Der ganz normale Mob

In Ausnahmesituationen lernen Sie Ihre Mitmenschen besser kennen. Das Dumme ist: Die meisten fallen durch.

Frankfurt. Mein Flieger nach Berlin ist gecancelt. Technischer Defekt an der Maschine. Als das durchgesagt wird, muss ich kurz lachen. „Lieber Fahrgastpöbel, wegen Verzögerungen im Betriebsablauf (vulgo: Zug kaputt) muss der Zug der Linie S85 leider entfallen.“ Kennen wir doch. Jeden Tag. Ein Dummkopf, der in der Hauptstadt der Vernachlässigung kein Stoiker wird. Nur ist es hier in Frankfurt keine S-Bahn, sondern ein Flugzeug, das den Geist aufgibt – eine perverse Form von Evolution in der Schrottkistenwelt.

Folgerichtig ist es Air Berlin, das hier technisch in die Knie geht, und es gibt nicht nur kaputtes Material, sondern auch keine Ersatzmaschine hier an diesem Drehkreuz von Flughafen. Berlin. Air Berlin. Es passt so schön, dass ich gar keinen Witz darüber machen mag, um die wunderbare Atmosphäre, die diese deprimierende Gemeinsamkeit zwischen zwei maroden Verkehrsmitteln mit Berlinbezug erschafft, nicht zu zerstören.

Mich juckt das hier alles nicht. Ich bin heute eigens für einen Vortrag nach Frankfurt gereist und irgendwer zahlt mir alles, was ich dafür an Kosten fabriziere. Natürlich auch ein Hotelzimmer, wenn das notwendig wird. Das Blöde an der Sache ist: Es ist Buchmesse und es gibt gar keine freien Hotelzimmer mehr, es sei denn, ich fahre jetzt um 19:30 Uhr noch mit dem Zug nach Darmstadt, Mainz oder in irgendein anderes dieser traurigen inzestuösen hessisch-pfälzischen Provinznester und checke bei Tante Brigitte’s Pensio’n ein, die für mich noch einen Platz auf einem Sofa in der Scheune frei hat.

Ausnahmezustand eben. Manchmal ist es wie es ist und da der letzte Air Berlin-Flug nach Hause gerade abhebt, der genauso zugebucht wie unserer ist, erwarte ich eine ungemütliche Nacht auf dem Flughafen, irgendwo in einer Ecke auf irgendeiner Liege, die ich mir noch erkämpfen werde. Oder ich suche mir ein Hotel mit Bar und Lounge. Irgendwas mit Alkohol, Kaffee und Dach überm Kopf. Denn ich bin Economy Class. Der letzte Arsch. Assipenner. Wurmfortsatz. Das wird mir sehr plastisch bewusst als durchgesagt wird: „Wir bitten alle Passagiere mit Gold- und Platincard an den Schalter. Sie werden auf Lufthansa umgebucht. Beim Rest müssen wir sehen.“ Chapeau! Mr. Freud übernehmen Sie. Willkommen beim Rest. Wir sind die 99%. Ho Ho Hotelbar. Dort werde ich mir wohl wirklich die Nacht bei lausigem Kaffee, Jacky Cola und zum Töten langsamem WLAN um die Ohren hauen bis sie morgen früh um 6:55 Uhr den ersten Air Berlin-Idiotenbomber für mich frei haben, in dem ich mich mit meinesgleichen suhlen kann: Den Nasenpoplern, den Bommelslipperträgern, den Kampfhundherrchen, den Buchhaltern, den Solariumsbratzen, den Triple-Whopper mit Bacon-Essern. Den Nicht-Satisfaktionsfähigen.

Doch jetzt schlägt erst mal die Stunde des Mobs. Okay, zugegeben, die Sache mit dem „Rest“ war sprachlich nicht astrein, aber sonst herrscht rege Betriebsamkeit bei den Verantwortlichen. Man bemüht sich. Vier Fraportsklaven tun was sie können, um eine Lösung zu finden. Die Lufthansa will offenbar Air Berlins Economypack nicht in ihrer Businessklasse haben und auch sonst bietet man uns allen möglichen Airlines an als wären wir Wiesenhof-Hühnchen in Prenzlauer Berg, will sagen: Niemand will uns haben.

Der Mob, der sich gerade vor dem Schalter langsam jedoch unaufhaltsam formiert wie eine Superzelle, besteht im Wesentlichen aus folgenden Typen:

Die Brüller

Die Brüller sind der Klassiker eines jeden Mobs. Sie sind der festen Überzeugung, dass es zur Problemlösung beiträgt, den Menschen hinter dem Schalter in ihre Telefonate zu brüllen, mit denen die versuchen, jeden zu kontaktieren, der heute noch irgendwie nach Berlin fliegt. Zurechtweisungen oder Bitten um Gelassenheit werten die Brüller als persönlichen Angriff auf ihre Meinungsfreiheit und werden noch lauter als sowieso schon. Erdnüsse zu werfen wie bei ihren Wesensverwandten im Affenhaus des Berliner Zoos, die sich gegenseitig die Korinthen aus dem Arsch pulen, hilft wohl auch nicht. Und sowieso gilt: Do not feed. The troll.

Die Scherzkekse

Sie sind zu Beginn der Superzellenbildung noch die angenehmsten Vertreter des Mobs, was mit Blick auf die anderen Irren nichts bedeutet. Nachdem sie kurz ihrem Ärger Luft gemacht haben ohne dass es jemand mitbekommen hat, flüchten sie sich in frotzeligen Galgenhumor, der mir nach zehn Minuten auf den Sack zu gehen pflegt. Meistens sind es die typischen Vertreter konfliktscheuer Zeitgenossen, die über Bande kommen, weil sie ihren Unmut nicht in direkte Worte fassen mögen, aber auch nicht einfach ihre Fresse halten können. „Hahaha. Warten auf Godot!“ haut einer raus und seine Claqueure lachen. Hahaha lacht er selbst am lautesten über seinen eigenen Scheiß als wäre er Mario Barth, der im Olympiastadion vor aller Augen einen Furz angezündet hat. Da brat mir doch einer eine Jack-Wolfskin-Jacke. Auch noch kulturell beflissen, der Kerl. Oder doch nur ein Theaterplakat am U-Bahnhof richtig abgelesen. „Hahaha. Wie sagt man so schön? Die Letzten werden die Ersten sein! Hahaha!“ Zack! Noch so ein Ding. Bibelfest ist er auch noch, der Penner. Ich krieg‘ mich kaum ein. Der zündet die Knaller als gäb’s morgen keine mehr.

Wenn der Scherzkeks das Eis zu seinen Umstehenden gebrochen hat, kommen zu den schalen Sinnsprüchen aus Oma Petruschkes Mottenkiste noch persönliche Bonmots, irgendwelche halbgaren Geschichtchen irgendwelcher Katastrophen, in denen der Scherzkeks vorgibt schon einmal gesteckt zu haben. Im Dschungel von Thailand. In Ischgl auf einem Berg. In Soest auf der Kirmes. Ein Brüller jagt den nächsten und jeder hat was mit Warten zu tun. Oder einem technischen Ausfall von irgendwas. Oder beidem. Ich habe Musik und ein Ladegerät dabei. Das war wie immer eine gute Entscheidung. Die Band, die ich höre, heißt Katatonia.

Die Resignierten

Sie werten es als persönliche Niederlage, dass der Flieger einen Defekt hat und sind überzeugt, dass sie irgendjemand nicht leiden kann, der dieses ganze Zinnober nur veranstaltet, um sie zu demütigen. „Das war ja klar“ ist einer ihrer Lieblingssätze. Sie wissen so sicher wie nichts sonst, dass sie weder heute noch morgen noch überhaupt irgendwie kostenneutral hier weg kommen. Daran ist nur dieser Mehdorn schuld. Oder Wowereit. Zustände sind das. Mit uns kann man es ja machen. Armes Deutschland. Ich möchte einmal erleben, dass… und so weiter, Sie kennen das sicher.

Ihre Gesichter und ihr Gemaule machen mich depressiv und ich möchte mich jedes Mal vor irgendeinen Flieger werfen, wenn jemand von denen neben mir steht und sein Leiden an sich selbst in die Welt heult.

Die Fatalisten

Eine Abwandlung von den Resignierten sind die Fatalisten. Sie haben sich komplett ergeben und schlurfen von offenem Ohr zu offenem Ohr. „Da geht nix mehr“ sind sie sich sicher. „Die lassen uns hier verrotten.“ lautet das traurige Fazit. „Immer Air Berlin, es ist immer Air Berlin, abends Air Berlin ist eine Katastrophe. Das ist bekannt.“, wobei sich mir nur die Frage stellt, warum der Arsch seine Verbindung genau so gebucht hat, wenn bekannt ist, dass sie ins Verderben führt.

Die panischen Stresser

„Sie haben Internet? Haben Sie Internet? Sie haben doch Internet!“ werde ich bestürmt, weil der Telekom-Hotspot hier am Frankfurter Flughafen tatsächlich mal funktioniert, was mich selbst verwundert. Ja, ich habe Internet, also werde ich von drei panischen Stressern gleichzeitig begattet und bis über die Grenze der Unhöflichkeit dazu genötigt, nach Alternativflügen nach Berlin, den Zugverbindungen durch die Nacht und den hiesigen Preisen für die Mietwagen zu recherchieren.

Es ist anstregend, weil alle Optionen komplett für den Arsch sind, was die panischen Stresser jedoch nicht einsehen wollen, wahrscheinlich weil sie Angst haben, die Dinge dann so hinnehmen zu müssen wie sie sind.

Wie ist die Lage, Nummer Eins?

Sir, die anderen Flieger nach Berlin sind voll, die Mietwagen sind schweineteuer und umständlich, weil man die in Berlin ja zu nachtschlafender Zeit am Arsch der Welt wieder abgeben muss nachdem man sich die ganze Fahrt über mit Red Bull (und Koks, wer hat) wachgehalten hat, und die wenigen Zugverbindungen nach Berlin dauern acht Stunden und laufen über Dortmund, Köln und Chisibubikaio, weil Sie den Sprinter-ICE vom Frankfurter Hauptbahnhof nach Berlin nicht mehr schaffen werden.

Doch, werden wir!

Schaffen Sie nicht.

Doch!

Nein!

Doch!

Nein, wirklich nicht, es ist illusorisch. Fußweg zur Skyline-Bahn zu Terminal 1. Dort Fußweg zur S-Bahn. Dann Ticket holen, zum Hauptbahnhof zuckeln. Dort zum ICE-Gleis tingeln. Sie haben knapp über eine halbe Stunde Zeit dafür. No way.

Aber sie glauben mir nicht und rennen. Arme Irre.

Panische Stresser abzuschütteln dauert – wenn sie nicht in ihrer Hysterie blind irgendwohin rennen – lange und erfordert Kreativität. Meistens muss ich dazu aufs Klo gehen obwohl ich gar nicht muss. Oder ich täusche einen Müdigkeitsanfall vor und werde als Ziel ihrer Panikattacken wertlos, weil ich nicht mehr zuhöre. Oder ich schlafe tatsächlich einfach ein, das geht auch. Wenn es ganz schlimm gekommen wäre, hätte ich mich auch zum Raucher erklären und mich in Richtung einer dieser traurigen verglasten Raucherkäfige verpissen können, in denen sie die Raucher ausstellen wie die Kapuzineräffchen im Zoo. Vorausgesetzt, die Käfige gibt es überhaupt noch. Habe gar keine gesehen bisher.

Und dann gibt es noch den Klassensprecher

Er ist immer der Lauteste. Und es ist immer ein Mann. Oft rekrutiert er sich aus der Gruppe der Scherzkekse. Nachdem er diverse Schwänke aus seinem belanglosen Leben und untaugliche Prognosen zum weiteren Ablauf des Geschehens zum Besten gegeben hat, erklärt er sich mit einem munteren „Also ich geh‘ jetzt mal nach da vorne und klär‘ das mal, lassen Sie mich durch bitte!“ zum Verhandlungsführer des Mobs. Das Aufplustern geht jedoch nur so lange gut bis er am Schalter angekommen ist und dort abgebügelt wird. Es wiederholt sich jedoch, wenn ein neuer Verantwortlicher auf der Bildfläche erscheint.

Ich selbst setzte mich irgendwann, als ich feststellen musste, dass in dieser gottverlassenen Ecke des Frankfurter Flughafens niemand einen vernünftigen Whisky ausschenkt, mit meinem Internet und der Band namens Katatonia auf eine Bank in einiger Entfernung zum Geschehen, las in ein paar schönen benachbarten Blogs, droppte hier und dort den einen oder anderen Kommentar und wartete darauf, dass was kam. Ich wartete. Und wartete. Nur nicht auf Godot. Haha. Ha. H. Meine Güte Hirn.

Und kam was?

Klar kam was.

Ein Flug nach Wien. Mit einem angepissten Mob, der eine Stunde warten musste, um ein paar Honks mitzunehmen.

Und dann noch ein Flug nach Berlin. Mit einem angepissten Mob, der anderthalb Stunden in Wien warten musste, um ein paar Honks aus Frankfurt mitzunehmen.

Drei Mobs an einem Tag. Einer zerfickter als der andere. Harter Stoff. Den letzten hatte ich seinerzeit im Harz. Am Ticketschalter der Brockeneisenbahn, weil da mehr scheintote Rentner mitfahren wollten als der Zug Platz hatte.

Halten wir auch an dieser Stelle wieder einmal fest: Dieses Land ist unter Druck nicht locker, gar nicht locker.

Es ist wie es ist: In Ausnahmesituationen lernen Sie Ihre Mitmenschen besser kennen. Das Dumme ist: Die meisten fallen durch.

 


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