Unzugehörig (Aufräumarbeiten)

Mit Schminke an Backe und Stirn wanke ich über den Kurfürstendamm. Sie haben mich angemalt. Eingemeindet. Eingenordet. Vor wenigen Minuten ist dieses Land Weltmeister geworden.

Ich bin hier, weil ich Freunde habe, für die das der wichtigste Tag in ihrem Leben ist, an den sie sich den Rest ihres Lebens erinnern werden, Freunde, die beim Abpfiff geweint haben, Freunde, die für ein mittelmäßiges Gehalt in einem Borgwürfel von Bank/Versicherung/Behörde sitzen und sich jeden Tag wieder triezen/gängeln/kleinmachen lassen müssen. Von üblen Kunden, üblen Vorgesetzten, Kollegen auch, Kollegen immer. Doch heute ist ein Freudentag. Heute haben sie gewonnen. Das macht sie glücklich. Ehrlich glücklich. Und das ist kein Witz.

Ich bin tolerant, nachsichtig und sowieso ein guter Freund. Ich feiere mit ihnen, auch wenn mir egal ist, wer so ein Finale gewinnt. Doch das lasse ich mir nicht anmerken. Ich bin wirklich ein guter Freund. Ich tanze mit ihnen, trinke ihre furchtbaren kleinen Feiglinge mit, singe Schalalala und nehme alle in den Arm, die Lust darauf haben, von mir in den Arm genommen zu werden.

Ich habe nicht gewonnen. Ich stand ja nicht auf dem Rasen.

Der Kurfürstendamm brennt. Bengalos, Raketen, Sirenen, Gegröhle. Ein Türke umarmt mich von hinten, nimmt mich in eine Art Schwitzkasten und brüllt mich an, dass „Ihr jetzt Weltmeister!“ seid. Ein dicker Bärtiger knutscht mich ab. Sein Bart riecht nach Mettbrötchen mit Zwiebeln, abgestandenem Bier und Puller. Aus dem Inhalt eines solchen Barts können manche eine ganze Mahlzeit zusammenstellen. Für schlechte Zeiten.

Ich bin mir nicht sicher, wie ich das alles hier finden soll. Feiern können sie nicht angemessen, die Deutschen, das fällt mir immer wieder auf, es wirkt so oft so schnell großkotzig, wenn sie sich freuen, so als ziehen sie ihr Wohlbefinden ausschließlich aus der Unterlegenheit anderer. Stille Freude, Understatement, Respekt für den Gegner gar ist den meisten von ihnen fremd. Viel zu oft regiert nur die Schadenfreude. Messi. Wessi. Ossi. Etwa auf diesem Niveau bewegt sich das, mit dem man mich zu Zeiten von Weltmeisterschaften über die Messenger auf dem Smartphone bedenkt. Ich gebe mir Mühe, das lustig zu finden, aber es klappt nicht.

Die deutschen Fußballfans sind im Querschnitt unausgeglichen, denke ich immer, wenn ich sie so sehe. Verlieren sie, versinken sie in Selbstmitleid, kauern auf den Knien, geben dem Schiedsrichter die Schuld, der Deutsche hasst, sowieso werden sie immer gehasst, keiner mag die Deutschen, davon sind sie überzeugt, die ganzen rülpsenden Trikotträger, die mettbrötchenschwitzenden Bockwurstgesichter und die Horden brüllender Teenager aus den prekären Schulen dieser Stadt, die den Grundtenor schon früh in sich aufgesogen haben: Alle sind gegen Deutschland, die Schiedsrichter, die Fifa, die Argentinier, die Italiener sowieso, die Spanier, Griechen, sogar der DFB, die ganze Welt hat nichts besseres zu tun als Deutschland um den gerechten Sieg zu bringen, der ihnen zusteht wie sonst niemandem. Es ist ein armes Land, das immer zu kurz kommt, beherrscht von unterschwelligem Schämen für das eigene Dasein, dessen Wert sie sich immer wieder bestätigen lassen müssen. Magst du mich? Magst du Deutsche? Ja? Bitte sag ja. So wirkt es, wenn die Jubelperser davon schreiben, dass die Brasilianer jetzt für Deutschland jubeln, weil sie die Argentinier hassen oder sie Bilder von tanzenden Türken aus Wedding zeigen, die sich für Deutschland freuen, weil die Türkei nicht qualifiziert ist. An solchen Dingen hängen sie sich auf. Es kommt mir vor wie ein Land ohne gesundes Selbstvertrauen. Ein Mix aus Minderwertigkeitskomplex und wilhelminischer Großschnauze. Abwechselnd. Mal so, mal so. Auf den Knien oder an der Kehle. Allein, gesund klingt das nicht.

Deutschlaaaaand Deutschlaaaaand. Wenn sie gewinnen kippt die Stimmung von der Depression in die Manie. Wieder in die Übertreibung. Die erste Strophe darf es auch wieder sein. Über alles in der Welt. Wäre Deutschland ein Mensch, wäre er … nun ja … manisch-depressiv. Egal was sie sagen, egal was sie schreiben: Dieses Land kann nicht locker, es kennt kein Maß. Wenn sie gewinnen, sind sie alle Kaiser Wilhelm und die kleinen Angestellten, Mechatroniker, Sekretärinnen und Reisebüroknechte schauen selig auf eine Leinwand, auf der ihre Kanzlerin sich an eine Mannschaft heranwanzt, von deren Glanz immer schon genug auf sie abfiel, dass es locker für Mehrheiten bei denen gereicht hat, die es nicht besser wissen können.

Natürlich kommt kurz nach dem Triumph sofort wieder die Angeberei. Die Stunde der Aufschneider schlägt. Es ist wie ein Fluch, Bescheidenheit funktioniert hier nicht. Diese Mannschaft wird auf Jahre hin unschlagbar sein, sagen sie jetzt. Drunter geht es nicht. Das haben sie 1990 auch schon gesagt. Rausgekommen ist nichts. Außer dicke Backen. Und danach jede Menge Depression.

Doch morgen wird dieser traurige Abklatsch von Hurrajournalismus wieder schreiben, wie normal sie feiern konnten, die Deutschen, so als wäre diese Tatsache eine Nachricht wert. Diese verdammte Normalität, die sie nicht können. Wie alle anderen zu sein, das wünschen sie sich, das schreiben sie herbei, das ist ihnen wichtig, glücklich strahlende Ährenkranzzöpfe mit Trikolore im Gesicht, junge Wonneproppen mit roten Backen, kerngesunde Blondinen im Trikot, glucksende Babys auf dem Arm, daneben der Migrant, der integrierte, mit der Fahne, gerne Schwarzafrikaner, den man sonst als Schreckgespenst über den Boulevard jagt, weil er mit Booten über die Seegrenze kommt.

Beim Anblick von denen kann die Stimmung schnell kippen. Wie bei Boateng, der nur dann kein Neger mehr ist, wenn er gut spielt. Oder wie bei Özil. Wehe wenn der Messi ihn ausdribbelt. Dann ist aber Schluss mit der Integration. Wie der schon kuckt. Diese Augen. Und die Nationalhymne singt der Türke auch nicht mit. Was glaubt der, wer er ist. Du bist kein Deutscher, brüllt derweil auf dem Kurfürstendamm einer einen Dunkelhäutigen an, der das deutsche Trikot trägt. Dabei ist es sogar ein neues. Das von Götze. Dem Weltmeistermacher. Dem Torschützen. Was aber keine Rolle spielt, denn der da ist kein Deutscher. Er gehört gar nicht dazu.

Normal. So wollen sie sich sehen, doch so sind sie nicht.

Hier auf dem Kurfürstendamm werfen sie gerne Polenböller in Menschengruppen, erfreuen sich an den kreischend auseinander springenden Frauen, feuern Raketen waagerecht ab, Leuchtspurmunition auch, und giggeln, wenn es jemanden am Bein trifft. Die Tasche irgendeines bedauernswerten Honks geht in Flammen auf, als jemand ein brennendes Bengalo auf sie wirft, Glas geht zu Bruch, Bierflaschen auf Asphalt machen einen Scherbenteppich, friedlich ist das nicht, entspannt schon gar nicht und mit Leichtigkeit hat das auch nichts zu tun, denn die Luft geht mit der Gewalt schwanger. Dieses Land trägt schwer an sich selbst. Und in den Seitenstraßen steht die Hundertschaft. Weil sie weiß, wie das hier enden kann. Pappenheimer und so.

Ich fahre nach Hause. Der Freundschaftsdienste ist genüge getan. In wenigen Stunden muss ich arbeiten. Ich werde funktionieren wie jeder hier im Land. Im Funktionieren sind wir alle Weltmeister und weil Funktionieren alleine auf Dauer nicht ausreicht, gibt es ab und zu etwas für die Seele: Mallotze. Schinkenstraße. Micky Krause. Helene Fischer. Meisterschaft. Bratwurst. Winkelemente. Und unsere Kanzlerin in der Umkleide mit den Jungs. Wie volksnah sie ist. Schau mal.

Da die BVG nicht mitmachen mag beim Funktionieren, was sie fast schon wieder sympathisch macht, ist der Bahnsteig überfüllt wie sonst nur bei der Berliner S-Bahn. Und hier holt mich dann gleich wieder die harte Realität ein: Der Ellenbogen. Das Unentspannte. Die Verkrampftheit. Die dumpfe körperliche Gewalt. Sie lassen die Leute nicht aussteigen, sie stoßen Schwächere beiseite, sie drängeln, schubsen, pöbeln. Die U-Bahn ist überfüllt, ein paar Trikolorehooligans mit absurd großen Fußballmützen rennen mit Anlauf in die Menschenmasse im Wagen, einer Frau fällt die Handtasche auf den Boden, irgendwem eine Brille. Komm rinn, Altaaa, dit passt noch, dit passt noch, und noch ein Schwinger, einen in die Nieren, sie sind sich alle selbst die nächsten. So ist das hier. So kennt man das.

Dieses Land ist Weltmeister. Davon werden sie wieder einige Jahre zehren können, jene, denen das Leben sonst wenige Siege schenkt, vier Touchdowns in einem Spiel für Polk High, sie werden sich daran festhalten können, wenn die Welt wieder grau wird, an ihren Arbeitsplätzen, an ihren Werkbänken, hinterm Informationstresen, beim Kehren des Bahnsteigs, beim Stempeln des Formulars, in Uniform, im Anzug, im Blaumann, vor dem Lohnsteuerjahresausgleich, nach dem Ausstechen an der Uhr – während ihnen andere von Gürteln erzählen, die leider mal wieder enger geschnallt werden müssen. Denn nach der Krise ist vor der Krise. Und wenn sie das nächste Mal nur Zweiter werden, ist bestimmt der Schiri schuld. Der italienische. Der Sauhund.

Ich nehme einen Schluck von meinem Wegbier, das mich unsichtbar macht, weil alle eines haben. Das lenkt davon ab, dass ich kein Trikot trage und auch keine Fahne als Superman-Umhang, hier in Berlin-Gesundbrunnen, wo ich stehe, weil die S-Bahn beschlossen hat, jetzt nicht mehr weiter zu fahren. Ich muss kurz lachen, denn auch ein Weltmeistertitel nebst einer Stadt im Ausnahmezustand hält die gnadenlos kaputtgesparte S-Bahn offenbar nicht davon ab, sich, ihre Linien und vor allem ihren Fahrplan zu verstümmeln. Der Anspruch an sich selbst ist hier keiner mehr. Berlin als unperfekte Hauptstadt einer perfektionistischen Nation. Das hässliche Kind. Die Mutation. Ich finde das manchmal ganz gut, auch wenn mich die Folgen der Vernachlässigung treffen wie jetzt, wenn ich nach Hause laufen muss, weil nichts mehr fährt und kein Taxi zu bekommen ist.

Am Alexanderplatz zündet jemand Feuerwerk, sehe ich von der Behmstraßenbrücke aus, über die mich mein erzwungener Spaziergang nach Prenzlauer Berg führt. Hier ist es friedlich, hier sind sie noch nicht, die umgekippten Mülleimer, die Seen aus Kotze, die Scherben tausender Bierflaschen, die Häme. Ich atme noch einmal durch. Im Player läuft Nick Cave. Die Luft ist frisch. Es hat geregnet. Sie sind Weltmeister.


Tribute

 


 

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