Kessler ist wieder unterwegs

Was? Kessler? Das ist doch der Typ von Switch Reloaded, der so überdreht den Florian Silbereisen auf Koks gibt.

Yup. Isser. Doch Kessler kann auch ganz anders. Ganz ruhig. Ganz hintergründig. Ganz ohne Koks: Kesslers Expedition. Die zehnte ist es inzwischen schon. Sie führt entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Von Hof bis Lübeck.

Das Konzept ist schnell erklärt: Kessler ist unterwegs und lernt Leute kennen. Ganz normale Leute. Du und ich. Erwin und Egon. Schakelyne und Schakyra. Lolek und Bolek. Opa Kowalke. Oma Else. Mit Hund. Und Kanarienvogel.

Und das kann er gut. Jedem von denen, die er auf seinen Reisen zeigt, entlockt er eine Geschichte, oft Heiteres, Nachdenkliches, Weises, Banales gelegentlich, doch auch Abgründe manchmal, er treibt sich auf Goldenen Hochzeiten rum, Jubiläen, Äppelwoiverkostungen, Aerobic-Kursen oder quatscht einfach mal einen alten Anscheißer auf seiner Bank an, der vor lauter Langeweile die zu schnell durch sein Dorf fahrenden Autos zählt. Oder fahrradfahrende Schweizer. Einen Sozialarbeiter im Camper. Ganz normale Menschen.

Es ist Deutschland, das er da zeigt, oft Zipfelmützen-Deutschland, oberflächlich gesehehen zumindest, denn so viel Zipfelmütze bleibt da gar nicht mehr, wenn Kessler beginnt nachzufragen. Dann erweist sich auch der freudlos moralisierende Vogelschützer, der aussieht wie diese ganzen verhärmten Veganer in meiner Nachbarschaft, als fast liebenswerter Kauz, der erklären kann, warum er macht wofür ich ihn für völlig bekloppt halte.

Bei Kessler hat jeder seine Geschichte.

Da ist der verkrachte und spätberufene Künstler, der in seinem Garten seltsame Installationen anbringt, um sich auszudrücken, seinen Schmerz über ein verpfuschtes Leben zu verarbeiten, immer die falschen Jobs, immer das falsche Pferd, nichts hat geklappt, zuletzt nicht mal mehr irgendein Job, dann Krebs, Herzprobleme. Und jetzt sitzt er da in seinem Garten, alt, dick, schwammig, und versucht, nicht zu weinen, während er selbstgedichtete Verse zum Besten gibt.

Da ist die Abiklasse, die gerade in eine neue Etappe des Lebens eintritt und diesen Umstand erst einmal feiert. Mit Schuss. Die Lebenswege so vorgezeichnet wie fad. Industriekaufmann. Verwaltung. Verwaltung. Industriekauffrau. Verwaltung. Industrie … jaja. Nur einer will studieren. In Nordhausen. BWL. Ausgerechnet. Aber sie sind trotzdem stolz wie Bolle. Sie wissen noch nichts und das ist so schön anzusehen.

Da ist der junge Zirkusdirektor mit seinem kleinen Zirkus, in dem er fast alles selbst macht: Feuerspucken, Artistik, Messerwerfen, Clown, Aufbau, Abbau, und dessen unterschwellige Verzweiflung kurz Bahn bricht, wenn er sagt, dass die Leute gerne viel Geld für die viel größere Konkurrenz bezahlen, weil sie dann denken, dass sie etwas ganz Besonderes geboten bekommen, dabei biete er auch etwas, mit viel Herzblut, und er ist gar nicht teuer, womit er aber gerade im Westen niemanden hinterm Ofen hervorlocke. Der traurige Clown. Spricht.

Beeindruckend ist auch der Dortmunder Lebenskünstler, der eigenhändig kleine Schlösser renoviert und Kulturzentren reinsetzt. Und dann weiterzieht. Zum nächsten Schlösschen. Oder der naseweise Schüler, der Bundeskanzler werden will und über die Binse doziert, dass dem Land mehr Demokratie gut tun würde, der Meckerossi, der gar nicht so dumme Wasserstandsmeldungen zum Zustand der Gesellschaft abgibt, der Opa, der im Vorbeigehen beiläufig erklärt, wie er seine stiften gegangenen Bienen wieder zurückholen will, der ehemalige Grenzpionier, der jetzt nicht mehr Grenzzäune, sondern Autos repariert, die Matrone, die erzählt, wie sich die Fleischerei mit Gastronomie irgendwann nicht mehr gerechnet hat und sie auf einen Zweig umschulen konnte, der floriert – liedgutschwitzende Reiseleitung mit Bussen voller unerträglich vergnügter Rentner, oder der Sozialarbeiter, der in einer Schule gesellschaftliche Brandbekämpfung betreibt und dessen Bild von der Jugend sich mit meinem deckt. Oder der. Oder die da. Allesamt Zustandsbeschreibungen. Wie es steht im Land. Wie es sich so lebt. In kurzen Episoden. Ruhig. Tiefgründig. Nicht laut. Nicht hysterisch. Aber meistens klug.

Ich schaue nicht mehr oft Fernsehen, Böhmermann, Krömer, die Anstalt maximal, und hier muss ich auch. Kessler macht das großartig. Er hört viel zu, piekt an, lässt reden, hat ein Händchen für die Menschen, die er trifft, und selbst aus verschlossenen Gestalten holt er immer noch so viel raus, dass es ein Bild ergibt und Sie ungescriptet erfahren können, was das da für Typen Mensch sind – in diesen verschnarchten Gegenden, in denen ich maximal eine Woche Urlaub machen, aber niemals leben können würde.

Nur die aufgesetzte Rahmenhandlung ist wie immer überflüssig, na gut, ohne geht es offenbar nicht, es ist der rbb, sie haben offenbar Angst, dass das hundertjährige Stammpublikum abschaltet, wenn nicht ein als Bundespräsident verkleideter Laienschauspieler den höchstinstanzlichen Auftrag zu dieser Expedition gibt.

Auch das gelegentlich eingestreute und für meinen Geschmack ein wenig zu plumpe Mauerfall-Pathos hätte gerne dem Cutter anheimfallen können, aber ohne das geht es wohl dieser Tage ebenso nicht. Irgendwas ist immer. Und hier eben der rbb, der ist wie er ist, diese geldfressende Zumutung von Regionalsender, dieser öffentlich-rechtliche Moloch, der wuchert und wuchert und nur selten, fast wie ein Versehen, Bemerkenswertes absondert. So wie Kessler.

Was rede ich da endlos wie ein Blogger, der keine Pointe findet: Schauen Sie Kessler, wenn Sie einen Sinn für die leisen Zwischentöne des Lebens haben. Wenn nicht, dann lieber nicht.

Und was ich am 9. November 1989 gemacht habe? Ach, das interessiert doch keine Sau…

Kesslers Expedition

Aktuelle Folgen (entlang der Ex-deutsch-deutschen Grenze):

http://www.rbb-online.de/kessler/

Frühere Folgen (zum überwiegenden Teil depubliziert – wofür zahle ich eigentlich Gebühren?):

http://www.rbb-online.de/kessler/expeditionen/kesslers-expeditionen.html

 


 

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