Multiplexmüdigkeit (Reborn Zoo Palast)

Wann habe ich eigentlich damit aufgehört, gerne in ein Multiplexkino zu gehen? Wann haben sie angefangen, mich zu nerven, diese Sitztreter, Lautlabersäcke und iPhone-Terrorleuchter? Wann habe ich das erste Mal Folterfantasien entwickelt, wenn einer der sozial inadäquaten Adventisten der schlechten Laune seine bestrumpften Käsemauken neben mir auf der Stuhllehne abgelegt hat? Wann war ich eigentlich nicht mehr bereit, die Puffpreise für Getränke und Snacks zu bezahlen, nachdem ich schon für Kinokarten mit Überlängenzuschlag, 3D-Zuschlag, Servicezuschlag und Arschgeigenzuschlag abgedrückt habe? Wann habe ich die Lust verloren an der Kombination aus verwahrlosten Toiletten, vor lauter Cola klebenden Böden und vollgekrümelten Sitzen?

Keine Ahnung, ob es tatsächlich schlimmer geworden ist oder ob ich einfach nur von den Asozialen waidwundgeschossen bin, aber ein Multiplexbesuch hat für mich inzwischen so viel mit einer entspannten Freizeitgestaltung zu tun wie eine Mutter aus Prenzlauer Berg mit Currywurst Schranke. Ich zahle viel Geld, um gemeinsam mit verhaltensgestörten Mitmenschen in einem muffigen Raum zu sitzen. So gesehen kann ich auch S-Bahn fahren, da komme ich wenigstens in der Stadt herum.

Und das ganze Idiotenballett gibt es dazu noch für diese Mondpreise. Was war das kürzlich auf dem Plakat? 0,3er Bier mit kleiner Schale Nachos für 7,90, meine Güte, ihr habt sie wohl nicht alle. Wer zahlt das? Für das?

Offenbar kaum noch jemand. Meiner Beobachtung nach ist der umgekehrte Break-Even-Point, an dem selbst der verblödetste versoffenste Kinoprolet gerade eben noch solche Preise geschluckt hat und nun nicht mehr, erreicht und das System „Verkaufe-Pappe-und-verwässerte-Softdrinks-so-teuer-wie-möglich“ an seinen Grenzen angelangt, denn manches Multiplex übt sich inzwischen in Verbotspolitik.

Das Publikum praktiziert nämlich passiven Widerstand dergestalt, dass es Naschkram und Getränke vom Discounter um die Ecke mit in den Kinosaal schmuggelt und den Goldstaub in der kinoeigenen Fressecke mit vollkommen gerechtfertigter Nichtachtung straft. Also sah sich zum Beispiel das UCI in der Landsberger Allee veranlasst, vor dem Einlass ein Schild mit dem nur bedingt freundlichen Hinweis aufzustellen, dass der Verzehr mitgebrachter Waren untersagt ist. Sick sad world. Darbe oder zahle Mondpreise. Pöbel.

Abgesehen davon, dass man das Verbot ohne Taschenkontrollen und Leibesvisitationen vor dem Hintergrund dieser völlig verfehlten Preisgestaltung sowieso nicht durchsetzen können wird: Wie wär’s denn mal mit sowas völlig absurdem wie Preise senken für den lausigen Standard, der inzwischen geboten wird? Geht nicht? Oho, wohl an die Gaspreise gekoppelt, wie? Hahaha, jaja, Hammerding, ich lach‘ mich selbst weg.

Also: Wann habe ich eigentlich damit aufgehört, gerne in ein Multiplexkino zu gehen?

Vor kurzem.

Denn das Colosseum in der Schönhauser Allee verlangt inzwischen 3 Euro Zuschlag für die letzte Sitzreihe – dem einzigen Ort, der in so einem Multiplex gerade noch erträglich ist, weil da kein Arschloch hinter mir sitzen kann. 3 Euro Zuschlag. Am Arsch die Räuber. Aus. Vorbei. Jetzt ist der Zeitpunkt, jetzt ist es soweit, ich bin durch. Ich spiele nicht mehr mit, ich fahre jetzt etwas weiter, wenn es ein Blockbuster sein soll, an einen besseren Ort, und zwar den hier, den ich kürzlich zum ersten Mal seit der Renovierung und Neueröffnung erleben durfte:

Der neue Zoo Palast. Das neue Premiumkino. Immer ein bisschen besser als notwendig wäre. Wenn schon richtig Geld ausgeben, dann so. Ich weiß, dass ich vor einiger Zeit unqualifiziert geäfft habe, doch es ist großartig geworden.

Lobby.

Fresskram mit Stil.

800 Plätze.

Bequeme Polstersessel, die sich nach hinten kippen lassen, so dass ich halb liege. Beinfreiheit. Fußstütze. Ein Tischchen neben dem Platz. Keine Sitztreter. Keine Stresser. Nicht einmal iPhone-Leuchter. Weil genug Platz ist. Und wohl die ganze Atmosphäre auch auf die abfärbt, die sonst Multiplexe unbetretbar machen.

Aber ja, wenn dekadent, dann richtig. Der Käseteller wird an den Platz gebracht.

Zusammen mit der Flasche ausgezeichnetem Weißburgunder.

Und auf jeden Fall sind Smartphonekameras mit den hiesigen Lichtverhältnissen überfordert.

Ja. So geht das. So kann das ab und zu. Der Zoo Palast ist was geworden und versöhnt mich wieder mit dem Mainstream. Und ich bin so einfach zu überzeugen. Mit Käse und Wein. Stil und Niveau. Und viel Platz um mich herum, der mir andere Menschen vom Leibe hält. Denn ich hasse alle anderen Menschen.



Hier ist auch schon der verdammte Disclaimer, ohne den es inzwischen offenbar nicht mehr geht: Für die Lobeshymne habe ich nichts bekommen, nicht mal einen Kinogutschein. Das will und werde ich auch nicht, denn mit Giveaways gekaufte Blogger, die dafür Lobeshymnen schreiben, sind mir ein Greuel. 

Da gelegentlich solche Anfragen eintrudeln: Sehr freundlich, aber ich möchte kein Geld und keine Geschenke, nicht von Ihnen, die hier lesen, und auch nicht von einer Agentur.

Ich mag den neuen Zoo Palast tatsächlich sehr und werde ab sofort von Prenzlauer Berg in die von mir sonst wie ein Yogapuff gemiedene City West fahren, um dort Mainstream zu sehen, wenn ich Mainstream sehen will. Keine Lust mehr auf fürchterliche Multiplexe. Ich bin durch. Hier am Zoo hat jemand mitgedacht und nimmt seine Gäste ernst. Wenn teuer, dann bitte auch mit Gegenleistung. Prima. Das hat gefehlt.