Brandenburgs ominöse Westernstadtdollars

Eine Westernstadt. Mitten im Märkischen Sand. Mitten im Nichts. Zwischen mit dem Mut schierer Verzweiflung betriebenen Hofläden, EU-geförderten Landstraßen durch endlose Wälder, menschenleeren Dörfern und den unvermeidlichen Rapsfeldern für den Kleinwagentank.

Peng Peng. So richtig viel los ist nicht. Wahrscheinlich subventioniert man hier in der Brandenburger Ödnis wieder einmal irgendeinen feuchten Traum irgendeines Landrats, der irgendwen kennt, der versorgt werden muss. Immerhin ist es kein Flughafen geworden in diesen Zeiten, in denen fast jeder Landkreis seine eigene ausgestorbene Billigfliegerpiste für nicht existierende Luftfahrtpassagiere baut, während Berlin nicht einmal … ach … Berlin, selbst die Witze darüber sind fad geworden.

Doch ich bin heute sehr friedlich gestimmt, denn es gibt Schweinchen. Ganz kleine Schweinchen. Und ich mag Schweinchen. Schauen Sie mal:

Schweinchen sind viel besser als die Videos von Katzen, Ottern, Faultieren oder geplatzen Walfischen an Stränden, die seit Jahren in einer Art sadistischen Endlosschleife durch Timelines, Messengers und seichte Clickbaitblogs geprügelt werden. Kuck mal, ein Kätzchen rollt ein Wollknäuel lol glg hdgdl.

Als ich gerade sinnlos in der Sonne rumhänge, minutenweise älter werde und überlege, was ich als nächstes esse, fällt mir ein Schild auf:

Liebe Gäste, in der Bank können Sie Dollar eintauschen, schreiben sie.

Mit diesen Dollars muss ich die Dienstleistungen der Westernstadt bezahlen, werde ich später erfahren: Fotos in Verkleidung machen, mit der Kutsche fahren, Bogenschießen, Goldwaschen, Ponyreiten und was weiß ich noch. Nur für diese Dienstleistungen brauche ich die Westernstadtdollar. Alle Waren sowie alles, was verzehrt wird, bezahle ich mit regulären Euro aus der Brieftasche.

Warum es hier zwei Währungen gibt?

Na kommen Sie. Das kriegen Sie raus. Warum?

Klar: Der Betreiber traut seinen Mitarbeitern nicht. Keinen Zentimeter. Einen anderen Grund sehe ich nicht, schon gar nicht den einer Vereinfachung, denn es ist keine.

Und für die Waren brauchen sie nur deshalb keine Dollar, weil die Gegenstände genau erfasst und inventarisiert sind. Da kann kein Mitarbeiter irgendwas in die eigene Tasche stecken, ohne dass es irgendwann auffällt.

Anders ist es bei den Dienstleistungen. Keiner kann kontrollieren, wie viele Bogenschüsse verkauft werden. Oder wie oft jemand in der Kutsche sitzt. Auf dem Pony reitet. Gold wäscht. Außer man stellt jemanden ein, der daneben steht und den, der die Dienstleistung ausführt, kontrolliert. Aber den müsste man auch wieder durch jemanden kontrollieren, der wiederum kontrolliert werden müsste und das kostet und kostet und kostet und führt ja zu nichts.

Deswegen tauschen wir Gäste echtes Geld in Westerndollar. Nur weil der Arbeitgeber seinen Mitarbeitern nicht traut, müssen wir Spielgeld eintauschen, mit dem diese außerhalb der Westernstadt nichts anfangen können. Rätsel gelöst.

Es beruhigt mich manchmal, eine sinnvolle Erklärung für Dinge zu finden, die mir auf den ersten Blick unverständlich erscheinen und ich frage mich, ob es hier früher einmal eine Vertrauenskultur gegeben hat, die von ein paar chronisch unterbezahlten Verwegenen planiert wurde, oder ob ein Paranoiker diese Regelung von Beginn an installiert und eine Vertrauenskultur gar nicht erst entstehen lassen hat. Wahrscheinlich zweiteres. Es war bestimmt wieder ein BWLer. Denen traue ich die Überwachung der Toilettengangszeiten zu, um zu erfassen, wer wie lange kackt.

Würde ich es auch tun, würde mir die Westernstadt gehören? Vertrauen? Heute? Hier? Das System sieht wasserdicht aus, die einzige Schwachstelle ist die Dollar-Tauschkasse, aus der heraus unterschlagen werden könnte. Aber da sitzt mit Sicherheit einer der wenigen, die man hier für vertrauenswürdig hält. Die Mama. Oma. Der Landrat. Oder der BWLer selber.

Peng Peng. Mich streift also heute wieder einmal die hässlich-nackte Realität, hinter deren drolliger Fassade der Abgrund hervorlugt. Auf einem kleinen blöden Schild.

Und dann hole ich mir erst mal noch ein Bier und zahle mit Euro, bevor ich in die Kutsche steigen und mit Westernstadtdollar bezahlen werde. Howdy.

 


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