Schade, leider dumm

 
 

Ab und zu mache ich mich unbeliebt. Zum Beispiel wenn ich auf Partys, auf denen jeder seinen Nebenmann stundenlang zu Tode langweilt, damit beginne, vorsätzlich Wahrheiten auszusprechen anstatt sinnlosen Smalltalk zu führen. So etwas mag niemand und die Leute werden schnell unleidlich.

Manchmal sind es Lehrer, die das Pech haben, mit einem leider erst halbleeren Proseccoglas neben mir zu stehen und Nichtigkeiten und Allgemeinplätze in die wenig interessierte Welt blasen zu müssen, denn ich vertrete eine Position zu ihrem Wirkungsbereich, die bei ihnen qua Amt nicht gut ankommen kann: Leider dumm. Konkret: Ein Großteil der Azubi-Bewerber für den Ort, an dem ich arbeite und den ich Borgwürfel nenne, ist ungebildet.

Ungebildet, ja.

Oder dumm wie Stulle, wie wir hier in Berlin sagen.

Ich habe keine Ahnung, ob die Mittlere Reife in dieser Stadt inzwischen bei einer Tombola auf Wowis Hoffest verlost oder beim Kauf des zehnten Kastens Sterni zusammen mit einem Nackte-Titten-Feuerzeug und einer Vuvuzela gratis dazugegeben wird, aber sie kommen mit irrwitzig guten Noten zu mir und wissen nichts. Ich kann mir nicht helfen, aber sie verramschen offenbar die Abschlüsse in dieser Stadt. Wer hat noch keine Mittlere Reife? Hier, nehmen Sie, zwei für eine, falls Sie noch einen Cousin haben, der eine braucht. Es muss so sein. Sie verkloppen die Dinger. An jeden, der sie haben möchte. Wahrscheinlich weil sie keinem mehr weh tun können. Und durchfallen tut weh, deswegen darf das keiner mehr. Also schleppen sie inzwischen jeden Bildungsresistenten von Klassenstufe zu Klassenstufe. Watte. Mehltau. Konsensgesellschaft. Die Nanny-Gesellschaft hat für alle ein Herz und gibt jedem seinen Abschluss, der einen will.

Offenbar auch denen, deren Bewerbungen ich auf dem Tisch habe und bei denen ich so schmerzfrei bin, sie zum Gespräch einzuladen, auch wenn ihre Anschreiben trotz der obligatorischen Note „Gut“ in Deutsch fohr Felern fast unlesbar sind. Doch ich lade sie ein, alle, ich schau‘ mir das Trauerspiel an. Um mal wieder zu sehen wie schlecht es steht. Ich will dem Bildungselend dieser Stadt ins picklige Gesicht sehen, in ihre ausdruckslosen Mienen, dummgespült von Heidi Klum, Katzenberger, Ronald Schill im Big Brother-Container und den Scripted Reality-Hirntötern vom RTL2-Nachmittagsprogramm.

Der Betriebsrat und der langhaarlockige Jugendvertreter mit dem Gummibärchengesicht sind in dem Schauspiel, das wir regelmäßig zum neuen Ausbildungsjahr aufführen, für die kuschelige Wohlfühlnummer zuständig. Sie fragen nach Hobbys. Musikgeschmack. Wie hat es Ihnen denn auf der Schule gefallen? Haben Sie einen Hund?

Ich bin die Drecksau. Good cop – bad cop. Ich bin der bad cop, der, der den Schädel des Verdächtigen im Vorbeigehen mit dem Ellenbogen gegen die Tischplatte knallt, der das Rauchen verbietet und sich selbst eine ansteckt, der, der sie grillt, sie peinigt, ihnen ein Stahlbad einlässt, weil er ihre Schwächen kennt, weil er weiß, wo es ihnen weh tut.

Denn ich frage sie nach Politik.

Politik.

Die Jugend. Politik. Großartig. Darauf muss man erst mal kommen. Die erste vollkommen entpolitisierte Jugend dieser Stadt fragt der ausgerechnet so etwas komplett Abwegiges.

Sicher mache ich das, denn ich weiß ja vorher, dass sie nichts wissen, dass sie voraussichtlich keine einzige Frage beantworten werden können, aber ich mach‘ es trotzdem. Oder extra deswegen. Andere würden nach ein paar Minuten raumgreifender Frustration umschwenken. Was anderes bringen. Motivation. Lieblingsfach. Stärken. Wo sehen Sie sich in 80 Jahren? Lieblingssendung. Lieblingsspielkonsole. Lieblingscastingshow. Eine leichte Posteingangsübung maximal.

Ich nicht. Ich frage immer weiter nach Politik. Und ich höre ums Verrecken nicht auf.

Wer ist denn der Regierende Bürgermeister von Berlin? Na? Nein, nicht Merkel. Das ist die Bundeskanzlerin. Ja, sie heißt Merkel. Nicht Makel, auch wenn das gut passen würde. Kommen Sie. Der Regierende Bürgermeister von Berlin. Wer ist das denn? Na überlegen Sie doch mal. Ein Tipp: Sieht ein bisschen aus wie ein Teddybär und tut auch ungefähr so viel wie einer. Nein? Wissen Sie nicht?

Halten wir hier mal kurz inne und fest: Der überwiegende Teil unserer Bewerber kennt Wowi nicht. No way. Sie kennen ihn nicht. Sie wohnen in dieser Stadt und wissen nicht, wer hier Bürgermeister ist. Hey, ich gehe nicht einmal wählen, aber ich kenne trotzdem den Pleppo, der seit 13 Jahren an der Spitze dieser absurden Stadt dilettiert. Das muss doch drin sein.

Aufhören? Nein. Wenn ich in Fahrt bin, bin ich in Fahrt. Dann rollt die Rote Armee und Königsberg geht in Flammen auf. Welche Parlamente dürfen Sie denn wählen, wenn Sie 18 sind? Flüchtlingsproblematik ist Ihnen ein Begriff? Was ist denn da in letzter Zeit so los gewesen in Berlin? Sozialabbau? Mieterverdrängung? Zu speziell, okay, probieren wir es anders: Wissen Sie, wo der Nahe Osten liegt? Und was ist da gerade los? Ukraine? Schon mal gehört? Nein, das sind keine scharfen Würstchen von Netto, Sie meinen wohl Käsekrainer, haha, Ukraine, das ist ein Land, jetzt schauen Sie doch nicht so überrascht, hinter Polen liegt das, gar nicht weit weg. Polen kennen Sie aber, oder? Ja, genau, das sind die mit den Kippen und den Tankstellen.

Puh, so wird das nichts, stochern wir mal im Nebel: Können Sie außer Frau Merkel ein Mitglied der Bundesregierung nennen? Wie viele Bundesländer gibt es eigentlich? Können Sie ein paar nennen? Was verbinden Sie mit Brüssel? Als letzte Hoffnung bleibt Multiple Choice: Ist John Kerry ein irischer Käse oder ein amerikanischer Außenminister? Na bitte, es geht doch.

Doch irgendwann gebe auch ich mal auf und frage nach dem Gebilde, in dem sie ausgebildet werden wollen: Wissen Sie, wer der Geschäftsführer von diesem Laden hier ist? Was macht eigentlich so ein Geschäftsführer? Wissen Sie, was CEO heißt? Und wie ist der Borgwürfel strukturiert? Wissen Sie, was wir eigentlich hier genau machen? Wir waren kürzlich in den Medien, wissen Sie weswegen? Warum wollen Sie denn ausgerechnet bei uns anfangen? Was hat denn die Frauenbeauftragte für Aufgaben? Wissen Sie nicht? Okay, geschenkt, zumindest das geht mir auch so.

Boxenstopp: Wie Sie sehen, wissen sie nichts. Ich habe keine Ahnung mehr, was ich noch fragen soll. Sie checken vor dem Gespräch nicht mal Google News und lernen irgendwelches Zeug auswendig. Sie bereiten sich kein Stück vor und können nicht einmal erklären, warum sie in unserem Laden ihre Ausbildung machen wollen. Okay, ich weiß auch nicht, wie ich hier reingeraten bin und was ich hier eigentlich tue, aber ich kann wenigstens halbwegs gut so tun als könnte ich das erklären. Face it, in der Gesamtschau der Dinge müssen wir wohl froh sein, dass die, die hier sind, die richtige Adresse hatten und den Weg hierher gefunden haben. Mehr ist nicht drin.

So ist die Situation. Sie haben keine Chance. Last Exit Jobcenter. Ein riesiges Heer von Ungebildeten. Einer dümmer als der andere. We love to entertain you. Sie wissen nichts, haben keinen Schimmer von irgendetwas außerhalb ihres bittersüßen Kosmos‘ zwischen Timeline und Daddelkiste und sind nicht die Bohne auf den Ort vorbereitet, der sie einstellen soll. Den intellektuellen Untergang des geistig abgehängten Teils einer Generation so direkt zu erleben ist ein Erweckungserlebnis für Berufspessimisten und ein Moment der Ekstase für Zyniker.

Und so stelle ich fassungslos meine sinnlosen Fragen und fange mir böse Blicke vom watteweichen Betriebsrat und vom berufsempörten Jugendlockenkopf ein, den wir vor einigen Jahren übernehmen mussten obwohl er der schlechteste Azubi war, den ich hier je erlebt habe, was ich schon wieder Punkrock finde, weil ich es war, der ihm den Wink mit der Jugenddingsdabumsvertretung gegeben hat, und der Typ mir somit gerade als lebender Bumerang auf die Füße fällt.

Huhu, kuckt doch böse, Wattewerfer, ich höre erst auf, wenn jemand weint oder aufsteht und geht. Oft ist es beim Matheteil soweit. Rechnen Sie doch mal 30 x 14. Brauchen Sie Zettel und Stift? Lassen Sie doch das Smartphone in der Tasche bitte. Das schaffen Sie schon. Nicht? Och schade.

Oder ich bringe als Knockout, wenn einer immer noch wie festgetackert auf dem Stuhl sitzt und leidet, anstatt mit dem Rest seiner Würde endlich aufzustehen und zu gehen, ein Diktat, in das ich Fremdwörter einstreue. Fremdwörter sind der Killer. Für jeden von ihnen. Sie können kein einziges, nichts, gar nichts. Keine Ambivalenz. Keine Subsumtion. Keine Assoziation. Kein Komplementär. Rekursiv. Adäquat. Dilettant. Nix.

Ich weiß nicht, was die da lernen auf ihren runtergrockten Schulen ihrer runtergerockten Stadtbezirke und ich weiß nicht, wer ihnen zusätzlich zu einem wachen Geist auch noch das Rückgrat genommen hat, denn sie sagen nichts, sie leiden nur still und erzählen maximal, dass sie gern mal heiraten und Kinder wollen, wenn ich nach irgendwelchen Lebenszielen frage. Bis dorthin geht nämlich der Horizont. Mehr wollen sie nicht und mehr stellen sie auch nicht dar. Fast wirkt es, als haben sie abgeschlossen. Was für ein Jammer. Hier sitzt eine vollkommen devote Jugend, bieder, brav, ungebildet und vernachlässigt. Wer hat das zu verantworten? Ist das Absicht? Von wem? Und wie haben sie das geschafft?

Typen, die aus der debilen Masse herausstechen, gibt es natürlich, doch die kippen gleich komplett ins Absurde und ich muss mich selbst daran hindern, wahlweise lachend vom Stuhl zu fallen oder meinen Kopf auf der Tischplatte blutig zu schlagen:

„Was machen Sie, wenn Ihnen ein Kollege sagt, dass er Sie für inkompetent hält?“ „Versteh isch nich.“ „Inkompetent heißt unfähig. Was machen Sie?“ „Isch hau‘ dem aufs Maul.“ „Ah ja, danke schön, wir melden uns bei Ihnen.“ („… senden wir Ihnen zu unserer Entlastung Ihre Unterlagen zurück …“)

„Was sind denn Ihre Ziele im Leben? Was wollen Sie erreichen?“ „Fussballa, ick will Fussballa wer’n.“ „Toll, warten Sie bitte draußen, wir sagen Ihnen gleich, ob Sie bei uns anfangen können oder nicht.“ („Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht und uns leider…“)

„Könn‘ Sie mir dit unnerschreim’n?“ „Ah, das Jobcenter, sicher, bitte setzen Sie sich.“ „Na, ick will jar nich bei ihn anfangn’n, ick brauch‘ nur den Schein.“

Manchmal schaue ich neidisch auf den Personaler, der die Juristen und BWLer einstellen darf. Die wissen vielleicht ab und zu einmal eine Antwort auf irgendwas, weil die Unis noch nicht ganz so wundgefickt sind wie die Schulen. Mein Klientel jedoch weiß nichts und kann nichts. Es ist leider … darf ich das aussprechen, darf ich, darf ich … komm, ich mach’s einfach: Dumm.

Das alles so zu formulieren ist einseitig. Polemisch. Tendenziös. Sicher. Denn natürlich gibt es Lichtblicke. Fünf bis sechs jedes Jahr. Denen mache ich ein Angebot – übrigens seit Jahren ausschließlich junge Frauen. Junge Männer, die meinen Weg kreuzen, sind tatsächlich zu dumm. Alle. Ohne Ausnahme. Machen Sie damit, was Sie wollen. Ich stelle nur fest.

Nach einem solchen Tag, an dem ein wandelnder Totalausfall nach dem anderen ins Büro und wieder raus schlurft, habe ich große Lust, mich zu betrinken. Das was da heranwächst, taugt allerhöchstens für einen ordentlichen Riot in den Außenbezirken, wenn die Kohle irgendwann nicht mehr fürs Kabelfernsehen, das Wettbüro und den Kräuterlikör von Lidl reicht. Dann brennen sie die Banlieues von Höhenschönhausen bis Mahlsdorf nieder und tragen die Flachbildkisten aus dem Saturn. Und danach werden die Mittel für die Bereitschaftspolizei aufgestockt. Wait for it.

 


Für den Fall, dass Sie nicht satt geworden sind: Georg Schramm