Grunewaldlauf – Der Glenlivet, die Wedlerin und ein sterbender Elefant

I hate myself and want to die
Nirvana

Das da oben ist der Blick aus einem Fenster eines Scheißhauses in einem Vereinsheim im Grunewald frühmorgens um 9 nach einer durchsoffenen Nacht. Ich muss kurz nochmal pissen, das dritte Mal schon. Das liegt an dem Liter Kaffee, den ich mir heute früh am liebsten direkt in die Adern gespritzt hätte, aber aus Gründen akuter Mutlosigkeit doch lieber getrunken habe.

Im Grunewald haben sie zum gleichnamigen Lauf geladen. Mir fallen gerade die Gründe nicht sein, die dafür sprechen, sich für einen Sonntag um 10.00 Uhr zu einem Lauf anzumelden (und dafür Startgebühr zu bezahlen), wo doch klar ist, dass ich einen Samstagabend in meinem Leben nur dann ausruhend zum Zwecke der sorgsamen Vorbereitung auf meine Mitwirkung an einem Sportereignis im Bett verbringe, wenn entweder alle meine Freunde gestorben oder zumindest zu krank zum Saufen sind.

Also nie.

Ich fühle mich nicht gut. Die Flasche Glenlivet hinter dem Tröpfchen Conde de Valdemar hat ihre Wirkung nicht verfehlt. Dazu habe ich massenhaft Essigchips, Hariboschlümpfe und drecks Goldbärchen gefressen, so viel davon, dass ich alles zusammen am liebsten noch in der Nacht in die Kloschüssel gekotzt hätte, wäre ich dazu motorisch noch imstande gewesen.

Und weil das alles nicht reicht, stand um halb sechs früh – also nach vier Stunden Achterbahnschlaf – das Kind am Bett und begehrte Zerstreuung. Hallo 24/7-Daddy, lächle und sei froh, ich bin dein Kind und ich hab dich soooo lieb.

Das ist dann einer der Momente, in denen ich mich irgendwohin wünsche wo nicht hier ist: An einen Strand in Jamaica, Acapulco, Mallotze meinetwegen, Chisibubikaio oder von mir aus auch der Mond. Überall hin, nur nicht in den Grunewald, um mit furchtbar positiv in eine unerträglich glückliche Welt strahlenden Honigkuchengesichtern über Waldwege zu laufen. In frischer Waldluft.

Waldluft. Frische. Der gesunde Geruch von Erde und nassem Holz. Wenn ich schon daran denke, bekomme ich Lust auf Petting mit der Vereinskloschüssel.

Das Schlimmste an dem Lauf ist, dass es so wenige Teilnehmer sind. Nur etwa 300 Hansel sind am Start, das ist ein Witz. Ich werde mich also nicht in einem anonymen Pulk unsportlicher Honks verstecken oder in den tumben Zuschauermassen untertauchen können, wenn es nicht läuft. Keine Chance. Die kennen hier jeden Läufer mit Namen nebst Familie bis ins sechste Glied. Frage an mich selbst: Wieso starte ich eigentlich hier und nicht bei einer der völlig überlaufenen Abzockveranstaltungen des SCC für zehntausende Bierplautzensiegfriede und kuchenfressender Vorzimmerdamen, in der ich völlige Anonymität genießen und ungesehen abkacken könnte.

Heute stimmt nichts, ich merke das jetzt schon. Es ist schwül, drückend, für heute haben sie Regen angesagt, der mich wenigstens ein bisschen kühlen könnte, doch ich schaue zum Himmel und weiß jetzt schon, dass er nicht kommen wird, wenn ich ihn brauche. Es gibt Tage, da muss das so sein. Heute ist so einer.

Trotz meines Zustands muss ich grinsen. Wir nehmen Mitglieder auf, schreiben sie. I bet you do. Vereine haben’s ja schwer. Kaum noch Nachwuchs hat Bock auf Vereinsmeierei, Satzungsgezanke, Schriftführerwahlen, Tagesordnungspunkte, Beitragsordnung, den ganzen Scheiß. Vereine gehen den Bach runter, fast überall. Die Kids organiseren ihren Scheiß bei Facebook oder lieber gar nicht. Und Sport ist mit der Wii viel geiler als mit ausgemusterten Bundeswehrschleifern im Wald.

Die einzigen Vereine, die boomen wie Hulle, sind Selbsthilfevereine in Prenzlauer Berg, in denen sie Themen besprechen wie: „Hilfe, ich sitze in meinem totsanierten Eigenheim, habe alle interessanten Leute aus dem Bezirk geekelt und jetzt ist das alles hier voll langweilig. Buäh.“, „Hilfe, mein Nachbar will den Müll nicht trennen und wirft ungespülte Joghurtbecher in den Restmüll. Wäh.“, „Oh nein, der Ayurveda-Gurke-Lauch-Aufstrich bei Alnatura ist ausverkauft.“ oder auch „Herr, gib mir Kraft, denn meine Chakren spielen verrückt und meine Klangschale habe ich Sabine der Patchoulifachverkäuferin geliehen.“

Oder sie bilden Bürgerinitiativen. Für Gaslaternen. Gegen rissige Gehwegplatten. Für eine Spielstraße. Oder dagegen, dass ihre Brut mit den Kindern muselmanischer Migranten aus dem Wedding eingeschult wird, weil Toleranz nur von Bewohnern unterprivilegierter Kieze eingefordert wird, aber aufhört, wenn es um das eigene Balg geht.

Ich muss schon wieder lachen. Hier haust also der Platzwart. Hauptsache sie vergessen nicht, ihn am Dienstag hinaus zu stellen. Wahrscheinlich sitzt er wie Mama Bates seit Jahrzehnten tot im Schaukelstuhl und muss jeden Dienstag mal kurz draußen durchgelüftet werden, weil sich sonst die schwarz gewordene Epidermis ablöst. Hier ist Grunewald, was anderswo ungewöhnlich erscheint, mag hier normal sein. Ich weiß es doch auch nicht.

Old school. Good old rusty Grunewald Sportanlage. Alles vermoost, verfällt, verspinnenwebt. Das letzte Mal als hier renoviert wurde, war der Amerikaner noch unser Freund und hat Schokolade vom Himmel geworfen.

In dem Streifen zwischen Grunewald und Wannsee leben sowieso immer noch die 60er fröhlich weiter, ohne Update im Betriebssystem, hier haben sie alle überlebt, die ganzen Vereinsmeier, die Mauerkinder, die Engelhardt-Bier-saufenden Opa Kowalkes, die Spitzendeckchen, hier reiten sie im Wald auf den Rassepferden, wählen CDU, haben ein Harald-Juhnke-Poster über der Filterkaffeemaschine in der blümchentapezierten Küche und schauen sich immer so gerne mit Muttchen Praxis Bülowbogen auf den alten VHS-Kassetten an, unbekümmert vom Sturm der Welt. Wenn es irgendwann einmal eine Revolte in diesem Land gibt, dann wird sie hier zuletzt ausbrechen. Bevor hier etwas passiert, brandschatzt und plündert eher Prenzlauer Berg seine fünftausend Bioläden und knüpft die zahllosen Gurus an den Laternenmasten auf.

Es gibt sogar eine Tombola. Keine Ahnung, was man gewinnen kann, aber ich habe wenig Ambitionen, es heraus zu finden. Für das, was ich hier erwarte – eine Kuchenplatte mit Abdeckhaube, ein AEG-Rührgerät, ein Schreibset, ein Paninialbum der WM 82 oder einen Weltempfänger – habe ich keine Verwendung. Ich würde es wahrscheinlich zu Silvester zur Belustigung befreundeter Knallköpfe mit Polenböllern in die Luft sprengen wie die Thermoskanne mit Borgwürfel-Logo, die der Chef zum vorletzten Schrottwichteln eingebracht hat und die ich gewonnen habe.

Der Start ruft. Ich will nicht hin.

Es geht mir noch schlechter als eben noch, weil ich offenbar gerade nüchtern werde und mein Körper mir den versoffenen gestrigen Abend nebst Strafschnaps wegen der verlorenen Wette auf Uruguay mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, heimzahlen möchte: Schweißausbrüche, fallender Blutdruck, trockener Mund, obwohl ich jetzt nichts mehr trinken darf, weil ich sonst gleich bei Kilometer 3 in den Wald pissen muss, dort wahrscheinlich umfalle und bis in alle Ewigkeit in meiner eigenen Pisse liegenbleibe.

Peng. Start.

1, 2, 3, 4 Kilometer. Erstaunlicherweise läuft es gut. Das liegt an der Wedlerin.

Die Wedlerin läuft exakt mein Tempo und hat einen völlig durchgeknallten Laufstil, der seinesgleichen sucht: Die Schultern zucken in einer abgehackten Weise wie beim T-800, nachdem man ihm in Terminator 1 die menschliche Haut weggebrannt hat. Und die Arme wedeln dazu wie ein übergeschnappter Dirigent auf Ecstasy. Großartig. Ich muss mich zusammenreißen. Wenn ich jetzt lache, kommt das Seitenstechen und ich lege mich wirklich in einen Graben zum Sterben.

Sie läuft mein Tempo und wir ziehen uns gegenseitig nach vorne. Wenn ich schwächel, zieht sie vorbei und mich mit und wenn sie schwächelt, drehe ich auf und ziehe sie mit. Wir laufen ganze 9 Kilometer zusammen, wobei mir bei Kilometer 5, als ich mich gerade wundere, dass mein Herz noch schlägt, der Glenlivet beginnt, wie flüssiges Harz aus meinen Poren zu tropfen. Ich stinke nach Fusel wie mein alter resignierter Geschichtslehrer und rülpse saure Gummibärchen, aber es geht trotzdem überraschend gut. Die Wedlerin und ich, wir sind heute das perfekte Laufteam und ich beginne zu vermuten, dass es ihr genauso scheiße geht wie mir und sie ohne mich genauso aufgeschmissen wäre.

Wunschdenken, Penner. Dass sie mich nicht braucht, wird zuletzt klar, denn der Grunewaldlauf hat ein Problem und das heißt Sandgrube. Es geht zu Beginn fast zwei Kilometer bergab an der Grube vorbei. Und am Schluss fast zwei Kilometer bergauf. Na klar. Wenn runter, dann wieder rauf. Binse. Ich erinnere mich zu spät daran, dass mir diese Steigung früher schon einmal die Beine weggezogen hat. Das liegt daran, dass ich prinzipiell keine Steigungen kann, weil es dort wo ich wohne keine zum Üben gibt. Ich weiß das eigentlich, doch ich vergesse es immer wieder, wenn ich mich hierfür anmelde.

Diese Steigung überlebe ich heute exakt einen Kilometer, dann kacke ich ab. Wieder einmal. Die Wedlerin zieht mich erst mit …

…  und dann davon.

Die Beine werden schwer wie Blei. Ich beginne zu husten. Jetzt spüre ich auch das Seitenstechen, dass ich bisher gekonnt ignoriert habe. Ich würde jetzt gerne kotzen, aber es würden nur Magensaft und die Reste eines Apfels zutage treten, den ich mir heute früh in einem Anfall von Wagemut in die entzündete Speiseröhre gedrückt habe. Das bringt alles nix hier. Die Wedlerin ist weg. Ich bin alleine. Und werde immer langsamer, wobei mich ein Honk nach dem anderen einsammelt, alle die, die ich schon deklassiert wähnte.

„Hop Hop Hop junger Mann“, ruft mir eine Oma mit deutschlandfarbener WM-Rassel zu, die plötzlich am Wegesrand steht. „Der ist nicht jung, Oma.“ sagt der Enkel daneben, ein schmieriger kleiner Bastard, dem ich den Hals umdrehen würde, wäre ich dazu noch in der Lage.

„Auf geht’s!“ ergänzt ein Opa und klatscht freudig in die Hände. Sie meinen es gut mit mir und sprechen mich direkt an. Ich muss aussehen wie eine Wasserleiche, zumindest fühle ich mich so. Und ich bin langsam, unerträglich langsam, so langsam war ich noch nie. Mein Körper übt bittere Rache an mir, er fährt nahezu alle nicht unmittelbar zur Lebenserhaltung zugehörigen Körperfunktionen radikal zurück, ich schwitze und friere gleichzeitig, der Schweiß läuft mir in die Augen, meine Beine fühlen sich an wie einbetoniert, die Muskeln brennen von den Waden bis zur rechten Schulter, ich habe einen Kieselstein im Schuh, Seitenstechen sowieso, eine Brustwarze ist wundgescheuert und der Magen spielt Vulkan – ich bin nach lausigen 9,5 Kilometern am Ende aller Kräfte.

„Los jetzt! Ehrgeiz!“, „Hop Hop Hop Weitermachen!“ Irgendwer sagt irgendwas zu mir. Ich höre schon kaum mehr was, wahrscheinlich wird jetzt auch die Hörfunktion heruntergefahren bevor ich zuletzt dann ganz blind werde und der Schließmuskel alles laufen lässt was man nicht laufen lassen sollte. Dann können sie die Reste zusammenfegen und den Abdecker kommen lassen. Ich habe gerade beim Vorbeilaufen in einem Schrebergarten einen Komposthaufen gesehen. Der tät’s auch. Ich nehm‘ jetzt alles. Nur hinlegen.

Am Ziel, an dem viel zu viele Menschen stehen, die meinen Zieleinlauf begutachten, schaffe ich es noch einmal, die eingefallene Brust anzuspannen und den Kopf zu heben, bevor ich mich auf den Aschenplatz fallen lasse und für lange Zeit nicht mehr aufstehe.

Ein kleiner Volkslauf. 10 flockige Kilometer. Normalerweise eine Trainingseinheit. Heute nicht. Heute war das aus Gründen, die ein Schnapsbrenner aus Schottland im Team mit mir, dem Mißbraucher seines Werks, zu vertreten hat, hart. Echt hart.

Auf dem Weg zum Auto kommen mir die letzten Walker entgegen. Ich schaffe es noch zu grüßen. Ob ich nicht mehr zur Tombola bleibe, fragt mich ein Streckenposten. Nein, ich möchte mich hinlegen zum Sterben, wie ein alter Elefant, dessen Zeit abgelaufen ist, sage ich und raffe mich zu einem Grinsen auf.

Als das Zittern der Beine endlich aufhört, starte ich den Motor und fahre Richtung Autobahn. Einen Tag Zeit werde ich ihm geben, dem Sausack von Körper, dann zwinge ich ihn zu einem Ausdauerlauf. Strafe muss sein.

 


 

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