Escort

Der Wind weht freundlich heute. Ich sitze am Hafen irgendeiner südfranzösischen Stadt. Es gibt Muscheln. Austern. Meeresschnecken. Gebratenen Barrakuda. Frittierte Sardinen. Karaffenweise Weißwein. Ich bin schon wieder besoffen wie schon seit Tagen, wie eigentlich jeden Abend, jeden Nachmittag bereits, um es ganz genau zu nehmen. Der französische Wein. Aus dem Schlauch. Der Gute. On ne peut pas faire mieux.

Die Austern zucken noch beim Servieren. 50 Cent nehmen sie hier für eine. Die Schnösel im KaDeWe zahlen das siebenfache. Ich will hier wohnen. Sagte ich das nicht schon?

An einem Tisch in meiner Blickrichtung sitzt ein sehr hässlicher alter Mann. Bierplautze, schlechte Haut, Warzen mit Haaren zwischen Nase und der rotadrigen Wange, lange fettige Haare, die er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hat. Wie er es wohl seit 40 Jahren macht. Oder 50.

Er bringt schale Witze, Schwänke aus seinem Leben, Anekdoten aus der Vorhölle seines Daseins, schwülstig-schlüpfrige Komplimente als Liebesgrüße aus der Lederhose. Fips Asmussen als Franzose, freue ich mich innerlich einen Keks für den Vergleich, Fips Asmussen, genau der, nur ohne Pudelkopf, dafür mit Schenkelklopfern aus einem Leben, das er wahrscheinlich gar nicht führt. Er will wohl so eine Art Wirtschaftslenker darstellen, einen Patriarchen aus einer anderen Zeit, eine personifizierte Herrentorte. Seine Slipper haben Bommeln.

Sein Auditorium besteht aus seinem Sohn, blass, dürr, pickelig, gehemmt, jetzt schon strähnige Haare, der seine Fingernägel bis weit ins Nagelbett runtergekaut hat, und zwei auffallend schönen Frauen in langen Sommerkleidern. Sie kennen sich nicht, die beiden Welten, die sich hier gegenüber sitzen, denn die Konversation läuft schleppend, der Alte sagt was und alle fallen in sein Lachen ein, dann ist kurz Ruhe, die Art von Ruhe, die kaum jemand aushält, schon gar nicht der Alte, denn es kommt wieder ein Ding, darauf wieder ein gemeinsames Lachen, dann wieder, dann wieder. Holprig. Ein ständig aussetzender Monolog mit Echo. Einer redet Blech, die anderen mimen die Claqueure, weil sie es müssen. Es ist oft so, meistens am Arbeitsplatz, aber zu oft auch in Familien. Oder hier, in dieser besonderen Konstellation.

Ich beginne unwillkürlich zu mutmaßen, was hier läuft: Alpha-Papa zeigt Zeta-Sohn wie der Hase läuft. Wo es lang geht. Wo der Barthel den Most holt. Der Hammer hängt. Frosch. Locken. Gut jetzt.

Ich kombiniere. Zwei zu gut angezogene Frauen. Ein Nachmittag mit viel Essen, viel Alkohol. Ich sehe Champagner. Krustentiere. Das kostet nicht zu knapp. Vielleicht ist der Abend ein Geburtstagsgeschenk. Zur Volljährigkeit endlich die Entjungferung. Für jeden eine. Oder so.

Ich schaue hin, sauge die Szenerie auf, weil mich Situationen wie diese faszinieren, denn sie geben den Blick in eine Welt frei, die anders tickt. Von der man immer nur hört. Oder liest. In schlechten Romanen.

Offenbar habe ich zu lange geschaut, denn eine der Frauen blickt zurück. Dann lacht sie wieder über irgendetwas. Laut. Fast natürlich. Sie macht ihre Sache gut. Ihre Gegenüber nehmen ihr die Show ab. Sie lacht über alles, jeden schäbigen Gag, jede anzügliche Geschichte. Nicht zu künstlich, fast so, als fände sie den schalen Unsinn wirklich witzig. Muss sie ja. Sie versteht ihren Job. Unsere Blicke begegnen uns wieder. Sie schaut mit ihren immer ernst gebliebenen Augen zu mir. Ich deute ein Lächeln an. Verstehe. Kurzes Zucken der Mundwinkel bei ihr. Sie versteht, dass ich verstehe. Dann geht der Moment vorüber. Minimalkonversation im Rahmen des Möglichen.

Wäre die Situation eine andere, würde sich ein Gespräch ergeben, eines wie es leider selten stattfindet, eines, in dem wirklich jemand etwas erzählen kann, etwas zu erzählen hat, anstatt zu langweilen wie die meisten, wie ihr Gegenüber es mit Bravour tut, wie es wahrscheinlich die meisten mit ihr tun. Und mit mir.

Ich trinke die Restpfütze Weißwein aus, lege einen Schein auf den Unterteller und stehe auf. Ich muss aufbrechen, morgen geht es zurück, morgen wird wieder Berlin sein. Anderer Ort, andere Geschichten. À bientôt.

 

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