neue Ausweisbestandteile, neue Überwachung, Schengen muss weg und diese Mautscanner auf den Autobahnen, da könnte man doch…

Und das wird alles durchgehen wie Butter wie es nach 9/11 in den USA durchgegangen ist und jetzt vielleicht in Frankreich durchgehen wird wie Butter, Ausnahmezustand, mehr Befugnisse, und jedes Land, das es erwischt, wird anders werden als es war.

Vielleicht überrascht mich ja dieses Deutschland auch mal. Vielleicht wird kein Innenminister nach mehr Eingriffsmöglichkeiten krakeelen, vielleicht werden keine Zehntausende mehr in Dresden für noch mehr Konfrontation demonstrieren, vielleicht verschwinden die Gaulands nach einer Legislaturperiode wieder in der Gruft, aus der sie gekommen sind, vielleicht nutzt dieses Land die Gelegenheit und geht mal einen anderen Weg. Versöhnung. Integration. Offene Gesellschaft. Die Hand ausgestreckt lassen. Es besser machen.

Vielleicht macht es Frankreich ja vor.