Verarsch mich doch (25)

Ein Kollege sucht einen Kitaplatz in Prenzlauer Berg und bittet mich um Hilfe.

Die arme Sau steckt mittendrin in der Odyssee von blasierter Kitaleitung zu blasierter Kitaleitung (zu blasierter Kitaleitung). Ich erinnere mich noch mit Grausen an meine Suche vor einigen Jahren: Sie stoßen als Eltern auf eine Wand der Ablehnung. Jedes amorphe Geschwür am Arsch eines einäugen Tapirs mit Staupe hat mehr Reputation als Sie, der da am Türrahmen kratzt und sein Kind anbietet wie Tofu im Steakhaus. Sie spüren in jeder Geste Ihnen gegenüber: Die Kitas innerhalb des S-Bahn-Rings (und in Prenzlauer Berg darüber hinaus) sind satt und Sie nicht wirklich erwünscht.

Die Position ist ja auch zu bequem. Jede noch so mittelmäßige Kita hier in der Gegend hat eine Warteliste, die ein, meist zwei oder vielleicht sogar einen Container voller Aktenordner füllt und das beinhaltet nur diejenigen Glücklichen, die beim Spontancasting an der Tür nicht sofort mit dem Hinweis auf einen Aufnahmestopp abgelehnt werden, weil sie zu hässlich sind oder ihr Hartz IV-Geruch zwei Minuten vor ihnen bei der Kita ankommt.

Wenn Sie es zum Vorstellungsgespräch schaffen, weil Sie ausnahmsweise mal einen soliden ersten Eindruck erwecken, begegnen Ihnen gerne mal folgende Fragen:

„Wollen Sie schon mal beim Sommerfest nächste Woche mithelfen?“

„Planen Sie, unsere (kostenpflichtigen) Zusatzangebote zu buchen? Wir hätten da Polkatanzen, Fassadenklettern oder die Fremdsprachenausbildung Mandarin in Kombination mit Pidgin-Englisch und Urdu im Angebot.“

„Sind Sie bereit, alle drei Monate die Räume zu putzen?“

Jedes Nein auf eine der Fragen kann Sie Bittsteller gerne mal direkt und ohne Umwege aus dem Auswahlverfahren katapulieren. Pseudoalternative Kinderläden mit angeschlossener Kinderbetreuung nutzen die Gunst der Stunde und verpflichten Eltern vertraglich zum regelmäßigen Putzen, Renovieren oder in einem Fall, der mich spontan dazu veranlasst hat, unter Ausflüchten den geordneten Rückzug anzutreten, sogar zum Hüten der Rasselbande quartalsweise für einen Nachmittag.

Andere sahnen gleich richtig ab und verlangen Bearbeitungsgebühren in dreistelliger Höhe, für die Sie nie eine Quittung erhalten, und wieder andere genießen es sichtlich, endlich mal auf der machtausübenden Gewinnerseite des Lebens zu stehen und lassen verunsicherte Eltern mit einem kalten Lächeln auf den Lippen Einkommensverhältnisse, Familienumfeld und wahrscheinlich inzwischen Leumund des Freundeskreises bis ins dritte und vierte Glied offenlegen.

Oft kommen Sie erst gar nicht bis zum richtigen Casting, sondern werden vorher abgebügelt. Gerne auch mehrmals. Und zwar so:

„Guten Tag, Stevenson, ich interessiere mich für einen Kitaplatz. Heute ist doch Rundgangtag?“

„Ja, nee, heute nicht.“

(…)

„Guten Tag, ich interessiere mich für einen Kitaplatz. Ich war letzten Monat schon mal hier. Heute ist doch Rundgangtag?“

„Ja, nee, die Leiterin ist nicht da, ohne die geht das nicht.“

(…)

„Guten Tag, ich interessiere mich für einen Kitaplatz. Ich war letzten und vorletzten Monat schon mal hier. Heute ist doch Rundgangtag?“

„Nee, heute nicht, ich hab auch gar keine Zeit, geben Sie mir Ihre Daten, ich lass Sie zurückrufen oder besser gleich auf die Liste setzen.“

(…)

„Guten Tag, ich interessiere mich für einen Kitaplatz. Ich war die letzten drei Monate schon mal hier. Stevenson mein Name. Kind ist schon geboren. Ich wollte mal fragen, ob ich auf der Warteliste stehe.“

(raschel)

„Nein, tun Sie nicht. Aber geben Sie mir Ihre Daten, dann hefte ich Sie in den Ordner ein.“

(…)

„Guten Tag, ich interessiere mich für einen Kitaplatz. Ich war die letzten zweihunderttausend Monate schon mal hier. Stevenson. Ich wollte mal fragen, ob ich nun auf der Warteliste stehe.“

(raschel)

„Nein, tun Sie nicht. Aber wir nehmen auch erst mal keine Anmeldungen mehr an.“

„…“

Möööp. Sie Horst. Hören Sie endlich damit auf, immer wieder hierher zu kommen. Wir wollen Sie nicht.

Der Kollege ist sichtlich verzweifelt. Es scheint immer noch so zu sein: Als Elternteil mit Job, von dem ein Kind großgezogen werden soll, stehen Sie nicht auf der Gewinnerseite des Lebens.

Das war vor ein paar Jahren nicht anders. Mein Kind stand auf knapp 40 Wartelisten, wobei das Problem dabei ist, dass Sie sich – zumindest wenn Sie zentral wohnen und Ihr Kind morgens vor der Arbeit nicht ins Märkische Viertel, nach Ahrensfelde, Karlshorst oder Chisibubikaio bringen wollen – immer mal wieder bei allen Kitas melden müssen, um nicht in Gunst und Wartelistenreihenfolge angesichts der elterlichen Konkurrenz, die mit ebenso viel Fleiß Klinken putzt, hinten runter zu fallen. Das kostet Zeit und Zeit haben wir alle nicht.

Ich habe einmal die Castingfrage „Dieses Wochenende haben wir Sommerfest. Wollen Sie nicht beim Aufbau mithelfen, um uns schon mal kennenzulernen?“ mit der Gegenfrage nach dem Sinn gekontert, da mein Kind noch nicht einmal geboren war, was zur Folge hatte, dass ich mich damit selbst am unteren Ende der Warteliste festgetackert habe. Und zwar für immer. Wann immer ich anrief: Leider kein Platz für mich. Irgendwann baten sie mich, nicht mehr anzurufen.

Nach einigen Monaten vollkommen erfolgloser Suche ohne Lichtblick war ich so verzweifelt, dass ich mich sogar bei den antiautoritären Prenzlauer-Berg-Hippie-Wir-erziehen-nicht-denn-das-Kind-weiß-selbst-was-gut-ist-Kitas, deren Ergebnisse die Restaurants, die Cafés, den öffentlichen Nahverkehr und später dann die Schulen der Stadt terrorisieren, angemeldet habe. Doch auch die wollten mein Kind nicht. Wahrscheinlich kroch mir die Ablehnung ihrer Traumwelt aus jeder Pore.

Geholfen hat mir zuletzt nicht diese Beharrlichkeit, sondern nur Glück. Richtige Zeit, richtiger Ort. Big Point. So banal.

Was nun aus dem Kind des Kollegen wird? Das habe ich gerade eben in unserer Kita untergebracht. Ja, ich kann das, ich kann Eltern an der Warteliste vorbeischleusen, weil ich als Gerngesehener mit geregeltem Einkommen, der immer wieder für irgendwelche Renovierungsarbeiten an den maroden Räumen zur Verfügung steht, einen Leumund wie Donnerhall habe und man deswegen gerne diejenigen nimmt, die ich empfehle. Ganz ohne Warteliste.

Was? Das hat Ihnen noch keiner gesagt? Natürlich nicht. Darüber redet man ja auch nicht. Omerta. Beziehungen schaden nur dem, der keine hat. Und die Warteliste ist in Wirklichkeit keine, sondern ein Notbehelf für den Fall, dass niemand von uns Privilegierten irgendwen unterbringen muss. Hören Sie also besser auf zu träumen und versuchen Sie auf dem Spielplatz jemanden kennenzulernen, der gute Kontakte hat, die Sie nutzen können.

Es ist also alles wieder Verarsche? Na klar.

Regen Sie sich jetzt auf? Ja? Prima.


Falls sowas überhaupt wem auffällt: Ich habe vor anderthalb Jahren schon einmal zu dem Thema geschrieben und ein paar Passagen davon recycelt. Rad. Neu erfinden. Und so. Muss ja nicht.


Verarsch mich doch (24)