Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Honk (24)

Dass im Fahrscheinkontrollwesen der Berliner S-Bahn nicht gerade die intellektuellen Überflieger dieses an intellektuellen Überfliegern sowieso nicht reichen Landes arbeiten, ergibt sich schon aus der Tätigkeitsbeschreibung: Anscheißer. Denunzianten. Schnüffler. Nachsteller. Wer nicht vom Jobcenter dazu gezwungen wurde, diesen lausigsten aller verachtenswerten Jobs zu machen, sondern ihn freiwillig ausübt, muss über einen massiven Charakterfehler verfügen, aber der gehört quasi zum Stellenprofil. Wer den nicht hat, käme sonst auf die Idee, sich für das was er tut zu schämen. Und das geht nicht, für den Job braucht es Schamlose.

Ich quäle sie gerne und lasse mir unendlich viel Zeit, während der Kontrollhonk mir die ganze Zeit seinen schäbigen Kontrollausweis zehn Zentimeter vors Gesicht hält, weil er annimmt, es gehe dadurch schneller.

Geht es nicht. Ich krame hier, krame dort, sortiere hier, schaue in die eine Tasche, dann in die andere und kurz bevor er sichtlich entnervt die Bullen holen will, fische ich den Fahrschein überraschend aus dem Scheinefach meines Geldbeutels hervor und die Enttäuschung kennt keine Grenzen. Wieder keinen Fahrleistungserschleicher abgegriffen. Wie schade.

Mit meiner unfassbaren Langsamkeit habe ich schon manchem Schwarzfahrer den Arsch gerettet, der aussteigen konnte, weil ich es trotz erheblicher Bemühungen leider nicht geschafft habe, bis zur Einfahrt in den nächsten Bahnhof den Fahrschein zu finden. Ich bin untröstlich, aber manchmal bin ich echt langsam. Man steckt halt nicht drin.

Sie merken schon, ich kann sie nicht leiden. Es sind Anscheißer und die mag ich nun mal nicht. Sie spielen bei mir in der Arschgeigenliga der Parkplatz- und Müllzettelnazis. Und ich liebe es, wenn sie in Panik geraten, weil sie ahnen, dass sie es nicht mehr schaffen werden, den Rest des Wagens zu kontrollieren, weil ich so quälend langsam wie eine Schildkröte meinen Fahrschein suche, von dem sie ja wissen, dass ich ihn habe, denn ich bin Anzugträger und so einer hat immer einen Fahrschein – nicht wie der verlauste Student ganz da hinten, der sich schwitzend an die Wagentür lehnt und hofft, dass der Kontrollhonk es nicht mehr bis zu ihm schafft, was der natürlich weiß, aber nicht weg kann von mir so lange ich krame und krame. Und krame.

Heute steht neben mir eine Kontrollbratze ersten Ranges, quasi ein lebendes Beispiel völlig missratener Erziehung, und lässt endgültig sämtliche Regeln zwischenmenschlichen Interagierens fallen, womit sie sich selbst für das Kontrollwesen zur Königin des miesen Karmas macht.

Sie zeigt auf mich und brüllt: „EH WOLLE HASTE DEN HIER SCHON?“

Den hier. Ganz groß. Ein Duktus wie Abschiebeknastwärter. Bundeswehrschleifer. Verhörspezialisten. Sportlehrer. Es ist wie es ist: Berlin. S-Bahn. Kontrollbratze. Drei Dinge, die zu einer Frage wie dieser hier führen. Fürchterliche Menschen machen fürchterliche Jobs in einem fürchterlichen Verkehrsmittel. Sowas führt zu sowas.

„JA DEN HAB ICK SCHON.“ brüllt der andere zurück.

Ja, haste. Honk. Glückwunsch.

 


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