Mr. Hai am Savignyplatz

Ich bin selten am Savignyplatz. Dafür verdiene ich zum einen immer noch nicht gut genug und zum anderen sind da die Leute: Auftoupierte Püppchen im Katzenbergerstyle, die aus schneeweißen Chevrolet Camaros steigen, Immer-noch-Miniplitragende-Provinzcasanovas im Porsche 911 (ein anderer geht auch gar nicht, vollstes Verständnis dafür), die den Motor wie schon vor 40 Jahren an der Ampel aufheulen lassen, hirnamputierte Pumper mit Luftkissen-Oberarmen, die den Unterschied zwischen Glas- und Bandnudeln nicht kennen, was sie lautstark ins Lokal röhren, alt und dick gewordene Schnepfen im Pelz mit zombiesk totgezüchtetem Miniköter, die sich immer noch anmalen wie eine minderjährige Barbie, und natürlich die Touristen, Selfie hier, Selfie da, Strawberry Cheeeeeeeeesecake, Sellout in der Kantstraße, habe Mut, dich deiner eigenen Amex zu bedienen, Sale! Sale! Saaaaaaaale! Black Fucking Friday you bitches.

Savignyplatz. Ich komme eigentlich nur zum Essen her, begaffe seltsame Menschen wie im Zoo die fickenden Tapire…

(sorry) … und fahre dann wieder zurück in den anderen Beklopptenbezirk – dem, in dem ich wohne.

Wer Foodblogs liest, bekommt ab und zu auch gute Lokale empfohlen und manchmal sind die nicht irgendwo im Harz, in Gelsenkirchen, Ostpolen oder in … na? … Chisibubikaio, sondern mitten in Berlin. Mr. Hai am Savignyplatz, empfohlen von der kochenden Katha. Klingt gut, sieht gut aus, macht was her, ich muss da hin.

Ein Blick in die Speisekarte macht deutlich, dass sich Mr. Hai preislich und inhaltlich von den üblichen Berliner Vietnambutzen abhebt, die ihr Mittagsmenu für 4,50 auf den Markt schmeißen und von denen jeder weiß, dass das so in guter Qualität nicht gehen kann und auch nicht gehen sollte. 8 bis knapp 20 Euro zahlen Sie hier bei Mr. Hai für die Hauptspeisen, die Vorspeisen sind bis auf kleinere Ausnahmen ebenfalls weit zweistellig. Das verspricht Gutes und ist für den Savignyplatz trotzdem noch im Rahmen.

Hier. Ein wenig Sushi. 15 Euro.

Sensationell gut. Eine Offenbarung für jeden Schlumpf, der kurz mal einen VHS-Kurs im Sushirollen belegt hat und dann gleich fahrlässigerweise seine prekäre 50%-auf-Alles-Dumpingbutze an der Prenzlauer Ecke Raumer / Sretzki / Knaack / Irgendwo aufmacht und seinen Mitmenschen mit schlecht gerolltem Fisch auf die Nerven geht.

Check. Phänomenales Sushi ist das hier bei Mr. Hai. Der, der das hier fabriziert hat, war mindestens sieben Jahre auf einem Berg in Japan, gequält von einem so gnadenlosen wie weißbärtigen Pai Mei, nackt, gefesselt, ausgepeitscht, in einer Scheune ohne Heizung bei sibirischer Kälte – und hat unter Schmerzen Sushirollen gelernt. Oder der VHS-Kurs war einfach gut, kann ja auch sein.

Dann die Suppe.

Hühnersuppe. Kann jeder. Nur nicht so wie hier. Das kann eben nicht jeder. Angenehm säuerlich im Abgang, unverschämt frische Zutaten und offenbar selbstfrittierte Croutons aus … es dürften Zwiebeln gewesen sein. Wahrscheinlich waren es Zwiebeln. Ich habe keine Ahnung.

Im Überraschungsmenu erhalten Sie als Hauptgang das da:

Zartes Rind meets marinierte Riesengarnelen meets frittierte Ente, die endlich mal nicht nach ranzigem Fett schmeckt. Ganz groß. Eine pure Machtdemonstration von Können, die mich einschüchtert. Fast möchte ich das Kochen angesichts dieser perfekt runden Komposition an den Nagel hängen.

(never)

So.

Was stimmt hier bei Mr. Hai eigentlich nicht?

Na los, da kommen Sie drauf.

Na?

Na klar, der Service, wir sind doch in Berlin, der einzigen Stadt, in der Sie in die Sternegastronomie gehen müssen, um Ihre Würde zu bewahren. Der Service hier bei Mr. Hai ist schlumpfig, erwarten Sie nicht viel. Mein Teeglas (wer hat eigentlich die Unsitte erfunden, Tee in einem Glas zu servieren, das Sie erst anfassen können, wenn der Tee schon fast kalt ist) zierte Lippenstift und hey, ich meine nicht eine kleine Menge Lippenstift, die nur Pedanten mit einer Lupe suchen und finden können, sondern einmal quer rüber – rosa, wahrscheinlich eine steinalte Barbie mit Lippenherpes, die einmal kurz das ganze Glas abgelutscht hat. Ehrlich, wer das übersieht, der hat kein Auge für das Produkt, das er serviert. Es ist ihm so egal wie der Gast es ist.

Da passt es ins Bild, dass das bestellte Überraschungsmenu nicht erklärt wird. Es kostet 29 Euro pro Person und Sie bekommen irgendwas. Dieses Irgendwas ist herausragend gut, kein Zweifel, aber ich bekomme ein Überraschungsmenu gerne erklärt, denn sonst sterbe ich dumm und das passt mir nicht. Wenn dann trotz Nachfrage nichts erklärt werden kann, sondern nur aufgezählt wird, was ich sowieso auf dem Teller sehe, dann ist das schade.

Okay, ich denke, ich muss gar nicht tiefer in den Gastronomiesumpf der Stadt gehen, Sie werden ein Bild vor Augen und dieses bereits mit Attributen und Adjektiven versehen haben: Langsam, verschlafen, verschlumpft, vollkommen desinteressiert. Wenn Sie in Berlin wohnen, kennen Sie das. Wahrscheinlich liegt es wieder an der Bezahlung. Menschen mit einer Passion für das Präsentieren von Essen, die ihren Beruf leben, lassen sich in der international gut beleumundeten gehobenen Gastronomie dieser Stadt gut bezahlen, der Rest macht den Job, weil er halt ein Job ist, der wie zu viele nicht gut genug bezahlt wird. Ein Jammer.

Und wenn wir schon dabei sind – das hier stimmt auch nicht:

Ja. Free Hotspot. So free wie Mumia Abu Jamal. Sobald sich das WLAN verbunden hat, präsentiert der Browser die übliche Bezahlschranke. Sind Sie öfter mal im Ausland? In fast allen europäischen Ländern – allen voran in denen im Osten des Kontinents – gehört das freie WLAN zum Standard, zum kostenlosen Standard – in Deutschland nach wie vor nicht, weder in den Hotels noch in der Gastronomie. Ein Trauerspiel. Entweder müssen Sie umständlich nach dem Passwort fragen und erhalten dann einen Zugang mit der Geschwindigkeit von ISDN mit Kanalbündelung anno 1997 oder Sie blechen extra. Wie hier. Schade. Dafür zuständig sind Menschen, die Dobrindt und Oettinger heißen. Was soll ich dazu noch sagen?

Also bleibt wie oft: Wenn Sie über den mäßigen Service und die lästige WiFi-Stümperei hinwegsehen können, ist Mr. Hai & Friends ein bemerkenswert gutes Lokal. Wenn Sie aufgrund meiner euphorischen Beschreibung nur das Sushi interessiert, sollten Sie gleich zu Mr. Hais Sushibar am Olivaer Platz 9 gehen. Sie heißt Mr. Hai Shabuki und bietet die volle Katjushabatterie an Sushi an, während am Savignyplatz nur ein Rumpfangebot gegeben wird.

Ich war dort auch schon und es war großartig, watch this:

Guten Hunger.

Sehen Sie dort? Rechts hinten sitzt Mr. Hai. Himself. Huuuuh ein Promi, ich krieg‘ mich kaum noch ein… sale. Sale. Saaaaaale!


Mr. Hai & Friends
Savignyplatz 1
Charlottenburg
http://www.mrhai.de