Freiheit. Angst. Oder wann ist eigentlich alles egal geworden?

Es ist wohl eine Binse, dass mit zunehmendem Alter vieles egal wird. Manche meinen sogar, es wäre alles egal irgendwann – in einem Rutsch von Desillusionierung über Gelassenheit zum Nihilismus, die Grenzen sind fließend.

Kürzlich fiel mir auf, dass ich gar keine Nachrichten mehr schaue. Früher war das Heute-Journal Pflichtprogramm. Und wenn es nur zum Einschlafen war. Blablabla Rentenpaket blablabla Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst blablabla schnarch.

Dann kam die Bankenkrise. Und das Heute-Journal bezog Position: Kaum Kritik an den unanständig gierigen Banken und Konzernen, dafür aber ordentlich Keile für faule Griechen und die Umetikettierung der Banken- in eine Staatsschuldenkrise. Ich wollte das immer seltener sehen. Das Heute-Journal lief aus. Schleichend. Zapp. Ah, der Kleber und die Gause machen wieder Stimmung für die Wirtschaft und gegen die, die eh schon wenig haben, und – bah – der ekelhafte Hundt ist auch wieder da, bekommt seine drei Minuten Redezeit und erzählt uns Märchen, aus welchen Gründen es nun schon wieder keine Lohnerhöhungen geben soll, ich schalt‘ mal lieber aus und mache den Feedreader auf, das versaut mir nicht so die Stimmung vor dem Einschlafen.

Oder die Tagesschau. Früher ’ne Bank. Gong. Pflichttermin. Must view. Doch sie lief etwa zeitgleich aus. Gleicher Grund. Wir waren nicht mehr kompatibel, dabei bilde ich mir ein, mich gar nicht so sehr verändert zu haben mit den Jahren. Also muss es die Tagesschau sein, die anders geworden ist. Blöder. Oberflächlicher. Tendenziöser. Oder ich werde einfach alt und falle aus der Zielgruppe, das kann natürlich auch sein.

Wahlen wurden mir auch irgendwann egal, das war zu der Zeit, als mir aufging, dass Rot-Grün eine Politik an den Start brachte, die sich Helmut Kohl nie getraut hätte – aus Angst, dass ihm sonst das ganze Land um die Ohren fliegt. Hartz IV. Auslandseinsätze der Bundeswehr. Deregulierung der Finanzmärkte. Senkung der Steuern für Reiche. Anti-Terror-Pakete. 1998 habe ich Schröder gewählt und mich gefreut, dass der Dicke weg war, dessen anachronistischer Anblick mich mein ganzes Leben lang genervt hat. Bekommen habe ich Law & Order, lupenreinsten Neoliberalismus zugunsten der Oberschicht und als Gimmick das Dosenpfand. Rot-Grün als die besseren Konservativen. Nicht mal das Kiffen legalisiert haben sie.

Noch einmal mitgespielt habe ich zu den Wahlen in Berlin 2001, doch auch das war ein Desaster: Ich habe Wowereit gewählt, weil diese Zehlendorfer Sumpfeulen aus der verfilzten CDU ohne Würgereiz nicht mehr anzusehen waren. Bekommen habe ich einen verschlumpften Proseccokönig, dem die Stadt, die er regiert, vollkommen egal ist und dessen Kettenhund Sarrazin mit kanisterweise Entlaubungsmittel für das gewachsene Gemeinwesen dieser Stadt die Voraussetzungen dafür schuf, weswegen sie heute sozial kippt. Sie sehen also: Ich habe zwei traumatische Erfahrungen als Jungwähler im Gepäck und wähle deshalb nicht mehr. Ist mir egal geworden, wer sich in der Belétage die Taschen voll macht. Das hat mit mir nichts mehr zu tun.

Auch Demonstrationen wurden mir irgendwann egal. Ich hatte es satt, immer wieder mit den immergleichen Routiniers der verschiedenen Betonkopffraktionen in Phrasen erstarrter Splitterparteien in einer Reihe zu stehen, jeder mit anderen Flugblättern, mit deren bleiernem Frontkämpferduktus sie diejenigen zu überzeugen gedachten, die eh schon da waren. Immer dieselben Gruppen mit je fünf Mitgliedern und ohne Schlagkraft gaben ihre Stelldicheins wie bei irgendwelchen Familienfeiern, auf denen sich auch alle spinnefeind sind und sich die Messer in die Rücken stoßen. Sie hetzten gegen ihre jeweiligen Nachbarn und manchmal gegen die eigenen Leute als ginge es gegen Diablo. Abstoßend. War ich durch mit.

Und doch habe ich es noch einmal probiert, letztes Jahr, Freiheit statt Angst, weil ich empört war, ehrlich empört, sauer, zur Revolte bereit, ernsthaft, wenn Snowden kein Signal ist, was dann? Doch es endete furchtbar. Mit mir latschten ein Häufchen Verstreuter, die FDP, die Grünen und die damals schon auf dem Weg zum menschlichen Abgrund befindlichen Piraten durch ein ausgestorbenes Senatsverwaltungsghetto ohne den Hauch einer Außenwirkung. Es war eine verfluchte Friedhofsprozession mit Club Mate in der Hand, die für diesen Effekt auch durch den Tegeler Forst hätte laufen können.

Ja, vieles ist mir egal geworden. Die Meinungskakophonie meines Umfelds zum Beispiel auch. Mir egal. Ich überzeuge niemanden mehr. Ich gebe keine Erklärungen mehr zu Dingen ab, die mich früher mal gestört hätten. Eine Kollegin hat Neger gesagt? Und danach kichert sie blöd „Hihihi, das darf man ja heutzutage nicht mehr sagen“? Ein anderer gibt zu Protokoll, jetzt müsse nun bald mal Schluss sein mit dem Aufnehmen von Flüchtlingen und das wird man wohl doch auch mal s…? Nationalmannschaft? Hurrapatriotismus? Leistung muss sich wieder lohnen? Kaum gestohlen schon in Polen? Florida-Rolf? Zigeunerschnitzel mit Hottentottensoße? Mir egal. Ich sage nichts mehr. Ich konnte in meinem ganzen Leben keinen einzigen Menschen von irgendwas überzeugen. Trotz durchgemachter Nächte rauschender Diskussionen. Im Zigarettenrauch von Kneipen, Studentenclubs, WG-Sofas. Kein einziger hat je gesagt „Hey, tolle Argumente, ich glaube, du hast recht.“ Nix. Kein Erfolg. Nur eine Art Waffengang. Schlachten ohne Sieger. Müde Krieger im Morgengrauen hinterlassend. Und keine Seele überzeugt, nicht einmal einen kleinen Angestellten von der Offensichtlichkeit, dass die FDP für ihn keine gute Wahl ist. Eigentlich ein Elfmeter, aber keine Chance. Er möchte sie wieder wählen.

Ich bin also durch mit der Diskutiererei. Ich sage nichts mehr. Für nichts. Gegen nichts. Sie können mich meinetwegen zur WM im Gesicht anmalen, mich auf den Kudamm schleppen, um ihre Nationalmannschaft zu feiern, ich sage nichts mehr, ich versaue niemandem mehr die Stimmung, mir ist fast alles egal geworden, die ganzen Aufreger, die fünfzehntausend Petitionen jede Woche zu irgendeiner der fünfzehn Millionen Ungerechtigkeiten in der Welt, die ich zeichnen soll, die ganzen Aufgeregten, die irgendwem irgendeinen Ismus vorwerfen, Sexismus, Klassismus, Ableismus, Ageismus, Fickdichismus. Ich mag nicht mehr, mir ist das egal, sie regen sich jeden Tag wieder über etwas neues auf, heute diese Sau, morgen einen andere, Wulff, Merkel, Diekmann, Gauck, Gabriel, Honkiponk, irgendwer, der irgendwas zu irgendwem bei Twitter gesagt hat. Wenn die Aufreger nicht aufpassen, erleiden sie reihenweise Herzinfarkte bevor sie 40 sind. Während ich nur das Geschrei leid bin.

Am Wochenende ist wieder die jährliche „Freiheit statt Angst“-Demo. Am 30. August 2014 um 14 Uhr vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Sieh an. Sie haben gelernt. Sie sind jetzt da wo es weh tun könnte, nicht mehr wie letztes Jahr in der Politbrache des Beamtengrabs der Berliner Senatsmumien. Überwachung. Snowden. NSA. Es ist eines der wenigen Themen, die mir noch nicht egal geworden sind. Ich bin müde, sicher, aber noch nicht so müde, dass ich da nicht hingehe.

Vielleicht kommt das ja noch und auch die Totalüberwachung wird mir irgendwann egal (ich hab‘ ja nix zu verbergen, gnarf gnarf), aber noch ist es nicht so weit und ich werde meinen Arsch tatsächlich vom Schreibtisch, vom Fitnessstudio, vom Borgwürfel, aus dem Restaurant oder wo auch immer ich gerade sein werde, ans Brandenburger Tor bewegen. Dann steht da einer mehr, der zum Ausdruck bringt, dass es ihm nicht passt, dass er immer noch da ist und man ihn noch nicht vollständig sediert hat – unter dem unerträglichen Mehltau, der diese ganze bräsige Republik bis in die letzten Ritzen vermuffter Ikeasofas erfasst hat.

Sehen wir uns?

https://freiheitstattangst.de/aufruf/


 

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