Auf und unter der ollen Else

Die Elsenbrücke wird ziemlich unterschätzt.  
Wahrscheinlich wegen des Baujahrs und der Lage. Sie ist ein Ossi. Ein reiner. Von der DDR erbaut. Sie war noch nicht einmal ein Grenzübergang. No fame no gain.
Die Umgebung war bis vor etwa zwei Jahren noch ein wenig verwunschen.  

Inzwischen haben sie das Gestrüpp gerodet und einen kommerzialisierten Hipsterstall dorthin gebaut. Der sieht zwar aus wie ein besetztes Areal zum Ausleben alternativer Lebenskonzepte, doch machen Sie sich keine Sorgen: Es geht auch hier wieder nur um Geld, vorwiegend um das Geld von Touristen, denen im Gegenzug dafür eine wilde Stadt vorgegaukelt wird, die schon lange nicht mehr wild ist, sondern ihren Ruf aufzehrt bis irgendwann auch dem letzten Spanier und Portugiesen auffällt, dass hier nur noch Potemkins geistige Verwandtschaft wirkt.
Bis dahin freuen wir uns über besoffene Engländer mit alkoholroten Gesichtern und ihren originellen Hitlergrüßen bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Oder Skandinavier, die sich ihrerseits über das Land des billigen Alkohols freuen, den sie aber mangels Übung nicht vertragen und die Bahnhöfe vollkotzen. Oder iPhone-Ingrid, die zu blöd ist, auf ihr Telefon aufzupassen.

Und hey, sie sind hier sogar so alternativ, dass sie ihren Stall videoüberwachen lassen. Soll noch einer sagen, dass sie hier Trends verschlafen.

Hip hip. Auf der Brücke haben Sie einen idealen Blick auf die Stadt. Deswegen stehen hier oft Fotografen und fotografieren. Motiv. Motiv.

Auf der Brücke gibt es auch einen Radweg.  
Der ist aber wie überall in Berlin überflüssig, weil ihn keiner befährt, sondern den Fußgängerweg rechts davon. Die Verwaltung sollte in der Konsequenz alle Gehwege offiziell in Fahrradwege umwidmen und damit die Gesetzgebung endlich den Realitäten anpassen. Oder gleich Shared Spaces für alle schaffen: Der Stärkere hat Vorfahrt und der Rest muss zusehen, dass er auf seinen Arsch acht gibt. Ganz einfach eigentlich und spart Geld für den Ausbau von Infrastruktur, die keiner nutzt.
 
Wenn man das Rad allerdings auf der Brücke anschließt anstatt darauf zu fahren, kann das gerne mal so enden:

Fahrlässig. Einfach irgendwo anschließen geht nicht. Für ein Fahrrad brauchen Sie in dieser Stadt einen eigenen Carport. Mit Panzertür. Sonst ist es weg. Oder Sie fahren freiwillig eine verrostete Möhre, die nicht mal einer klauen mag. Your choice.

An den Laternenmasten der Brücke wird manchmal für Lustiges geworben:

Die völlig neue Superschau.
Die total neue Spitzenschau.

Die brandneue Spezialsuperspitzenschau.

Oder:

Menschen
quälen
Tiere
und nennen das
Sensationen  

Eine schöne Brache gibt es hier auch.  
Noch.
 
Gibt’s nämlich nicht mehr lang. Bis der Planierer kommt und einen dieser neuen düsteren Glaskästen aus dem Horrorkabinett der Investmentarchitektur hochzieht. Weil es hier so wenige davon gibt.Und wenn der Glaskasten steht …

 

… dann wird’s kalt.

 
Kalt. Kälter. Und im Winter sitzen wieder Vögel auf Eisschollen.  
Das hat so was Arktisches. 
 

Ich mag die Elsenbrücke. Auch wenn sie im Winter die letzte in ganz Berlin ist, die vom Eis geräumt wird.

 

Und die letzte, von der sie die Böller von Silvester und die aufgetaute Hundescheiße wegmachen.

Unter der Brücke organisierten sie Untergrund-Raves bevor die Kommerzhipster kamen.  
So war das mal. Nichts ist für die Ewigkeit, nichts bleibt wie es war. Untergrund-Parties sind inzwischen nur noch der Teaser. Läuft der Ort und hat er sich herumgesprochen, wird er kurze Zeit später kommerzialisiert. Mit Bretterverschlägen, immer mit Bretterverschlägen. Das alternative Bild muss gewahrt bleiben. Und das rechnet sich, weil sich in dieser Stadt immer ein Moloch von Subventionsverteiler findet, der das mitfinanziert. Und wenn genug Geld aus der Nummer rausgezogen wurde, legen sie eine Insolvenz hin und bauen gegenüber einen neuen Hipsterstall. Mit neuen Bretterverschlägen. Oder den alten, die sie mitnehmen.Professionelle Pleitiers aus den Glaskästen machen es auch nicht anders. Wenn auch ohne Bretterverschläge und alternativem Federkleid.

 

Flashback. So war das mal. Mit Tonnen. Zum Warmhalten. Warmmachen.

Bronx-Feeling 1980.  
Nur brennen die Mülltonnen heute nicht mehr. Es hat sich ausgebrannt.  
 
Inzwischen wohnt auch hier die Armut. Hier pfeift der Wind nicht so, wenn der Winter in der Stadt einfällt.

Die Elsenbrücke ist der Underdog unter den Brücken. Der hässliche Bruder des legen sie eine Insolvenz hin und bauen gegenüber einen neuen Hipsterstall.

Hey, und ich mag Underdogs.


Als mir abends mal langweilig war, habe ich das Ding bei Qype geschrieben und mit irgendwelchen Schnappschüssen bebildert, die ich im Anschluss an den Stralau-Spaziergang gemacht habe. Muss 2012 gewesen sein. Ich wollte damit einen Qype-Kontakt parodieren, der, nachdem er nahezu jedes Gebäude seiner Heimatstadt beschrieben und bewertet hat, dazu überging, über Stromkästen, Vogelhäuschen und Bushaltestellen zu schreiben. Liebevoll bebildert. Ein Mensch mit sehr viel Zeit und dem Blick für Details.

Meine Parodie kam nicht durch. Er hat vor Aufregung ganze sechs Mal auf den Feedbackbutton „Mehr davon!“ gedrückt. 

Bevor der Text auf der Festplatte vermodert, hier ein leicht aktualisierter Repost. Nur für die Akten.