Prenzlauer Bergs tieffliegende Übermütter

Dass Sie als Vater in Prenzlauer Berg in Reputation und Seriosität auf der Stufe eines alkoholkranken Zirkusclowns mit Blumenkohlohren und Mundfäule rangieren, wird Ihnen spätestens dann klar, wenn Sie mit Ihrem Kind alleine, also ohne den echten Elternteil (Mutter respektive Oma) unterwegs sind. Ihr Kind ist Freiwild. Was Sie wollen oder nicht wollen, spielt keine Rolle.

Seit ich Vater bin, fassen fremde Frauen mein Kind an. Von den altbekannten Müttern bis zu den berüchtigten Omas. Beim Einkaufen. Beim Spazierengehen. Auf dem Spielplatz. Fremde Frauen zupfen meinem Kind die Hose zurecht, wenn ein Hosenbein hochgerutscht ist, putzen meinem Kind die Nase, stecken ihm Gummibärchen zu, ziehen den Reißverschluss der Jacke hoch, tätscheln über die Wange, streicheln über die Haare, rücken das Mützchen gerade. Und geben ungefragt Erziehungs- und Ernährungshinweise wie diese: Sie können doch dem Kind keine Erdnüsse geben (Salz!). Sie geben dem Kind doch nicht etwa Fanta (Zucker!)? Sind Sie sicher, dass die Jacke warm genug ist (Spätsommer!)? Legen Sie doch das Kind schlafen, es ist müde (Rabäää). Nehmen Sie es hoch, es will Kontakt (Rabäää). Ist die Windel etwa voll (noch mehr Rabäää)?

Bevor Sie fragen: Männer machen das nicht. Klar. Kind anfassen – Polizei – Kinderschänder. Eine Linie. Klare Sache. Macht kein Mann, der bei Verstand ist. Nie.

Als Vater sind Sie bei diesen Interventionen der tieffliegenden Übermütter Prenzlauer Bergs nur Statist und offenbar maximal dafür da, dass das Kind nicht ganz ohne Aufsicht durch den Bezirk latscht. Sie sind quasi ein besserer Babysitter, aber auf jeden Fall einer, den man nicht für voll nehmen muss – ein nicht geschäftsfähiger Babysitter, wenn Sie so wollen.

Das alles weiß ich und nehme es hin. Hier fliegen eben Mütter durch den Bezirk, die es als ihre Aufgabe sehen, sich aus irgendwelchen Gründen auch um mein Kind zu kümmern. Das geht soweit klar.

Meistens.

Doch gelegentlich gibt es Situationen, da gelingt es mir nicht so ganz, die Dinge hinzunehmen wie sie sind.

Mein Kind lernt gerade Fahrradfahren. Ohne Stützräder natürlich, weil Stützräder den Gleichgewichtssinn versauen und es umso schwieriger wird desto später man so ein Kind davon entwöhnt. Ich habe von Anfang an darauf verzichtet, was zur Folge hat, dass das Kind zwar recht schnell fahren gelernt hat, aber noch ab und zu auf die Fresse fliegt. Passiert. Ist nicht schlimm. Gehört dazu. Ohne Hinfallen kein Aufstehen kein Lernprozess. Es klappt gut. So ein Kind ist tapfer, man muss es nur lassen.

Zack. Bomm. Krach. Eine hohe Kante in dieser Mondlandschaft von Berliner Bürgersteig lässt das Vorderrad quer stehen und das Kind liegt da und quäkt.

Noch bevor ich dazu ansetze, entspannt und vor allem ohne Hysterie zum Unfallort zu gehen, um meinem Kind aufzuhelfen, es kurz zu trösten und ihm in Ruhe zu erklären, welche Ursache das Hinfallen hatte, damit es gleich weitergehen kann, fliegen zwei Mütter im Sturzflug auf das Kind zu, kreisen es ein, ziehen es auf die Beine und drücken es ganz fest an sich, streicheln den Kopf, trocknen die Tränen, machen Eieiei.

Das hat eine neue Qualität. Ich habe schon viel erlebt hier an den Rändern der Müttergenesungszonen, die sie anderswo Spielplätze nennen, aber das geht selbst für hiesige Verhältnisse sehr weit. Zu weit.

„Tun Sie mir einen Gefallen und lassen mein Kind los bitte?“ versuche ich mein Glück zunächst bemüht freundlich …

– Rabääh. Heieiei is gut, is ja gut. Oioioioi. Huiuiuiui.

… nur um festzustellen, dass Sie mich ignorieren und weitermachen als wäre außer ihnen niemand hier.

Und dann verfliegt plötzlich meine Contenance. Das passiert nicht oft, aber wenn, dann richtig. Schlagartig. Aprupt. Vollständig. Ich werfe ein geschmeidiges „Boar verpisst euch einfach“ in die Runde und dränge die beiden Eulen ab. Mir hilft dabei meine bewährte Schulter/Ellenbogen-Kombination wie vor der Bühne eines Konzerts, wenn ich weiter nach vorne will und die ganzen blassen Studenten einen nach dem anderen hinter mich schiebe. Erledigt. Die Eulen stehen nun in meinem Rücken und ich habe mein Kind endlich im Arm. Es schluchzt noch einmal kurz, klatscht dann mit mir ab und greift nach seinem Fahrrad.

„Ach? Das ist Ihr Kind?“ schnippt es in einer Art zu mir rüber, die nur Mütter um die Spielplätze Prenzlauer Bergs herum auf Tasche haben – in diesem ätzenden Tonfall aus dem Folterkeller der versammelten Helmholtzplatz-Montessori-Hackfressen mit kreissägenesker Betonung auf dem Satzende, was jedem normalen Menschen das Blut gefrieren lässt, der nicht von hier kommt und deshalb noch keine selektiv geräuschfilternde Hornhaut auf dem Trommelfell zur Aufrechterhaltung des eigenen Seelenfriedens aufbieten kann.

Tick.

Tack.

Ursula von der Leyen erscheint vor meinen Augen. Im Hintergrund ein Flugzeug. Sie könnten alle ihre Schwestern sein. Und ich kann Ursula von der Leyen nicht leiden. Das ist das Schlimmste daran, dass die hier nicht nur alle inzwischen so aussehen, sondern sich auch noch so verhalten wie ich mir vorstelle, dass es Ursula von der Leyen tun würde. Ein Interventionsautomat. Mit diesem Grinsen. Mit diesem eiskalten Grinsen. Und der Kreissäge.

Ich und dieser Bezirk. Wir sind also wieder so weit. Mein Gegenüber geht bereits in Stellung. Hände in die Hüften gestemmt. Kopf leicht geneigt. Einen Fuß herausfordernd nach vorne gestreckt. Empörung blitzt aus den Augen. Eine Auseinandersetzung liegt in der Luft. Über Erziehungsstile. Eigenverantwortung vs. Helikoptereltern. Tapferkeit vs. Verhätscheln. Ich weiß wie das endet, ich habe es durch, ich bin kindercafégestählt, wenn mein Kind das einzige zu sein scheint, um das keine Überväter und keine Übermütter kreisen wie Satelliten, die sämtlichen Unbill des Lebens am liebsten vorbeugend mit Sagrotan beseitigen würden.

Und da stehen sie nun und warten darauf, dass ich mich mit ihnen beschäftige, doch ich sage nichts, ich kommuniziere nicht mehr mit diesem Bezirk. Seit ich diese furchtbaren Gestalten, die hier den öffentlichen Raum dominieren, einfach ausblende, verspüre ich nicht mehr diesen drängenden Wunsch, sie mit ihren Fietsfabriek-Fahrradschläuchen an den Laternenmasten aufzuknüpfen. Nein. Ich bin cool. Stille. Ich rede nicht mehr. Kein Wort von mir. Ich schaue nur noch. Denn das irritiert sie so schön.

Dann trollen sie sich. Wortlos. Es bringt ja auch nichts. Niemand ändert Meinung oder Verhalten, nur weil ich etwas sage. Niemand. Nie. Ich mache es ja auch nicht.


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