Gastbeitrag: Herzlichen Glückwunsch

Gastbeitrag von pantoufle vom ehemaligen Blog „die Schrottpresse“

Nun ist er also 100 Jahre alt, der Weltkrieg, der erste. Bei all den Dokumentationen, Bilderserien, gelehrten Aufsätzen und Kommentaren bleibt das alles aber seltsam an der Oberfläche. Es mag sich so gar nicht mit dem treffen, wie sich dieser Krieg für mich immer dargestellt hat.

In der oberen Schublade des Wohnzimmerschranks die Paukkarten meines Ur-Großvaters, ein Bild von der Amerikareise der Verbindung, dann die Bilder in Uniform. Ansichtskarten von der Front: Das Essen ist wohl nicht allzu gut, aber man wäre ja bald wieder zu Hause. Nur kurz den Franzmann verdreschen. Zwei Jahre später drischt man immer noch, aber der Uropa ist wieder zu Hause, unabkömmlich als Schlachthofbesitzer. Das eigentümliche Gefühl des Jugendlichen, der seinen wohlgenährten Vorfahren am sicheren, satten Herd sah, wich mit den Jahren der Erkenntnis, daß es wichtiger ist zu überleben. Ganz gleich wie. Auch als Schlachthofbesitzer. Kein Krieg ist so wichtig, als daß es sich lohnen würde, für ihn zu sterben. Oder Weib und Kinder allein zu lassen.

Die dazugehörige Tante traf ich noch lebend. Wir sprachen viel über ihre Zeit damals; sie spielte Klavier. Damals noch mit Inbrunst und Talent und als 14-jährige immer dann, wenn einer ihrer Schulkameraden als gefallen gemeldet wurde. In der Aula ihrer Schule wurde dann der Name genannt – für Kaiser und Vaterland – und sie spielte »Ich hatt` einen Kameraden«. Es wurden immer mehr Kameraden und die Aula immer leerer , bis nur noch sie und eine handvoll Lehrer anwesend waren. Auch die Mädchen kamen nicht mehr. Der Dienst in den Fabriken ließ das nicht zu. Nach dem Kriegsende hat sie nie wieder ein Klavier angefaßt. Ein unauslöschliches Grauen in ihrer Stimme, wenn sie davon erzählte. Sie hat sie alle begraben.

Das erste gelesene Buch, an das ich mich erinnern kann, ist »Im Westen nichts Neues«. Es stand bei den Eltern im Regal – durchaus nicht als Kinderlektüre gedacht, aber als Kind las ich buchstäblich alles, was mir in die Finger kam. Später auch Ernst Jünger. Eigenartigerweise hat mich die relativ unbekannte Fortsetzung des berühmten Antikriegsromans »Der Weg zurück« weit stärker berührt. Nicht der tote Paul Bäumer ist die Botschaft, sondern die der Überlebenden und ihre Unfähigkeit, den Frieden zu begreifen. Die Hitze der Erkenntnis, überlebt zu haben und die Trostlosigkeit, die damit einherging.

Wie sehr mußte man sich eigentlich verbiegen, um im »Fronterlebnis« einen Sinn zu finden? Die Nanny-Gesellschaft des 21. Jahrhunderts hat wieder ihre eigenen Veteranen. Ein Jahr Afghanistan und schwer traumatisiert. Nein, das ist keine Ironie: eben noch McDonalds und 3D-Kino und nun der Taliban mit richtigen Toten. Wer das rückwirkungsfrei wegsteckt, war vorher schon krank. Aber die Vorstellung, es ziehen weltweit Millionen von schwer traumatisierten Menschen in den Frieden, niemand kümmert sich um ihre kranken Seelen und sie werden Ingenieure, Politiker, Ärzte… Hat man eigentlich immer im Hinterkopf, gemordet zu haben wenn man Brot backt, den Verkehr regelt oder eine Lokomotive fährt? Nicht eine kleine, verschwindende Minderheit ist da traumatisiert – Nein: Ganze Völker. Was ist die Menschheit doch für eine widerstandsfähige Gattung?

 


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