The confusing Jane Fonda of Kieser Training

Bei Kieser gibt es nicht nur klapprige Zombies im Winter ihres Lebens, sondern manchmal auch Menschen unter 40. In absoluten Ausnahmefällen sogar noch jüngere.

Es fällt natürlich auf, wenn hier jemand die verbrauchte Luft mitatmet, der nicht so aussieht als hätte der Abdecker nebenan schon eine Kundennummer für ihn vergeben, weil augenscheinlich ist, dass es nicht mehr lange dauern kann.

Sie, die heute hier trainiert, wirkt wie aus Raum und Zeit gefallen. Mir geht Jane Fonda durch den Kopf. Vor 60 Jahren. Oder 70. Und dem Besten von heute. Aerobicstyle ohne Stumpen in der Version von Marzahn-Hellersdorf. Engste Leggins, ein obszöner Ausschnitt und bauchfrei mit tätowierten Idiotensternchen, die irgendwann dank Schwangerschaftsstreifen zu Supernovas mutieren werden. Doch im Vergleich zu allen anderen hier ist sie fit. Young. Urban. Fresh. Exciting. Ein Alien, a legal alien, registrieren meine Augenwinkel, mit denen ich gelernt habe, indirekt zu schauen, damit es so aussieht als schaue ich nicht.

Was will sie hier? Sie passt hier nicht her – Kieser Training bedeutet Blut, Schweiß, Tränen, Schmerz, Entsagung, Hoffnungslosigkeit, Tristesse und schließlich Tod – also meidet die Altgemeinheit (haha toll, Wortspielficker, Alt – Altgemeinheit, hahaha, ich kann nicht mehr, erschieß mich doch einer) diese junge Frau nach Kräften. Sie weichen von ihr wie die Orks vorm Balrog. Ein zwanzigjähriger Zellhaufen voller Gesundheit paralysiert einen ganzen Stall zerfallender Wracks.

Warum auch immer sie hier ist, was immer sie hier will, Opas aufgeilen funktioniert hier nicht, no way, kein Stück, keiner schaut auf die Titten, nicht einer, dabei gibt sie sich jede Mühe. Sie beugt sich vor, sie tänzelt, Titten raus, Titten wieder rein, und wieder raus. Was für ein Aufwand. Für nix. Sobald sie irgendwo auftaucht, gehen die Opas weg.

Das hätte ich ihr vorher sagen können, lache ich in mich hinein, wer bei Kieser trainiert, hat sein Sexualempfinden schon so weit zurück gefahren, dass es maximal noch zum Onanieren mit der Penispumpe vor dem Monitor reicht, auf dem ein BBW-MILF-Bukake-Clip läuft. Oder irgendwas mit Omas.

Die Arme. Das hier ist nicht ihre Welt. Sie kennt es nicht, nicht angestarrt zu werden. Wahrscheinlich von McFit gewechselt. Verstehe. Der kulturelle Schnitt ist hart. Packt nicht jeder. Ich habe schon aufgepumpte Solariumwinnetous mit Zweijahresvertrag in der Lederhand vor dem Portrait von Werner Kieser weinen sehen. Nein. Niemand schaut. Ich auch nicht mehr, ich bin ja hier bei Kieser. Blut, Schweiß, Tränen, Festung Breslau und so. No sex please – we’re Kieser Training.

Irgendwann steht sie zwangsläufig auch bei mir. Vor mir eher. Und dehnt sich. Ich bin gerade im Cruncher eingeklemmt und sehe Schattenspiele im Winkel meiner Augen, die ich samt Kopf mit voller Absicht woanders hin gerichtet habe: Titten raus, Titten wieder rein, bald ist Frühling, Zeit, über Balkonpflanzen nachzudenken, tralala, so einfach bin ich nicht gestrickt, ich doch nicht, kein Bock, mich so billig zum Objekt dieser Dinger machen zu lassen, ich kuck‘ nicht hin, nochmal: Ich doch nicht.

Dann macht sie einen Ausfallschritt, beugt sich vor und meine Sonne verdunkelt sich, was soll das, wo soll ich jetzt hinschauen außer direkt in den Glockenturm, das macht die doch absichtlich jetzt, dabei sind sie mir wirklich egal, die Hupen, ehrlich, schwöre, ich glaube, wenn ein Mann irgendwann eine Anzahl x an möglichen Brüsten (groß/klein/symmetrisch/asymmetrisch) gesehen hat, dann ist irgendwann gut und er wendet sich anderen Dingen zu. Landschaften. Essen. Modelleisenbahnen. Playstation. Dem eigenen Schwanz in der Hand unter der Bettdecke, wenn es sein muss. Oder bloggen.

Argh. Mein Nacken zeckt. Klar, es ist beim Crunchen irgendwann unbequem und wahrscheinlich auch muskulär wenig zielführend, den Kopf permanent in Seitenlage zu halten, ich kann nicht mehr, was soll’s, ich schaue jetzt hin. Direkt in die Ausgeburt der Unzucht.

Ding. Dong.

Sie lächelt.

Ich auch.

Gotcha.


The Kieser Tales:

The old fart of Kieser Training

The Unholy Sprallo of Kieser Training (feat. The Desperate Drängelrentner)

The Incredible Jungdynamiker of Kieser Training

The great goldrush of Kieser Training

The Freaky Knatterich of Kieser Training

The Shitty Mallotze-Man of Kieser Training

The grumpy feministress of Kieser Training

The smelly Bommelslipperträger of Kieser Training

The parenting Omma of Kieser Training