Schon gehört?

Ich stehe konsterniert vor einem Schild in den todtraurigen Schönhauser Allee Arcaden:

Schon gehört? Foot Locker ist umgezogen und jetzt eine Etage tiefer zu finden.

Bitte was? Schon gehört?!?!?

Eines ist klar: Der Preis für die realitätsfernste Kundeneinschätzung des Jahres geht mit großem Abstand an Foot Locker. Da kann nichts mehr kommen. Die halten ihren Umzug offenbar für das Dorfgespräch von Prenzlauer Berg.

Wie kann ich mir das vorstellen? Was denken die sich? Dass ich morgens zum miesen Bürokaffee den gerade über den Scheißnamen von Christina Aguileras Kind tratschenden Kollegen brandheiß erzähle, dass Foot Locker umgezogen ist?

„Hey Leute, schon gehört, Foot Locker ist nicht mehr im Erdgeschoss.“ „Oh nein, was werden wir tun?“ „Keine Sorge. Sie sind jetzt im Untergeschoss.“ „Irre. Wir sind gerettet.“

Oder denken die, dass ich in das Büro meines bis zur Stufe seiner Unfähigkeit beförderten Chefs platze und eines der sinnlosen Meetings mit den anderen Luftschauflern mit der brandheißen News unterbreche, dass Foot Locker jetzt im Untergeschoss ist?

„Schon gehört, Chef? Scheiß auf die verheerende Jahresbilanz, verschieben Sie alle Termine, ich hab‘ den Knaller: Foot Locker ist jetzt…“ „Weiß ich schon, wir beraten gerade, was zu tun ist. Machen Sie die Tür bitte von außen zu, hier tagen die Kuchen und die Krümel arbeiten bitte weiter. Es gibt nichts zu sehen und zu denken gleich gar nicht. By the way: Der Kaffee ist alle. Bringen Sie mal neuen?“

Oder so:

„Hallo Schwiegermutter, was? Tsunami? Erdrutsch? Katze eingeschläfert? Nachbar tot? Egal, schon gehört? Foot Locker ist jetzt…“ „Weiß ich doch, Jungchen, ich höre doch das Gras wachsen. Oma Erna aus Pichelsberg hat das gar nicht glauben können und will nächste Woche nach Prenzlauer Berg kommen, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen…“

Man sollte eine Presseerklärung rausgeben, Obama muss sich hier positionieren, selbst Wowi kann diese Entwicklung nicht mehr ignorieren, Foot Locker zieht ins Untergeschoss und in Prenzlauer Berg wird die Milchkrone auf dem Latte sauer. „Schon gehört? Das mit Foot Locker?“ „Ja, ein Jammer, ich habe heute schon mit Torben nach dem gemeinsamen Kressebesingen auf dem Balkon darüber gesprochen, der ist auch ganz betrübt und lässt eine Birkenstocksandale vom Fuß hängen.“ „Und das zu Recht, wir haben heute in der Gethsemane-Feldenkraisgruppe einen Krisenstab gegründet, man weiß ja so wenig…“

Ich finde, das mit den Nichtigkeiten in der Öffentlichkeit muss unbedingt Schule machen. Also werde ich zusätzlich zu diesem Blog demnächst auch Plakate drucken und damit die orangen Sri-Chinmoy-Yogazettel für gelangweilte Mütter an den Laternenmasten und die Plakate für Ü40-Partys auf der Karlshorster Trabrennbahn an den Stromkästen überkleben: Schon gehört? Mein Arschloch juckt. Schon gehört? Ich habe Kekskrümel im Bett. Prinzenrolle! Schon gehört? Ich habe mir den großen Zeh geprellt. Den Puller entzündet. Eine halbe Rolle Klopapier beim Kacken verbraucht. Für einen Hasenschiss. Schon gehört? Pickel hinterm Ohr. Und den krieg‘ ich nicht ausgedrückt. Haare nach Wochen gewaschen. Fußnägel geschnitten. Und dem Obergentrifizierer in den Briefkasten geworfen. Einen gottverdammten Latte Macchiato getrunken. Aber hallo! Mit Zimt! Und morgen nehm‘ ich Vanille! Schon gehört? Ich habe die Blumen gegossen. Über filzige Bioladenkunden gelacht. Einen Joint gedreht. In der Nase gebohrt. Den Popel vom Balkon geschnippt. Glückliche pausbäckige Familie verfehlt. Dumme Plakate gelesen. Und auch noch fotografiert. Es ist Endzeit. Es dauert nicht mehr lange. Nervenklinik, ick hör‘ dir schon. Trap. Trap.

 


 

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