Junkfraß aus der Industriehölle (4)

Lidl ist ja bekannt dafür, immer mal wieder übelsten Junk auf den Markt zu werfen. Es ist oftmals bizarres Zeug, das nicht einmal die Illusion aufrecht erhält, dass hier irgendetwas mit rechten Dingen zugeht, dass da irgendein natürlicher und gar gesunder Inhaltsstoff verarbeitet wurde. Manchmal denke ich, dass in der Produktdesignabteilung des Konzerns ein Punkrocker arbeitet, der ab und zu mal sehen will, was passiert, wenn er bisschen Stunk macht, was passiert, wenn er einfach einmal offensichtlichen Unsinn auf den Markt wirft. Ob das jemand kauft.

Vielleicht ist er aber auch ein Kommunist, der die Obszönitäten der Warenwelt mit einem als Kaufobjekt verbrämtem Kunstwerk so sehr persifliert, dass irgendwann beim Konsumenten ein Erweckungszustand eintritt, ein Gedankenfunken, der sich am besten zusammenfassen lässt mit: „Meine Güte, was tue ich hier eigentlich?“

Was ist denn das hier?

Aha. Milchkissen. Sie glauben doch wohl bitte nicht, dass der Scheiß hier irgendwas mit Milch zu tun hat, abgesehen von dem Tropfen Kondensmilch, der es lebensmittelrechtlich erlaubt, das Buzzwort Milch in mutierter Comic Sans-Schriftart übergroß auf die Verpackung zu schreiben. Milch. Gesund. Pausbäckige Kinder. Kuh. Muh. Natur. Bauernhof. So wertvoll wie ein kleines Steak. Muss ich haben.

Crunch. Grumpf. Mopf. Zuckerwürfel. Das Zeug schmeckt nicht nur nach Zuckerwürfeln, es fühlt sich an den Zähnen auch an wie Zuckerwürfel. Knirsch Knirsch. Unerträglich süß. Obszön süß. Ich schmecke nicht einmal mehr Kondensmilch, ich schmecke nur noch reinsten Zucker, dessen klebrige Süße irgendwann von der Milch absorbiert wird, die hernach in meinem Mund herumpappt wie eine dieser billigen schmierigen Vanillemilche aus dem weißrussischen Labor kurz hinter Brest, in dem alle toxischen Instant-Zutaten von übernächtigten alkoholkranken einäugigen Zombies mit schlechter Haut und Mundfäule zusammengemischt und in Großhandelstanks für den Verkauf in Berlin abgefüllt werden, weil woanders keiner so blöd ist, so etwas zu kaufen. Uff.

Meine Güte, was tue ich hier eigentlich? Ich muss jeden Scheiß probieren, ich bin das leichteste aller Marketingopfer. Schreiben Sie „Neu!“ drauf – ich kauf‘ das. Schreiben Sie „Nur für kurze Zeit“ oder besonders fresh „Limited Edition“ drauf – ich kauf‘ das, ich kauf‘ alles, „Milch!“, „20% mehr Inhalt“ oder „Jetzt noch weißer / reiner / größer / schneller / höher“, her damit, kauf‘ ich, sie spielen mit meiner Neugier, meiner ewigen Neugier, die immer wieder dazu führt, dass ich Dinge kaufe, die mein Leben signifikant verkürzen.

Wie das hier.

Das waren drei Tage weniger. Locker. Ekelhaft. Wenn ich das in die Biotonne schmeiße, zeigt mich der analfixierte Mülltonnenfetischist von nebenan wegen vorsätzlicher Kontamination des natürlichen Lebensraums unserer Hofratten an. Mit Recht. Denn wer das den Ratten gibt, der hat kein Herz.


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