Dönerparanoia

Manchmal überlege ich, ob mein Kind irgendwann das letzte Prenzlkind sein wird, das Döner essen darf.

Heute sind wir in Weißensee. Langhansstraße. Im Langhans Grill. Berlin ist die Stadt, in der die Dönerbutzen gerne den Namen der Straße tragen, in der sie fritieren. Istanbul ist out. Bosporus auch. Antalya sowieso. Und mit Pascha oder Sultan ist in Genderland auch kein Pide mehr zu gewinnen. Hier in Berlin heißen die Butzen daher Corinth Grill. Schiller Grill. Prenzlauer Grill. Oder eben Langhans Grill. Und von dem habe ich eine semilustige Erinnerung an einen Paranoiaschub, von dem es mir unangenehm wäre, würde jemand außer dem Internet davon erfahren.

Ich habe früher einmal auf einer traurigen Bewertungsplattform, die sie Qype genannt haben, Orte bewertet und beschrieben – meist Restaurants. Damit habe ich nur angefangen, weil ich meine Lieblingssushibutze pushen wollte, die unverdientermaßen immer zu wenig Gäste hatte, was ich nicht fair fand und in heiliger Selbstüberschätzung dachte, dass sich das durch eine völlig überzogene Hymne von mir auf einem nachrangigen Bewertungsportal ändern würde. Haha. Noob.

Das war 2009. An Blogs war was mich betrifft noch gar nicht zu denken, wenn man von dem Stef aus dem Wedding absieht, dessen Blog ich irgendwann 2007 einmal als Browserlesezeichen am Arbeitsplatz im Borgwürfel gespeichert habe, weil ihn irgendwann mal eine Suchmaschine angespült hat und ich es lustig fand, dass einer aus meinem sympathischen unterprivilegierten Nachbarkiez sein ganzes Leben ins Netz schreibt.

Das Leben vom Stef habe ich verfolgt wie eine Soap. Morgens mit einem Becher Automatenkaffee in der Hand vor einem aus heutiger Sicht obszön kleinen Bildschirm. Etwas über ein Jahr lang wusste ich nicht, dass es noch mehr Blogs im Internet gibt und mein eigenes Leben ins Netz zu schreiben wie der Stef erschien mir noch Jahre später undenkbar.

Eine lustige Zeit. So unschuldig. Es waren die ersten Schritte eines Laufenlernenden, der entdeckt hat, dass man auf Portalen wie Qype ins Internet schreiben kann und andere das tatsächlich lesen, bewerten, Kommentare hinterlassen und natürlich trollen. Nach dem ersten Hasskommentar auf Qype hätte ich fast vor Schreck mein Profil gelöscht. Haha. Noob.

Einmal war ich krank. Doc-Holiday-krank. Wegen zu exzessiven Saufens am Vorabend im auch schon wieder hinfortgentrifizierten Frosch am Ostkreuz. „Guten Morgen, ich möchte mich krank melden, ja, Magen-Darm, geht ja rum gerade, jaja, steckense nich drin, ich bin untröstlich.“

Wie Sie sehen teile ich mit vielen anderen Borgdrohnen ein Geheimnis: Manchmal habe ich keine Lust, den versoffenen Sack von Körper in seiner unterirdischen Verfassung in den Borgwürfel zum Robotten zu quälen, also snooze ich eine Weile unwillig vor mich hin und melde mich kurz darauf krank, obwohl ich gar nicht krank bin, sondern nur keinen Bock habe zu arbeiten.

Was das Kranksein betrifft, bin ich ein ganz normaler Arbeitnehmer. Ich bin nicht zu oft krank, um der Leistungsverweigerung verdächtig zu werden, aber auch nicht zu wenig, um für zu ehrgeizig gehalten zu werden. Wenn ich merke, dass ich mal wieder zu lange nicht krank war, gönne ich mir einige Tage, zu deren Beginn ich bei Doc Holiday (dem geilsten desillusionierten Hausarzt der Welt) mein routiniertes Schauspiel aufführen muss, um zu bekommen was ich will: „Aua, ja, da tut’s weh, Magen bis runter zum Darm. Au. Geht ja rum gerade. Im Borgwürfel liegt die halbe Belegschaft flach, jaja, steckense nich…“

Ich bin so gut, dass er mir jedes Mal zwei Wochen auf Krankenschein anbietet, von denen ich jedoch nur eine Woche nehme, um meinen guten Willen und meine unerschütterliche Aufrichtigkeit zu demonstrieren. Außerdem sind alle meine Playstationspiele sowieso schon nach einer Woche durchgespielt und in der zweiten Woche müsste ich dann so etwas absurdes tun wie fernsehen. Oder mit Menschen reden, die mich nicht dafür bezahlen. Meine Güte.

Gegen akute Alkoholmissbrauchsübelkeit hilft mir neben kalten Pizzaresten aus dem Kühlschrank oder angetrockneten Spaghetti Bolognese von gestern auch sehr gut ein Döner. Ein Big Mac. Royal mit Käse. Irgendwas Fettiges. Ungesundes. Irgendeine Bestrafung für den Sausack von Körper, der den Exzess zu sehr liebt, um wirklich alt werden zu können.

Die Langhansbutze (und hier schließt sich der Kreis endlich) war eine der wenigen Dönerläden von Friedrichshain über Prenzlauer Berg bis Weißensee (meine hood, bitch), die ich bei Qype noch nicht bewertet hatte – ein weißer Fleck, der den Pedanten in meinem Hirn, der Dinge gerne abschließt, erheblich störte. Wann also testen und bewerten wenn nicht heute, an so einem schönen, so geschmeidig erschlichenen freien Tag.

Und es hat genau gepasst. Mein Dispo war in dem Monat gerade am Anschlag (bing, ein Buzzwort – und wieder im Raster hängen geblieben) und die Butze hatte gerade Eröffnungswoche und schmiss den Döner für Einsfuffzig auf den Markt. Also habe ich kurz nach elf Uhr mittags im Krankenstand einen mittelmäßigen Döner hintergeworfen, um meinen Magen zu stabilisieren, und der weiße Fleck war nun keiner mehr.

Ein paar Tage später überfiel mich Paranoia, die eine ganze Weile nicht mehr verschwand. So habe ich entgegen jeglicher Logik noch Wochen danach damit gerechnet, dass mich jemand im Borgwürfel anspricht: „Sagen Sie, Herr Stevenson, auf ein Wort: Sie haben doch neulich den Langhans-Grill bewertet. Aber an dem Tag waren Sie doch krank. Wie geht das zusammen? Erklären Sie sich bitte.“

Ich habe mir sogar eine Ausrede zurecht gelegt: Dass ich den Döner in der Woche zuvor gegessen habe, aber im Krankenbett von Pfeilen durchbohrt und Kugeln durchsiebt unter Aufbietung der letzten Kräfte erst zum Bewerten kam.

Bekloppt. Denn natürlich ist nichts passiert.

Haha.

Noob.

Heute bin ich weiser, weil Menschen ja immer bis zu dem Punkt weiser werden, an dem es wieder abwärts geht und sie wieder dümmer werden. Nein, natürlich ist nichts passiert, denn der Borgwürfel überwacht meine privaten Internetaktivitäten nicht. Das kann der auch gar nicht, das kriegen die ungefickten Club Mate-Schlümpfe von unserer immer noch nicht outgesourceten IT gar nicht hin. Dafür hätten sie ja Qype hacken müssen, um über meinen Sinnlosbenutzernamen an meine Wegwerfmailadresse zu kommen, die eine Weiterleitung an meine richtige Mailadresse hat. Oder sie hätten meine IP abfischen müssen, die sie dann irgendwie mit meinem Festnetzanschluss in Verbindung hätten bringen müssen. Nix. Iwo. Der Borgwürfel doch nicht. Das war völlig sinnfreie Paranoia in die völlig falsche Richtung, denn meine Überwachung besorgt die NSA, weiß ich jetzt ein paar Jahre später. Knapp danebengegriffen, Paranoia-Joe. Statt Borgwürfel die NSA. Ich hätte es mir nicht ausmalen können. Die NSA wüsste also, wenn sie wöllte, dass ich an diesem Tag im Februar 2010 blaugemacht habe. Für so viel Aluhut hätte damals die ganze Alufolie von Pfennigland nicht gereicht. Haha. Noob.

In der Rückschau finde ich das witzig. Hallo Chef, nur zur Info: Doc Holiday wird mich morgen wieder krankschreiben. Ich muss die neue Pizzabutze bewerten, die unten bei uns im Haus aufgemacht hat. Prioritäten. Sie wissen schon. Ich bin untröstlich. Ich sag’s Ihnen lieber jetzt, bevor Sie es von der NSA erfahren. Hab‘ doch nix zu verbergen, gnarf gnarf.



Fun Fact: Das Blog hier sollte eigentlich mal ein reines Restaurantkritikblog werden, nachdem Qype plattgemacht wurde und ich mein Licht dort ausgemacht habe. Bloß nix Gesellschaftliches, auf keinen Fall Privates, nur Restaurants, maximal noch mit Rezepten ab und zu, ein bisschen was rund ums Kochen, Essen und Essen gehen. So war der Plan. Knapp vorbei würde ich sagen.

Bei der Gelegenheit ein kleiner Jahresendgruß aus der Küche an die alten Qyper, die den evolutionären Sprung von Internetplattformbewertern zu Bloggern geschafft haben:

Kraska

Stroheim


tikerscherk

Thorgefährlich

Cinnemonia

Handkäsfan

Limoncina

Eichi

Kurbjuhn

John Doe

Vilmoskörte

Konnie Neukölln


und alle anderen, die ich nicht mehr zusammenbekomme. Zeit rast und Hirn wie Sieb, aber immerhin reicht es noch dafür, bei einigen von euch mitzulesen.