Verarsch mich doch (22)

 

Oh, Amazon schreibt:


Guten Tag!

Leider benötigen wir weitere Informationen für Ihr „Verkaufen bei Amazon“-Zahlungskonto.

(…)

Es ist sehr wichtig, dass Sie diese Informationen bereitstellen, damit Sie weiterhin an unserem Programm Verkaufen bei Amazon teilnehmen können. 

Wenn Sie die erforderlichen Informationen nicht innerhalb der nächsten 15 Kalendertage bereitstellen, können Sie Ihr „Verkaufen bei Amazon“-Zahlungskonto nicht eröffnen, und Sie können demnächst nicht mehr bei Amazon verkaufen.


Ich habe vor Jahren einmal ein Verkäuferkonto bei Amazon eröffnet und meine regalfüllende DVD-Sammlung via Amazon vertickert – gerade noch rechtzeitig, bevor DVDs uncool wurden und die keiner mehr haben wollte. Jetzt will Amazon irgendwas von mir. Ich habe nicht reingeschaut, was ihnen genau auf den Nägeln brennt, weil der Zugang seinen Zweck erfüllt hat, aber so wie es klingt wollen sie mehr Daten von mir haben. Und wenn sie die nicht kriegen, werden sie mein Konto dichtmachen.

Ist okay, können sie ja machen. Deren Plattform, deren Regeln. Doch was ich den absoluten Heuler finde, ist die Wortwahl. „Leider“ schreiben sie. Ist mir schon öfter aufgefallen, dieses Nullwort. Alles ist jetzt „leider“. Als stünde eine finstere Macht hinter dem Schreiber, die ihn zwingt, Dinge zu tun, die er eigentlich gar nicht will:

„Leider müssen wir wieder wie jedes Jahr die Überschussbeteiligung Ihrer privaten Rentenversicherung kürzen, die Sie leider in einem Moment besinnungsloser Dummheit bei uns abgeschlossen haben. Heuer leider auf null, der drohenden Negativzinsen wegen, Sie wissen ja, leider leider, oje oje.“, „Leider wird Ihre S-Bahn-Monatskarte schon wieder teurer, weil diesen Monat leider mehr Züge denn je wegen Materialmängeln liegen geblieben sind, deren Wartung wir uns leider so gerne sparen. Wir sind untröstlich.“ oder „Leider ist Ihr Schadensfall von Ihrem Versicherungstarif nicht abgedeckt, das können Sie in Ziffer 375 Absatz 67 Buchstabe m) Fußnote 388 dritter Halbsatz nachlesen, den wir leider reingeschrieben haben, damit wir Arschlöchern wie Ihnen nix zahlen müssen. Leider leider. Mir kommen die Tränen. Freundliche Grüße, das Krokodil.“

Hey Ihr Heuler, euch tut das alles gar nicht leid, was Ihr den ganzen Tag so schreibt. Ihr habt euch den Scheiß ja ausgedacht, den Ihr da kommuniziert, und mein Gefühlshaushalt interessiert euch einen Dreck. Woher ich das weiß? Ich schreibe so einen Bullshit selber, ständig, eat this: „Leider muss ich Ihnen für die Stelle in unserem Hause absagen, da wir sie anderweitig vergeben mussten.“

Leider?

Mussten?

Haha, ja klar, leider kannst du mich am Arsch lecken, du Gesichtsfünf, dich habe ich nach einmal Querlesen auf den Haufen mit den Vollpfosten gelegt, die nicht mal zwei Sätze ohne Fehler schreiben können, weil deine Bewerbung daherkommt wie die von einem verdammten Junge-Union-Mitglied. Da brat mir doch einer einen Siegelring, du wohnst auch noch in Dahlem, hast eine blitzsaubere Biographie ohne diese interessanten Brüche wie sie Menschen mit Charakter haben und unter „Sonstiges“ prahlst du mit dem Reitverein, dem Protokollamt beim Rotaract Club und deinen beschissenen Tenniserfolgen. Deine Bewerbung stinkt aus allen Papierfasern nach Protektion und deine Referenzen klingen wie von Papa über die Kanäle der Rotarier frisiert. Und wenn es das Letzte ist, das ich tue: Dich schlage ich erst zur Einstellung vor, wenn alle potenziellen Bewerberblindschleichen zwischen Ducherow/Mecklenburg und Borna/Sachsen tot umgefallen sind oder anstatt sich auf diesen Schleudersitz hier im Borgwürfel zu bewerben doch lieber was Seriöses arbeiten wollen (Kneipe, Zirkusclown, Waffenschieber, Auftragskiller). Dir ziehe ich jeden dahergelaufenen Schlumpf vor. Jeden Schlurch. Jeden Trinker. Sogar einen Sachsen, den keiner versteht, und bei dem sich alle auf dem Boden kugeln vor Lachen, wenn er zu sprechen beginnt. Live und direkt aus Borna. Motherfucker.

Ach ja, fast vergessen: Leider natürlich. Ich bin untröstlich, Ihnen absagen zu müssen und wünsche Ihnen alles Gute für Ihren weiteren Lebensweg.

Wünsche ich natürlich nicht, aber ich schreibe es – für den Fall, dass Sie dumm genug sind, so ein Geseier zu glauben. Oh schon so spät, ich muss weg, einen Bürokaffee trinken, mein Magengeschwür wird kleiner und das geht so nicht.

So ist das. Ab und zu müssen irgendwelche Honks irgendwelchen anderen Honks schlechte Nachrichten überbringen, die sie zu allem Überfluss auch noch selbst verursacht haben. Und damit die Scheiße, die sie vermitteln müssen, besser klingt als die Situation ist, schreiben sie Wellness-Bullshit rein, so etwas wie „leider“, so als hätten sie Verständnis für ihre Gegenüber und es zwänge sie der Beelzebub persönlich mit vorgehaltenem Dreizack zum Verfassen dieser Zeilen, die ihnen persönlich eigentlich voll zuwider sind.

Ob Sie verkrachten Gestalten wie uns tollen Briefeschreibern die Heuchelei im Übrigen abnehmen oder nicht, spielt gar keine Rolle, denn in Wirklichkeit sind Sie uns scheißegal wie nichts sonst, zumindest wenn man von einem überlaufenden Gulli im deutsch-polnischen Grenzgebiet oder einem in Chisibubikaio vor einen LKW gelaufenen weißrussischen Imker mit Mundfäule absieht. Im Zweifel wissen wir gar nicht, dass es Sie gibt oder vergessen Ihren Namen innerhalb von Zehntelsekunden, sollte er tatsächlich mal zwischen einem Becher Wiener Melange und diesem schweineteuren Lachsbagel mit handgeraspeltem Meerrettich von dieser geilen hippen Espressobar nebenan unser Sichtfeld kreuzen. Es ist nur Bullshitbingo mit Nullwörtern gegenüber Menschen, die uns nicht interessieren. Und keine Sorge, von den Nullwörtern gibt es noch viel mehr. Wir jonglieren damit wie diese dreadbelockten spanischen Arbeitslosen mit ihren Footbags an Kreuzberger Ampeln, bei denen wir das Scheibenwasser anwerfen, wenn sie unser Geld wollen.

Also, netter Versuch, Amazon, fast hätte ich geglaubt, du magst mich.

Nee, hätte ich nicht.

Verarsch mich doch.


Verarsch mich doch (21)