Grusel mich doch, Schönefeld

Wir werden hier in Berlin noch einige Zeit etwas vom guten alten Flugplatz Schönefeld haben – inklusive seines Sauftouristenbombers easyjet, der hier ein ganzes Terminal belegt. Witze über den nie fertig werdenden neuen Flughafen werden auch langsam schal, je länger das Elend andauert. Dass diese Stadt nichts kann, weiß man inzwischen auch in Tokio, Alabama und Archangelsk. Mitleid hat den Hohn ersetzt.

Immer wenn ich von hier abfliegen muss, fällt mir wieder die grau-neblige Aura des Kalten Krieges ins Auge, die das Areal nebst Umfeld immer noch im eiskalten Griff hat, und ich rechne immer noch jeden Augenblick unterbewusst damit, dass entweder Breschnew oder Arafat müde mit greiser Faust aus der goldfensterverkleideten Lounge grüßen.

Weil ich heute das komplette Gruselkabinett dieses anachronistischsten aller Flughäfen dieses Kontinents (danach kommt Paris-Orly, ich erwarte dort immer jeden Moment irgendwelche Revolutionären Zellen, die irgendwelche Geiseln genommen haben und Pamphlete verteilen, die keiner versteht) haben will, gehe ich zu Cindy’s Diner.

Kennen Sie Cindy’s Diner? Das ist diese furchtbar klischeeschwitzende Ami-Fastfoodbude, bei der verstrahlte Touristen verstrahlte Schnappschüsse schießen. So gesehen finde ich den Deppenapostroph des Ladens hier schon wieder konsequent, auch wenn es sehr weh tut.

Dieser Laden spielt, falls Sie das auch mal ausprobieren möchten, die unangefochtene Referenzrolle für den schlechtesten Burger der Region. Schlechter geht nicht mehr und wird nie wieder gehen, es sei denn, ich lege einen halbaufgetauten Tiefkühlbratling auf ein zwei Tage altes Brötchen, ertränke es in Mayo und lasse das Gesamtkunstwerk mit einem Stück durchgeweichtem Eisbergsalat drei Tage im Mauerpark in der Sommersonne durchgaren. Nächstes Mal trinke ich einen lauwarmen Topf Fonduefett, der Effekt dürfte Cindy’s Erlebni’s sehr nahe kommen.

Und weil das alles nicht reicht, wird mir der ganze Scheiß von einer zugehackten Brandenburger Dorfpomeranze mit zentimeterlangen quietschbunten Pornoschaufeln an den Fingern serviert, die verachtungsvolles Desinteresse nicht nur vortäuscht, sondern von Herzen lebt. Kaugummikauend. Dieser ganze Laden ist eine Kriegserklärung an den guten Geschmack und potenziert meinen Schmerz über die Tatsache, dass Schönefeld noch länger als notwendig offen bleiben muss.

Kurz darauf fliege ich mit easyjet.

Fragen Sie mich nicht nach den Gründen, ich mag nicht drüber reden. Sprechen wir dafür kurz einmal eine Binsenweisheit aus: Die Arschgeigendichte ist auf den Flügen von easyjet vergleichsweise hoch, weil jeder Bauer-sucht-Frau-Zuschauer und jeder Bild-Leser, dessen Sinn für zivilisiertes Verhalten noch nicht mal bis zum Eichstrich seiner Sternburg-Pulle reicht, ein Flugzeug dieser Fluggesellschaft besteigt. Keine Ahnung, warum es sich hier konzentriert, aber es ist so.

Und da sitzen sie dann rotgesichtig schwitzend und saufen wie die Deppen in ihren Bumsbombern nach Ibiza oder Malle als wenn es morgen keinen Pfirsichlikör mehr gibt, andere fallen wie die Heuschrecken in ahnungslose Städte wie Mailand, Nizza und Barcelona ein und geben dort dem Bild des hässlichen Deutschen mit ihren billigen bunten Sonnenhüten, Bermudashorts, Sandalen mit Tennissocken und der hinlänglich bekannten großen Fresse unaufhaltsam neue Nahrung.
Aber auch schon während des Flugs laufen sie sich warm, treten von hinten gegen die Lehnen, krakeelen, pöbeln, rülpsen, verschütten ihren Fusel und stopfen ihre stinkenden fünf Doppel-Whopper mit Käse in sich rein, die sie sich aus dem Schönefelder Transitbereich mitgebracht haben, um nicht das obszön überteuerte Designfood im Flugzeug kaufen zu müssen.

Der Deppentransport funktioniert natürlich auch in umgekehrter Richtung. In Friedrichshain versuchen die Asozialen aus aller Herren und Damen Länder, von easyjet via Schönefeld zum Pub Crawl in Berlins Touristensaufmeile Nr. 1 gekarrt, gar nicht erst Stil und Contenance zu wahren und kotzen schon weit vor Mitternacht die Bürgersteige voll bevor sie ihr seelenloses Hotelzimmer im Generator-Hotel am S-Bahnhof Landsberger Allee auseinander nehmen und damit das Bild vom hässlichen Deutschen im Ausland – keineswegs zu meiner Beruhigung – ein wenig relativieren.

Danke, easyjet, für die für 19,99 Pfund aus Manchester hierher gekarrten brüllenden Engländer mit ihren vom Wodka geröteten Pickelgesichtern, die aus dem Generator-Hotelzimmerfenster Hitlergrüße Richtung S-Bahnhof imitieren, danke für die Skandinavier, die auf die Jägermeisterflasche auf dem Bahnsteig pissen, nachdem sie feststellen mussten, dass diese ums Verrecken nicht kaputtzuschlagen ist, danke für die vielen pubertären Hirnkrüppel aus aller Welt, die hier freidrehen, weil hier der Vollsuff nebst Flug dahin so billig ist und in Berlin alles das möglich ist, wofür sie zuhause für eine Nacht in einer Ausnüchterungszelle verschwinden würden, die diese Stadt offenbar in die Hauseingänge der bemitleidenswerten „Szenekieze“ outgesourcet hat.

Die Opas, die sowieso schon seit Jahren wie Zentrifugen in ihren wurmstichigen Särgen vor sich hin rotierten, krächzen nun ohne Unterlass im Kanon: „Das gab es aber früher nicht.“ Yup, das ist so. Es wird eben nicht immer alles nur besser. Tourismus zum Beispiel. Von Schönefeld.

 


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