Transit Kreuzberg

Och, hier bin ich wieder, im alten Transit – dem verratzten Vorzeigehipsterstall, alte Sessel, Tische mit Patina, looks like zusammengeklaubt vom Sperrmüll. Was anderswo so furchtbar gewollt und dann doch nicht authentisch aussieht, kommt hier recht flockig rüber, wenn man reinschneit und dem Bärtigen hinter dem Tresen seine Bestellung zuruft, bevor man sich hinsetzt.

Das muss man wissen mit der Selbstbestellung über den Tresen, wissen aber einige nicht und sitzen lange blöd rum, sind dann sauer und nehmen übel, wenn sie sich schließlich aufmachen nach vorne zum Tresen, an dem sie schon vor 20 Minuten hätten bestellen können.

Was fehlt also? Natürlich ein Schild, wir sind hier immer noch in Deutschland, also fehlt ein Schild mit einer klaren Anweisung, was zu tun ist, denn der Deutsche braucht immer eine Anweisung, etwas ausdrücklich zu tun oder gerne auch ein Verbot, eines, das ihm mitteilt, etwas anderes zu unterlassen, sonst weiß er nicht, wie er sich verhalten soll, dreht sich sinnlos im Kreis und ist frustriert, denn auch in einer hippen portugiesischen Sperrmüllausstellung mit Mittagstisch für 4 bis 6 Euro erwartet er erstmal den Service am Tisch, es sei denn, da steht ein … na? … ein Schild, genau! Da muss dann ganz genau drauf stehen, dass er sich mal ganz gepflegt selber … na? … genau, sein Essen vorne bestellen soll. Sonst macht er das nicht, sitzt missmutig herum, atmet Luft weg und nimmt übel. So ein Leben muss anstrengend sein.

Ich weiß ja von all den Jahren, in denen ich hier zum Essen herkomme, wie das hier läuft und sitz‘ deshalb nicht lange blöd rum und bin dann sauer, sondern bestell‘ gleich beim Reinkommen per Zuruf irgendwas ständig Wechselndes, was da auf der Karte steht, das gute, wenn auch unspektakulär unscharfe Chili, Huhn, Tortilla, Fleischböllchen oder irgendwas anderes, denn es schmeckt immer, all das, was diese coolen hippen Portugiesen hinter der maroden Theke mittags so in die Kreuzberger Runde schmeißen, mit südländischem Understatement wohin man schaut, locker, lässig, flockig, entspannt, unverkrampft …

… huh, ist das so? Es sieht alles so wunderbar alternativ aus, nicht? Der Typ hinter dem Tresen hat sogar einen Vollbart, fettige Haare und sieht aus wie ein prekärer Portugiese, dieser Bilderbuchhipster. Nur die Hornbrille fehlt.

Das muss ein Genosse sein, denkt sich da die abgerissene Refugee-Aktivistin mit Palituch und bittet um eine Flasche Leitungswasser, da draußen vor der Cuvrybrache gerade wieder demonstriert wird. Es hat vor kurzem gebrannt dort und bei der günstigen Gelegenheit wurde die einzige Favela des Landes gleich abgeräumt.

Dagegen Demonstrieren macht zweifellos durstig: „Excuse me, could you fill up this bottle please?“ „No, damnit, that’s enough, you come here every ten minutes to fill up your bottle, I’ve got a business to do here.“ „But we must stick together, dude.“ sagt sie noch, aber es hilft nichts. Er weist zur Tür, weil sie nichts verzehrt, sondern Wasser will, weil die letzten Versprengten in dieser Stadt, die sich noch für etwas anderes als immer nur Kind, Kegel, Karriere und den überteuerten New York Cheesecake mit fritierten Holunderblüten aus dem neuen hippen Latte-Café interessieren, Durst haben. Mein Geldgebot ist es schließlich, das den Bärtigen umdenken lässt, weil er offenbar merkt wie er gerade wirkt. Doch ganz geheuer bin ich, der Anzugträger, ihm auch nicht mehr.

Na klar täuscht ihr euch, liebe jungen idealistischen Freunde, es ist nicht alternativ hier, es sieht nur so aus und soll auch so aussehen, damit die, die es gerne optisch, aber nicht gesellschaftlich alternativ haben, sich hier wohlfühlen und ihr gutes Geld hier reintragen. Wie ich, ja sicher, auf mich freut er sich immer, der Bärtige, denn der Anzugaffe in seiner Mittagspause sieht nach gutem Trinkgeld aus, das er aber heute zum ersten Mal nicht bekommt und sich vielleicht nicht mal erklären kann, was mich denn – ernsthaft, die Zecke kann’s ja wohl nicht gewesen sein – vergrätzt haben könnte.

Wasser, mein Freund, Wasser war es, banales Wasser aus der Leitung, das jemand nicht bekam, der Durst hatte. Tut man nicht. Ist nicht nett. Ist sogar verdammt unnett und verprellt mich. Macht mir schlechte Laune. Nachhaltig. Andere Butzen haben auch nettes Essen. Hier in der Gegend sowieso. So schnell geht das manchmal. Adeus camarada.